
- Es könnte ein Baldessari sein - ist es aber nicht. - Inga Ganzer
Der 1931 in National City, Kalifornien, geborene John Baldessari gehört der älteren Generation der 2007 von MONOPOL gewählten wichtigsten zeitgenössischen Künstler an. Der Amerikaner ist der Sonne Kaliforniens, die vielleicht die plakative, grelle Farbgebung seines Spätwerks beeinflusst hat, bis auf kleine Abstecher treu geblieben. Die Basis seines fundierten kunsttheoretischen Wissens erhält er in den 1950er Jahren am San Diego State College, an der University of California (Berkeley und Los Angeles) sowie am Otis Art Institute und am Chouinard Art Institute in Los Angeles. Dreimal wird Baldessari die Doktorwürde zuerkannt: 1990 und 2003 von kalifornischen Universitäten sowie vor fünf Jahren von der National University of Ireland. Die umfassende Ausbildung des Künstlers ist die tief verankerte Wurzel für seine Fähigkeit, die Funktion und Ausdruckskraft der Kunst auf ein Minimum herunterzubrechen – weniger ist mehr. Baldessari ist zudem an mehreren Universitäten als Professor tätig gewesen, eine Aufgabe, die er in Analogie zur Kunst setzt, insoweit man mit jemandem (einem Studierenden oder dem Betrachter) kommuniziert und in ihm ein Licht (der Erkenntnis) entzündet. Der amerikanische Künstler ist vielfach geehrt wurden. Allein 2009 erhält er den Goldenen Löwen der Biennale Venedig, den Preis „Künstler des Jahres“ der American Friends of the Tel Aviv Museum of Art sowie eine Ehrung während der New Museum Gala des New Museum of Contemporary Art (New York). John Baldessari ist Autor von fast zwanzig in erster Linie Kunstbüchern, unter anderem über den flämischen Künstler Koen van den Broek oder den Uruguayer Alejandor Cesarco, einem seiner Meisterschüler.
Ein Blick auf das Werk John Baldessaris
Baldessari ist in erster Linie ein Konzept- und Medienkünstler, auch wenn er sich selbst nicht gern in Kategorien verortet. Nach seiner Ausbildung beginnt er mit der Malerei. Auf einem Leinwandbild aus den 1970er Jahren wiederholt sich der Satz: „Ich will keine langweilige Kunst mehr machen“. Und wie sein Altersgenosse Gerhard Richter zieht Baldessari einen Schlussstrich unter sein Frühwerk und verbrennt 1970 in seinem Aufsehen erregenden „Cremation Project“ seine zwischen 1953 und 1966 entstandenen Malereien. Doch zurück zur Gegenwart: Seine Serie „Somewhere Between Almost Right and Not Quite (With Orange)” von 2004 ist ein typisches Werk des Amerikaners: Grundlage seiner Arbeiten sind Fotos, Ausschnitte aus Zeitungen, Anzeigen oder auch Postkarten, die er überklebt, übermalt, neu arrangiert, collagiert und damit neue Bedeutungsperspektiven determiniert: „Eine Methode, die durch Verdecken aufdeckt“, wie es der Journalist Jens Kastner formuliert hat. Indem er beispielsweise die Gesichter von Menschen, die durch ihre Mimik eine spezifische Emotion generieren, durch einen Farbklecks ersetzt, gibt Baldessari dem Betrachter die Möglichkeit, das Bild in der eigenen Gefühlswelt zu verorten und dem Werk eine individuelle Bedeutung zuzuschreiben. Baldessari hebt das Bild sozusagen aus dem Kontext heraus und lässt es vom Betrachter in einen neuen Zusammenhang platzieren – ähnlich wie dies die Konkrete Poesie in den 1950er Jahren getan hat. Seine Kompositionen und Collagen offerieren unterschiedliche Interpretationen, wie auch das Werk „Prima Face (Third State): From Aloof to Vapid“ (2005) zeigt. Dem Foto einer Frau sind unterschiedliche Begriffe zugeordnet, die ihrem Gesichtsausdruck entsprechen könnten. Baldessari will mit seiner Kunst zeigen, wie relativ eine (gesellschaftliche und vor allem mediale) Zuschreibung sein kann.
Kunst hat eine gesellschaftliche Funktion
In einem Interview mit dem Artnet Magazine erzählt Baldessari davon, wie er zur Kunst gekommen, was die Botschaft hinter seiner frühen Kunst ist und was ihn inspiriert. Baldessari konnte der Kunst anfangs nicht viel abgewinnen: „I always had this idea that doing art was just a masturbatory activity, and didn’t really help anybody“. Als er für das kalifornische Jugendamt mit schwererziehbaren Jugendlichen arbeitet, kommt eines Tages eines der Kinder zu ihm und fragt, ob er den Kunstraum über Nacht öffnen könne; die Kinder wollen arbeiten. Für sie spielt Kunst in diesem Moment eine größere Rolle als für ihn selbst und er stellt fest: Kunst hat eine Funktion innerhalb der Gesellschaft. In seiner Frühphase ist es Baldessaris Mission gewesen, mit verschiedenen, von Galerien bestimmten Tabus und No-Go’s zu brechen und so hat er beispielsweise angefangen, mit Fotografien zu arbeiten, die zu dieser Zeit noch nicht für ausstellungswürdig erachtet worden sind. Dann wurde die Sprache zum Werkzeug seiner Kunst. Nachdem sich Fotografie und Text in der Kunst etabliert haben, versucht der Künstler nun, die Medienwelt mit der Realität in Einklang zu bringen und experimentiert auf der formalen Ebene, indem er etwas tut, dass weder Foto noch Malerei ist. Seine wesentliche Frage ist: Warum ist manches Kunst und manches nicht? Baldessari würde sich niemals selbst kopieren oder Erfolge wiederholen, wie dies beispielsweise Warhol getan hat. Und wie viele andere Künstler ist auch er ein Sammler, der jahrelang Fotografien und Bilder zusammen getragen hat, die zu einem unerschöpflichen, und in Kombinationen sich selbst potenzierendem, Fundus und zur Inspiration seiner Arbeit geworden sind.
Die Ratschläge eines alten Hasen
In einem Werk mit dem Titel „Tips for Artists Who Want to Sell“ (1966-68) gibt John Baldessari die Spur vor: Bilder in helleren Farben kommen besser an als solche in dunklen Tönen. Es gibt Themen, die sich besonders gut verkaufen: Madonna mit Kind, Landschaften, Blumen, Nackte, abstrakte und surrealistische Kunst. Zu guter Letzt ironisiert Baldessari die Ansprüche des Kunstmarkts, wenn er betont, dass es erfolgversprechender ist, Bullen und Hähne statt Kühe und Hennen darzustellen. In ähnlicher Manier (“Terms Most Useful in Describing Creative Works of Art”) verspottet er die Kunstwelt und ihre Mechanismen, indem er in einem ebenfalls Ende der 1960er Jahre entstanden Werk eine tabellenförmig angelegte Sammlung von Begriffen anbietet, mit denen sich mittels der unterschiedlichen Kombinationen dieser Wörter Kunst beschreiben lässt. Der bolivianisch-schweizerische Konkretist Eugen Gomringer hat mit der Charakterisierung der Konkreten Poesie Baldessaris künstlerisches Schaffen schon 1989 auf den Punkt gebracht: „nimmt vom bestand und teilt / nimmt vom bestand und formt / nimmt vom bestand sich selbst / gibt zum bestand sich selbst“.
