Durch den Krieg zur Freiheit des Wortes: Miloš Crnjanski

Zur Freiheit des Wortes - wrw/Pixelio.de
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Die Befreiung von osmanischer Herrschaft 1878 bedeutete auch zugleich einen Durchbruch neuer Ideen und Gedanken in die Kultur und Literatur des Balkans.

Aus dem prominenten Beispiel des serbischen Schriftstellers Milos Crnjanski ist es ersichtlich, wie die gesamten Epochen, vom Humanismus, Klassik, Romantik bis auf die kurzen und prägnanten Strömungen am Anfang des 20. Jahrhunderts, im Leben und Werk eines einzigen Menschen zusammenfallen.

Vaterlandsloser Patriot

Miloš Crnjanski (1893 – 1977) war ein ethnischer Serbe orthodoxer Konfession. Sein Leben wurde durch den Krieg, das verdrängte Gefühl der Vaterlandsliebe, die Derbheit des Soldatenlebens und eine tiefen Neigung zur Natur und ihrer Unzerstörbarkeit gekennzeichnet. Die Tatsache, dass er im 1. Weltkrieg an der österreichisch-ungarischen Seite kämpfte, hat seine Wahrnehmung des „Vaterlands“ in Richtung einer stark proserbischen, aber trotzdem ironisch-fatalistischen Haltung verzerrt. Die Abwesenheit der Definition seiner nationalen und geistigen Angehörigkeit könnte, mit einem gewissen künstlerischen Unterton, selbst als „Wanderung“ beschrieben werden. Gewissermaßen kann sie doch durch die Herkunft seiner Familie erklärt werden.

Die Wanderungen unter Arsenije III Carnojevic (XVII Jh.)

Crnjanskis Vorfahren teilten das Schicksal der ausgewanderten Serben nach dem großen österreichisch-türkischen Krieges 1683. Der Epilog dieses Kriegs, bzw. die Niederlage der Türken bei Wien und eine Kontraoffensive der Österreicher wirkten als Auslöser für einen Aufstand der Balkanchristen 1689. Der österreichische General Piccolomini war schon auf seinem Weg aus dem pestgeplagten Skoplje heraus. Das österreichische Heer, samt serbischen und albanischen Aufständischen, erlitt 1690 eine Niederlage. Die nicht-österreichischen Soldaten verließen schon das Heer aufgrund der schlechten Behandlung, was allmählich zu einem massenhaften Rückzug nach Norden führte. Die Hauptwelle zog unter der Führung von Carnojevic in Richtung Belgrad. Diese Bevölkerung besiedelte die wüsten Gebiete in Ungarn, zwischen Tisza und Donau, in Slawonien und Baranja.

Leben und Werdegang

Crnjanskis Vorfahren wurden in Vojvodina eingeungart. Sein Vater Toma war kleiner Beamter an der einzigartigen kulturellen Schnittstelle zwischen der serbischen, magyarischen und österreichischen Seite. Seine starke proserbische Haltung innerhalb der Habsburgermonarchie wurde ihm zum Verhängnis. Er wurde seitens der magyarischen Justizbehörden zu einem politisch Verdächtigen erklärt und des Banats verwiesen.

Der kleine Miloš besuchte die serbische Konfessionsschule in Temeschwar. Seine Kindheit wurde durch traditionelle und patriotische Erziehung geprägt. Die ständige innerliche Wanderung fing schon zu dieser Zeit an: Nach der orthodox beseelten serbischen Grundschule, besuchte er das katholische Piaristengymnasium. Dieser „Sprung“ zu einem vollkommen anderen Erziehungsansatz übte auf den jungen Crnjanski einen verwirrenden Einfluss aus.

Er ließ sich von seiner Familie leicht überreden, Medizin in Wien zu studieren, obwohl es weder seinen Wünschen noch seinem Geist entsprach, und blieb daher ohne Abschluss. Zu gleicher Zeit aber (1908-1912) entstanden seine ersten Gedichte, die durch ihre förmliche und inhaltliche Freiheit, neue Stilfiguren und symbolistische Prägnanz der künstlerischen Empfindung eine echte literarische Revolution jener Zeit auslösten.

Serbe in österreichischer Uniform

Zu Beginn des 1. Weltkriegs trat Crnjanski als österreichischer Soldat in Dienst. Diese Zeit wird sein ganzes Leben tief prägen, und seine ironische Stellung dem Soldatenleben und dem Tode selbst gegenüber durchaus bestimmen. Die naturalistisch unverhüllten Bilder der Ermordeten kommen zwischen seinen Zeilen zum Vorschein, samt Erinnerungen, durchflochten mit bitterem Lachen ins Gesicht den Kriegserfindern und einer tiefen, unaufhaltsamen Liebe für die Natur als unzerstörbare Trägerin des Lebens.

Als gebürtiger Serbe in österreichischer Uniform vermochte Crnjanski nicht, den Zweck des Krieges zu verstehen. Der einzige Ausweg waren für ihn das Schreiben und Verachten. Seine Sprachform war frei, wies aber trotzdem einen altbürgerlich dekadenten Unterton des verfallenen Soldaten auf, der immer wieder durch die Fronten herum irrt und, trostlos, um die Freiheit des Wortes weiter kämpft.

Zwischen Jugoslawien und „Jenseits“ – zwischen Vaterland und Exil

Nach der Auflösung der Habsburgermonarchie 1918 zieht Crnjanski zunächst nach Zagreb, und später nach Belgrad um. Im neuen, durch eine irreführende Einheit der Völker gekennzeichneten Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (Königreich SHS), scheint Crnjanski eine neue Anregung gefunden zu haben, primär im Sinne von einem frischen, jugoslawisch begeisterten Patriotismus. Seit 1921 war er ständig unterwegs, von Paris und der Bretagne über Italien, bis zurück nach Belgrad. Sein diplomatischer Werdegang findet in jugoslawischen Botschaften in Berlin und Rom Anerkennung. Seine Berichte aus Spanien begeistern die Leser und erschüttern die Kritik.

Die kommunistische Umgebung nach dem 2. Weltkrieg im sozialistischen Jugoslawien war auch nicht günstig für Crnjanski, denn er galt immer noch als ein monarchistischer Patriot, der seinen Ansichten treu blieb. Deswegen weilte er weiter unter schweren Lebensumständen im Londoner Exil.

Der Angehörige aller Richtungen, der Bewohner aller Epochen

In der Zeit nach 1920 wurden die Einflüsse mancher europäischen Literaturen, die ihre revolutionären Höhepunkte schon früher über die Bühne gebracht hatten, im serbischen Literaturraum deutlich spürbar. Die Zwischenkriegszeit gilt gewissermaßen als Sturm-und-Drang der modernen serbischen Literatur.

Obwohl Crnjanski vorwiegend als Expressionist bezeichnet wird, gehört sein Werk tatsächlich zu keiner Richtung. Das Balkangebiet blieb durch osmanische Herrschaft von fast allen Epochen der früheren Zeiten vollkommen abgesondert. Nach der Befreiung stürmten aber die Ideen, Gedanken und Vorbilder all dieser Epochen fast zugleich ins Balkangebiet herein, und kamen durch die Münder der Künstler und Schriftsteller zum ersten Mal entfesselt zum Vorschein.

Das schöne Wort statt der politischen „Zweckliteratur“

Der Bruchpunkt zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert stellt eine Übergangsperiode vom Naturalismus zum Impressionismus dar, was in der Literatur durch das neue Gespür für das Schöne gekennzeichnet wird. Die Moderne ist auch ein Wendepunkt zwischen der gesellschaftlich engagierten Literatur (von Crnjanski als einstimmige, langweilige „Trommelmusik“ bezeichnet) und einer „schönen“, zweckfreien Literatur.

Die Freiheit des Verses in Crnjanskis Gedichten wird zur Freiheit des Wortes in seinen Romanen (z.B. Tagebuch über Carnojevic, Die Wanderungen, Roman über London), in expressionistisch-brüchigen Stücken, die dem brechtschen epischen Theater der Verfremdung ähneln.

Rezeption

Obwohl von der zeitgenössischen Kritik oft scharf angegriffen, fand Crnjanski – wie fast alle von ihrer eigenen Zeit unverstandenen „Sonderlinge“ – erst weit im Nachhinein, d.h. im späten 20. Jahrhundert, seine Anerkennung.

Quellen:

  • CRNJANSKI, Miloš. – Dnevnik o Carnojevicu in: Dnevnik o Carnojevicu i druga proza, Beograd, 1983
  • PETKOVIC, Novica. – Književnost 20. veka, in: Serbian School Internetseite
  • CRNJANSKI, Miloš. – Objašnjenje „Sumatre“ in: Epohe i stilovi u srpskoj knjiz?evnosti : XIX i XX vek / Hrsg. Malis?a Stanojevic´, Beograd [u.a.] : Filolos?ki Fakultet [u.a.], 2002
  • LEOVAC, Slavko. – Romansijer Miloš Crnjanski,Sarajevo, 1981
  • MAŠEK, Miro. – Nation und Narration im literarischen Werk Miloš Crnjanskis,Frankfurt am Main [u.a.], 2004

Bildnachweis:

  • (c) wrw/Pixelio.de
Jovana Nastasijevic, Jovana Nastasijevic

Jovana Nastasijevic - Am 29. Januar 1980, in von einem gnadenlosen Gewitter verfegtem Novi Sad (Vojvodina, Serbien) geboren. Bis zum 3. Lebensjahr ...

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