Schafskäse, Brandy und die anfeuernden Rufe seiner Landsleute brachten ihn über die 40 Kilometer. Das weiß zumindest Wikipedia zu berichten. Spyridon Louis, der erste olympische Marathonsieger, bezwang die Mörderstrecke in knapp drei Stunden. Eine Zeit, die sich noch heute sehen lassen kann. Von High-Tech-Laufschuhen oder Superfunktionskleidung hatte damals noch keiner etwas gehört. Bei den Olympischen Spielen 1896 in Athen, wo der Grieche souverän den Marathon gewann.

Es muss nicht immer der Marathon sein

Seitdem fasziniert diese Laufdisziplin unzählige Läuferinnen und Läufer. Auch Kurt Patzer hat die heute 42,195 Kilometer lange Distanz durchkämpft. "Während meines Studiums. Damals lief ich drei oder vier Mal wöchentlich. Speziell für den Marathon habe ich nicht trainiert, ihn dennoch in einer guten Zeit geschafft. Die Strecke durchzuhalten, hat viel mit Willenskraft zu tun." Heute ist Kurt Patzer 54 und etwas schwerer als damals, wie er selbst schmunzelnd zugibt. "Das war damals läuferisch meine beste Zeit", sagt der gebürtige Thüringer und Leiter des Dresdner Lauftreffs "Linde 79". Weil er dann einen Fahrradunfall erlitt und später beruflich stark eingespannt war, erlangte er seine Form nie wieder. Doch er läuft immer noch. Meist am Wochenende, von seiner Wohnung in Dresden-Prohlis nach Nickern oder Kauscha. Manchmal auch im Großen Garten. Jeweils fünf bis zehn Kilometer. "Zweimal wöchentlich zu trainieren, wie ich eigentlich wollte, schaffe ich nicht."

Bei "Linde 79" dreht sich alles ums Laufen – aktiv und passiv

Hochkarätige Wettbewerbe kann man damit nicht bestreiten, aber das ist momentan nicht Patzers Ziel. "Ich laufe, um mich zu bewegen." Bei "Linde 79" gehört er zu den zehn "Vergnügungsläufern". Zehn weitere Männer und Frauen schnüren die Laufschuhe öfter, nehmen regelmäßig an Ranglistenläufen in Dresden und Umgebung teil. "Die restlichen acht von uns organisieren nur", meint Patzer, dessen Funktion offiziell "Vereinsvorsitzender" heißt. "Linde 79" richtet jedes Jahr den Blütenfestlauf in Borthen aus und stellt Helfer für die großen Dresdner Marathons.

Ältere Männer sind hier in der Mehrheit

Addiert man die Lauferfahrung der "Linde 79"-Läufer, kommt man auf mehrere Jahrhunderte. "Die meisten haben angefangen, als wir noch zur BSG Hochvakuum gehörten. Elf sind über 60, die jüngsten knapp 40." Vor kurzem ist eine Neue zu Patzers Truppe gestoßen. Sie ist mit 35 das Küken und als Frau in der Minderheit. Solchen Neuankömmlingen erzählen die Altgedienten gern, wie "Linde 79" seinen Namen erhielt: "Wir sind früher immer zur Burgstädter Linde gelaufen."

Motivation und gute Schuhe helfen, Laufpensum zu schaffen

Die meisten Mitglieder sehen sich nur zu Wettkämpfen und Festen. Denn es gibt weder feste Trainingszeiten noch Übungsleiter. Außerdem wohnen die Läufer über die ganze Stadt verstreut, trainieren je nach Arbeitssituation zu unterschiedlichen Zeiten und eigenverantwortlich. Steht beispielsweise der Rennsteiglauf an, fährt eine Gruppe Läufer zusammen dorthin. "In der Dresdner Ranglisten-Teamwertung belegen wir 2007 den dritten Platz. Vor uns sind nur zwei größere Vereine", sagt Patzer stolz. Die Selbstmotivation der Läufer funktioniert offenbar, ohne dass ein Trainer sie überwacht. Kurt Patzer läuft, weil er so an frischer Luft abschalten kann. Und weil er Laufen als mentale Übung liebt: "Wer es regelmäßig tut, überschätzt sich selbst nicht. Man braucht kaum mehr, als wirklich laufen zu wollen. Gut, manchmal muss man sich überwinden. Und immer realistische Ziele setzen." Aus dem Stand einen Marathon anzupeilen bringt gar nichts außer Frustration. Statt auf Brandy und Schafskäse schwört Kurt Patzer übrigens auf gute Laufschuhe. "In die muss man investieren: keine aus der Ramschkiste nehmen!"