Der Blick schweift über die Felsenlandschaft, vier wunderschöne imposante weiße Riesen, Eisbären, liegen ruhend auf den von Wasser umspülten Felsen – keine Impression aus den arktischen Gefilden, sondern ein Blick auf das große Eisbärengehege im Zoo Berlin.

Eisbär Knut, das handaufgezogene Lieblingskuscheltier der Berliner, ist endgültig erwachsen geworden. Er befindet sich hier mit drei ausgewachsenen Bärinnen, mit denen er für neuen Eisbärennachwuchs sorgen soll.

Zoo Berlin - Chronologie der Umzugs-Wochen von Eisbär Knut

Sein Weg der letzten Wochen verlief rasant. Bis August 2010 noch auf der Brillenbäranlage zuhause, gemeinsam mit Giovanna – die Eisbär Youngsters Paarung auf Zeit. Zwei Temperamente –hier der gemütliche, wenn auch verspielte junge Bär, da die sprungfreudige temperamentvolle Bärin, der auch noch in den letzten Wochen des Zusammenseins die ersten Hormone einschossen.

Nach der Abreise von Giovanna tat ihm das Alleinsein sichtlich gut. Er war wieder verspielt - zu Ballspäßen aufgelegt, er war wieder aller kleiner Liebling, „Knut- det kleene Kind.“

Es wird ernst - der Umzug von Knut beginnt

Kurz entschlossen machte sich der Zoo an die endgültige Zusammenführung mit den drei, nach dem Abgang von Lars, "verwitweten" Bärinnen, an den Wünschen und Ängsten des treuen Knut-Publikums vorbei. Der Umzug wurde ruck-zuck in Angriff genommen. Ein Schlachtplan wurde hinter den Kulissen des Bärenfelsens ausgetüftelt und dann mit Präzision abgespult.

Am 7. September wurde Knut kurz betäubt -er möge diese Missetat Dr. Schüle hoffentlich auch wieder verzeihen - und von dem einen Teil des Bärenreviers ins andere verfrachtet. Da werden die acht Mann kräftig geschwitzt haben, immerhin wiegt der Bär bereits 270 Kilo. Die kurze Bewusstlosigkeit wurde noch für diverse Untersuchungen genützt, Blut abgezapft, der Gesundheitszustand kontrolliert und aus den Träumen erwachte Knut in einer anderen Welt.

Alleine auf dem großen Bärenfelsen - Knuts erste Tage

Am 8. September wagte er seine ersten zögerlichen Schritte hinaus. Groß, viel Wasser, steile Felsen - leider kein Baum, kein Rindenmulch zum Schmuddeln, aber viel Platz. Es roch eindeutig nach anderen Eisbären. Stress pur für den jungen Bären. Man sah es ihm deutlich an. Das Mitgefühl unter seinen Zuschauern war groß.

Vorsichtig, wie es seine Art ist, erkämpfte er sich Tag für Tag mehr Sicherheit. Schon bald spielte er mit Begeisterung in dem Wassergraben, hatte durch die Glasscheibe seinen Spaß Zuseher zu erschrecken oder auch via Glasscheibe abzuschmusen. EIn belaubter Ast, von der Pflegerin eingeworfen, Knut begann sich eindeutig wohl zu fühlen.

Zusammenführung von Eisbär Knut mit Tosca, seiner Mutter

Am 15. September kam der große Tag – die Zusammenführung mit einer der großen Eisbärinnen. Ausgerechnet Tosca, die Bärin, die ihn geboren, aber nicht angenommen hat, wurde dafür bestimmt. Warum sie gerade Tosca gewählt haben, das wussten die Agierenden im Hintergrund genau. In der Rangfolge der Bärinnen ist sie die Leading-Lady. Sie ist verspielt, aber sanft, neugierig, aber nicht aggressiv.

Ein sentimentales Wiedersehen wurde es nur für die menschlichen Zuseher. Für Tosca und Knut war es einfach die Begegnung zweier fremder Eisbären. Vier Tage vergingen, Tosca beschnupperte ihn von Zeit zu Zeit, man maß sich maultechnisch, wie es Eisbären so tun, mal wurde gebrummt, mal geschnauft, aber man ließ sich auch wieder gegenseitig ihn Ruhe.

Eisbären-Zauberei: Aus zwei mach drei, mach vier

Am 20. September wurden aus zwei anwesenden Eisbären plötzlich drei. Nancy wurde endlich zu ihrer Freundin gelassen. Dass da noch ein neuer Bär war, interessierte sie im Grunde nicht besonders. Sie war es zufrieden, Tosca endlich wieder ein Ohr ab zu knabbern.

Am 21. September kam auch das pummeligste und temperamentvollste dritte Weibchen, Katjuscha, dazu. Da stockte den um Knut besorgten Zuschauern erstmals der Atem, denn Katjuscha ist nicht unbedingt der Typ, der weiß, was Respektabstand bedeutet. Aber auch das meisterte Knut bereits mit links. Stehen bleiben, brummen, Maul aufreißen, sich beschnuppern lassen und dann lässig abdrehen.

Drei gegen einen, unfair?

Dann aber kam die gefürchtete Situation. Knut in der Zwickmühle- konfrontiert mit drei ausgewachsenen Bärinnen, die ihn in die Ecke drängen! Was wird geschehen? Wird er ängstlich weichen? Aber wohin? Seine Tapirlippe hängen lassen? Oder kommt Schlimmeres? Gibt es Revierkämpfe?

Sie nähern sich, zwei erwachsene Bärinnen direkt vor ihm, die dritte kommt von von oberhalb- neugierig. Was man ihnen da Nettes in ihr Gehege gesetzt hat, scheinen sie sich zu fragen. Oder wollen sie gar den Eindringling, es ist immerhin ihr Revier, vertreiben? „Meine Mädels sind doch keine Mörderinnen“, äußerte sich schon Tage vorher Sylvia Weckert, die Pflegerin, als sie die Bedenken und Ängste der Besucher vernahm. Sind sie auch nicht.

Knut weiß bereits, was zu tun ist. Stehen bleiben, sich ein wenig kleiner machen, nur nicht den starken Mann markieren. Wenn ihm das Beschnüffele endgültig zu viel wird, wählt Knut einen eisbärmäßig würdigen Abgang; er verzieht sich ins Wasser- und schwimmt sich – im wahren Wortsinn - frei. Und albert kurz darauf bereits wieder mit seinem Publikum. Das Wasser ist eindeutig sein Element – den Schwimmtrainingsstunden mit Thomas Dörflein und Ronnie Henkel sei Dank.

Knut und sein neues Selbstvertrauen

Ach ja – nur um das zu untermalen: vor Katis Höhleneingang sitzt es sich bestens- auch wenn dies Katjuscha nicht passt. Und da beweist, der einst schüchterne Prinz, bereits Sitzfleisch. Da wird Katjuscha, die an ihm am meisten von allen dreien interessiert ist, fest angebrummt und keinen Zentimeter zurück gewichen. Und die Dame akzeptiert es. Er ist wirklich erwachsen geworden, Berlins ehemals liebstes Kuscheltier, der Eisbär Knut.

Update am 19. 10. 2010

Um die Zeitungsüberschriften: "Knut wird von den drei Bärinnen gebissen" und sei ängstlich" wieder ins Gleichgewicht zu bringen, hier ein kurzer Ausschnitt aus einem aktuellen Zoobericht von " Yeo" (Nickname), einer zuverlässigen und sehr unterhaltsam schreibenden Besucherin:

"Zwischen Knut und Nancy gab es heute eine Meinungsverschiedenheit. Nancy fauchte Knut an. Knut machte seine Tapirlippe und verkrümelte sich wieder auf seinen Felsvorsprung. Später bedrängten ihn die drei Damen vor der hinteren Höhle und brüllten ihn an. Knut senkte demütig den Kopf. Dann ging Katjuscha auf Knut zu und gab ihm ein Küsschen. Von Tosca bekam er auch eins.

In dem Moment kam Herr Henkel (der zuständige Reviertierpfleger) und betrachtete die Bären. Ich meinte, es hätte Familienzoff gegeben. Darauf entgegnete Herr Henkel, das sei nicht das erste Mal und würde auch noch öfter passieren. Knut müsse lernen, sich zu behaupten und das werde er auch. Das mit Nancy sehe gefährlicher aus als es sei, denn „Nancy ist ein großer Feigling.“ Da war ich beruhigt."

Fazit: Man kann es keinem Kind und auch keinem Tier abnehmen, sich in einer sozialen Gruppe ein zu gliedern. Das muss jeder für sich selber lernen. Auch Knut.

Wer noch detailliertere Berichte der ersten Umzugstage sucht, wird bei Knuts Blogs und Foren fündig.

Fotonachweis: Ein Danke an Birgit S, Christina M, SPM

Update am 25. Oktober 2010

Ein Video und seine Auswirkungen

Update am 17. Dezember 2010

Seit gestern, dem 16. Dezember, tobt Knut vergnügt im Wasser mit Tosca. Sie hat das Eis zum Schmelzen gebracht. Reichlich Fotodokumentation dafür.

Knut, eine besondere Tierpersönlichkeit