Je intensiver Eltern ihre Kinder unterstützen und positiv begleiten, desto besser entwickeln sie sich. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Doch darüber hinaus weisen Untersuchungen nach, dass Bildungserfahrungen Erwachsener sich auf deren Wahrnehmung von Kindergarten und Schule auswirken. Haben sie mit diesen Institutionen schlechte Erfahrungen gemacht, nehmen sie diese auch als Eltern als Orte der Bedrohung wahr. In ihrem Aufsatz "Bildungsteilhabe im Kindesalter und Neue Medien", erschienen in dem Band "Frühkindliche Bildung" von Gunter Geiger und Anna Spindler, beschreibt Nadia Kutscher drei Aspekte, die Bildungsbenachteiligung begünstigen.
Bildungsbenachteiligung durch das Prinzip meritokratischer Legimitation
Dieses im schwerfälligen Soziologendeutsch formulierte Prinzip fasst einen alten FDP-Slogan zusammen: "Leistung muss sich wieder lohnen". Erfolg soll haben, wer klug ist und sich anstrengt. Dann habe er ihn auch verdient, die eigene Herkunft spielt bei dieser Betrachtung keine Rolle. Ist man fleißig und bringt eine entsprechende Begabung mit, so die Verfechter dieses Prinzips, könne man eben etwas aus sich machen. Wer scheitert, habe sich dies selbst zuzuschreiben. Soziale Ungleichheiten werden auf diese Weise zu natürlichen Unterschieden.
Bildungsbenachteiligung als Ergebnis sozialstruktureller Ungleichheiten
Kinder wachsen in Familien mit erheblichen ökonomischen, sozialen und kulturellen Unterschieden auf, schreibt Nadia Kutscher, und nimmt Bezug auf einen der Großen der Soziologenbranche, Pierre Bourdieu. Je nach Erziehung sei das dadurch bei Kindern gefestigte Verhalten in den klassischen Bildungsinstitutionen der Gesellschaft besser oder schlechter nutzbar. Soziale Benachteiligung und ihre Auswirkungen, so Kutscher, wirke sich auf den familialen Alltag in unterschiedlicher Weise aus. Der materielle Druck durch zu geringe staatliche Transferleistungen oder Einkommen belaste Eltern so sehr, dass ein Ohnmachtsgefühl entstehe, das sich nicht selten als problematisches Erzieherverhalten niederschlage. Je weniger Stressfaktoren eine Familie belasteten, desto größer sei die Gewähr für eine offene und bildungszugewandte kulturelle Praxis. Diese wiederum führe dazu, dass sich Kinder aus verschiedenen Milieus eben sehr verschiedene Dinge aneigneten. Das Verhalten eines kleinen Rabauken aus Neukölln ist eben nicht so ohne weiteres kompatibel mit den Ansprüchen einer Grundschullehrerin aus behüteter Mittelschichtsfamilie und wird von ihr deshalb auch negativ bewertet.
Bildungsbenachteiligung durch institutionelle Mechanismen
In einer derart fremden Welt müssen Kinder mit schwieriger sozialer Herkunft scheitern, zumal in einem Bildungssystem, das, wie nicht nur der Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers befindet, viel zu sehr auf Selektion setzt. In jeder Pisa - Studie wurde auf dieses Manko eindrücklich hingewiesen. Es bestehe, so Kutscher, eben ein starkes Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Anforderungen, die Schul - und Bildungserfolg ermöglichen und Fähigkeiten, die zum Überleben im harten Alltag notwendig sind, aber im Schulsystem keine Anerkennung finden.
