Im Frankreich des 18. Jahrhunderts erblickt der Protagonist des Films "Das Parfum" auf einem Fischmarkt in Paris das Licht der Welt. Seine Mutter will ihm dem Tod überlassen – doch Jean-Baptiste Grenouille entscheidet anders: Er schnuppert, schreit und bringt sie somit an den Galgen. Daraufhin kommt er in das Waisenhaus von Madame Gaillard. Grenouille merkt dort, dass sein Geruchsorgan ausgeprägter und präziser ist als das der anderen Kinder. Fortan konzentriert er sich auf seine Wundernase und macht über beschwerliche Umwege die Bekanntschaft des Parfümeurs Baldini. Nach Erlernen des Handwerks eines Parfümeurs, macht Grenouille sich auf den nach Grasse, um dort das beste Parfum, welches die Welt je gerochen hat, zu komponieren. Ingredienzen: Die Düfte zarter Mädchen!
Meisterhafte Inszenierung von Süskinds "Das Parfum" durch Tom Tykwer
Man hätte den Kinosaal mit Duftwolken vollpumpen können, die Kinokarten und Säle passend zur Atmosphäre des Films "Das Parfum" parfümieren oder dem Zuschauer Duftmasken aufsetzen können, doch Regisseur Tom Tykwer und Produzent Bernd Eichinger haben weniger aufwendige, dafür aber genau so wirkungsvolle Mittel gefunden: ausdrucksstarke Bilder, gefühlvolle Musik.
Um Patrick Süskinds riechenden Roman „Das Parfum“ filmisch umzusetzen, stützt sich Tykwer vor allem auf präzise Kamerabwegungen und Töne. Viele Naheinstellungen von Grenouilles Nase, aber auch Zoom und Kamerafahrten rücken diese in den Mittelpunkt, so dass das Geruchsorgan (un-)gewollt sogar zum eigentlichen Protagonisten des Films wird. Indem der Geruch von Dingen oder Menschen selbst durch eine konkrete Aufnahme des gerochenen Gegenstandes oder Menschen hervorgerufen wird, bedient sich der Film des olfaktorischen Gedächtnisses des Zuschauers. Diese Aufnahmen wirken durch ihre präzise Schönheit wie surreal und erlesen.
Bildsprache wird durch musikalische Untermalung unterstützt
Die charakteristische Bildsprache wird durch musikalische Einlagen noch ein Stück konkreter. Die für bestimmte Personen herausgearbeiteten akustischen Leitmotive unterstreichen deren Gerüche, Charaktere, Eigenschaften etc. Im Falle der Mädchen bestehen die Motive meist aus zarten, sehnsüchtigen Tönen, die insgesamt schon ein wenig an Feengesang erinnern. Dadurch wird der unglaublich graziöse Duft, den die jungen Frauen verströmen, unterstützt, sowie Grenouilles Verlangen nach diesem Geruch („Sehnsucht“).
Des Weiteren, um die Wundernase des Protagonisten zu verdeutlichen, wird gezeigt, wie er Dinge schon im Voraus „erriecht“, beispielsweise in der Sequenz, in der Grenouille einen heran rauschenden Apfel ohne ihn zu sehen erahnt. Die Ästhetik des Films "Das Parfum" ist demnach schillernd und sinnesberauschend.
Aber: Verfälschte Thematik, da keine detailgetreue Literaturverfilmung
Die erhoffte, detailgetreue Literaturverfilmung ist es aber dennoch nicht geworden: Die Drehbuchautoren Tom Tykwer, Andrew Birkin und Bernd Eichinger haben nämlich den Roman, die Eigenschaften Grenouilles abgeändert und so verfälscht. Die Hauptperson entwickelt zum Beispiel auf der Leinwand Sympathiewerte, die ihr in der literarischen Vorlage untersagt sind. So ist der Tod/(Mord) des Mirabellen-Mädchens in Paris eigentlich ungewollt; er hat sie „ausversehen“ umgebracht. Der Film "Das Parfum" geht in dieser Beziehung aber noch einen Schritt weiter, denn das Mirabellen-Mädchen steht als Grenouilles Projektion der Wünsche nach Liebe und Anerkennung.
Außerdem entfallen der Romanfigur einige Attribute wie der buckelförmige Rücken, das hässliche Antlitz, die verzehrte Stimme, die absolute Herzlosigkeit. Sie werden jedoch ersetzt z:B. bekommt er eine lebevolleres Gesicht verpasst, er weint nach seinem großen Auftritt (etwas wo sich Süskind die Haare aufgestellt hätten) und er wird nicht mehr als komplette Horrorgestalt präsentiert, sondern eher als Künstler. Der Zuschauer verspürt sogar streckenweise Sympathie bzw. Mitleid mit Grenouille, was ihm der scheue Autor Patrick Süskind in seinem Roman "Das Parfum" nicht gönnt, denn dessen Stil und Betrachtungsweise ist bewusst auf Distanz gehalten.
Brillante Schauspieler machen den Wermutstropfen wett
Nach diesem Rückschlag für den Film "Das Parfum" verhelfen ihm die Schauspieler aber wieder zu Glanz. Der englische Bühnendarsteller Ben Wishaw verkörpert Grenouille mit einer Genauigkeit und Direktheit, die seine Figur zum filmischen Leben erweckt. Auch Alan Rickman (der Kaufmann Richis) spielt mit einer Mischung aus Präzision und Distanz seinen Part so packend, dass der Zuschauer dadurch schon überwältigt ist. Die restlichen Akteure (Rachel Hurd-Wood als Lauar Richis, Dustin Hoffman als Baldini und Corinna Harfouch als Madame Arnulfi) spiele allesamt gut. Gut, aber nicht herausragend.
Zusammenfassend lässt, sich sagen, dass die Literaturverfilmung einem ästhetisch perfekten Weg gefunden hat, die Gerüche auf die Leinwand zu bannen, durch engagierte Schauspielleistung glänzt, aber durch den abgeänderten Plot einem stinkt.
