
- La Pudeur ou l´Impudeur - Christine Guibert
Tout dire! - Alles sagen! Das war die Maxime des bekannten französischen Autors und Fotografen Hervé Guibert, und was er damit gemeint hat, zeigt sich in seinem geschriebenen und fotografischen Werk, das er hinterlassen hat, und mit dem er darauf verweist, dass auch die eigene Existenz ein künstlerisches Projekt sein kann. Jetzt ist ein Film Guiberts auf den Markt gekommen, in dem er sein Leiden an AIDS eindrucksvoll und in schockierender Offenheit in den Mittelpunkt der Handlung gestellt hat.
AIDS war Anfang der 1990er Jahre ein unerwünschtes, unangenehmes Thema
In zweien seiner insgesamt rund vierzig literarisch bemerkenswerten Büchern, in "Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat", sowie in "Mitleidsprotokoll", thematisiert Guibert – bis heute ein Star des literarischen Lebens über die Grenzen Frankreichs hinaus – das Sterben an den Folgen von AIDS. Er wusste, wovon er sprach und schrieb, denn er selbst litt an der Immunschwächekrankheit, der er am 27. Dezember 1991 gerade einmal 36-jährig auch erlag.
Guibert räumte immer wieder mit der Verlogenheit der Gesellschaft und der Pharmaindustrie auf, letzterer warf er sogar vor, sich zumindest dem Verdacht auszusetzen, aus Profitgier notwendige Forschungen zu verzögern. Er geißelte also mutig den verlogenen Umgang mit AIDS und sorgte so dafür, dass sein Werk und seine Interviews regelmäßig zu handfesten Skandalen ersten Ranges avancierten. Verwunderlich war dies zu Beginn der 1990er Jahre nicht, als HIV und AIDS noch ein unerwünschtes, irgendwie unangenehmes, schmutziges Thema war. AIDS wurde damals gar als "Schwulenkrebs" abgetan, eine Krankheit eben, die nur Homosexuelle befällt, und mit der man also nichts zu tun haben wollte. Doch Hervé Guibert, der ewige Provokateur, wurde nicht müde darin, den damals angeekelten Menschen schonungslos die Folgen von HIV und AIDS vor Augen zu führen.
Hervé Guibert: Michel Foucault starb an AIDS!
Dabei benannte er auch offen die prominenten Personen, die daran litten oder starben. Den französischen Philosophen und – bis heute – Säulenheiligen der Intelligenzija, Michel Foucault, etwa, von dem die Welt bis dahin dachte, er sei 1984 an einer rätselhaften Blutkrankheit gestorben. Nachdem Guibert Foucault als AIDS-Toten geoutet hatte, ließen Intellektuelle die U-Bahnen von Paris vollkleistern mit Plakaten, auf denen Guiberts Werk mit der rhetorischen Frage an den Pranger gestellt wurde: "Darf man alles sagen?" Die Franzosen, und nicht nur sie, meinten: Nein!
Guiberts Bücher sind weltweit in über zwanzig Sprachen übersetzt worden und sind dementsprechend bekannt. In Deutschland wurden und werden seine Werke vom Rowohlt-, sowie vom MännerschwarmSkript-Verlag publiziert. Wenig bekannt hingegen ist, dass Hervé Guibert sein "Tout dire!" nicht nur in Bücher fließen ließ, sondern auch einen Film drehte, in dem er alles sagte beziehungsweise alles zeigte: "La Pudeur ou l´Impudeur" – Die Scham oder die Schamlosigkeit.
"La Pudeur ou l´Impudeur" ist eine schonungslose Dokumentation seines AIDS-Todes
Der Film "La Pudeur ou l´Impudeur" ist jetzt in Frankreich auf den Markt gekommen und findet reißenden Absatz. Das Cover zeigt in mortifizierendem Schwarz-Weiß engelsgleich schön das Antlitz von Hervé Guibert. Eine Schönheit indes, die sich beim Betrachten des Films selbst kaum noch nachvollziehen lässt. Monate nur vor seinem Tod lässt Guibert seine Kamera bei fast allem mitlaufen: Morgens, wenn er aufsteht und es ihm kaum gelingt, sein "Skelett", wie er es selber sagt, mit den inzwischen zu groß gewordenen Kleidungsstücken zu verhüllen. Der Betrachter sieht ihn bei der Blutabnahme und bei den schmerzhaften Eingriffen, denen er sich unterziehen muss. Selbst bei einem Selbsttötungsversuch mit dem Mittel "Digitalis", als er den körperlichen Verfall nicht mehr ertragen konnte und wollte, ließ er die Kamera konsequent mitlaufen. Auf Kommentare und lange Erklärungen verzichtet Guibert dabei weitgehend, somit ist der Film eine Unplugged-Version.
"Barebacking" – der ungeschützte Sex – ist nach einer Beobachtung der Deutschen Aids Hilfe (DAH) bei jungen Schwulen wieder en vogue. HIV und AIDS scheinen für sie ihren Schrecken verloren zu haben, und die, die Guiberts Film "La Pudeur ou l´Impudeur" gesehen haben, zeigen sich überzeugt davon, dass man ihnen diesen Film in einer Endlosschleife zeigen sollte. Es ist dies das Vermächtnis des Hervé Guibert.
Hervé Guibert: La Pudeur ou l´Impudeur. DVD. 62 Minuten mit Bonusmaterial aus Guiberts TV-Auftritten. OoU. 29,90 Euro, erhältlich im Buchladen "Eisenherz" in Berlin.
