Die Philatelisten sagen es so: Die DDR ist seit dem 3. Oktober 1990 ein abgeschlossenes Sammelgebiet. Obwohl Staatschef Erich Honecker noch genau ein Jahr zuvor, im Oktober 1989, zu wissen glaubte, dass die Mauer noch fünfzig oder einhundert Jahre stehen würde. Das angedrohte Säkulum währte vier Wochen, dann fiel am 9. November 1989 der Eiserne Vorhang. 2009 wurde an den zwanzigsten Jahrestag der Grenzöffnung erinnert; 2010 werden zwanzig Jahre deutsche Einheit gefeiert. Anlass genug, die DDR-Geschichte neu zu sichten. Das gelingt einer Dokumentation von Gerd Basting, die jüngst im be.bra verlag erschien. Vier DDR-Jahrzehnte werden auf hochinformative 100 Minuten konzentriert. Die Produzenten waren so weitsichtig, ihren Film mit dem 8. Mai 1945 beginnen zu lassen. So wird auch und vor allem für nachgeborene Zuschauer verständlich, wie und warum es nach vier Jahren der konträren politischen und gesellschaftlichen Entwicklung in den drei westlichen und der östlichen Besatzungszone 1949 zur Gründung der beiden deutschen Teilstaaten kam.
Selten bis nie gezeigte Aufnahmen
Die Sendung ist ausschließlich aus historischen, zum Teil selten bis nie zu gezeigten Aufnahmen zusammengestellt. Das ist eine Wohltat nach all den Guido-Knopp-Produktionen der vergangenen Jahre mit ihren gewiss nicht unwichtigen, aber in ihrer Ausführlichkeit oft recht ermüdenden Zeitzeugen-Berichten. Der Kommentar aus dem Off ist grundsolide, auch wenn er manchmal zum Pathos neigt. Die Tricktechnik, die am Beginn und zwischen den Kapiteln eingesetzt wird, ist hausbacken, fast möchte man sagen: eine späte Rache der Defa.
Ärgerlich ist, dass fast zwei Jahrzehnte fehlen: Vom Besuch Willy Brandts in Erfurt 1970 wechselt das Geschehen unvermittelt in die achtziger Jahre, zu den Olympischen Spielen 1988 in Seoul, welche die DDR als sportliche Weltmacht sahen. Dass die Jahre zwischen 1970 und 1987 nicht präsent sind, ist unverständlich, denn sie waren nicht minder bewegt: Kein Wort zur Palastrevolution, mit der Honecker 1971 seinen Ziehvater Ulbricht in den Ruhestand schickte. Kein Hinweis auf die Ständigen Vertretungen, die 1974 in Ost-Berlin und Bonn eingerichtet wurden. Unerwähnt bleiben auch die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 und der erste, von Franz Josef Strauß eingefädelte Milliarden-Kredit 1983 sowie Honeckers Staatsbesuch in Bonn 1987. Um die siebziger und achtziger Jahre darzustellen, hätte man gut und gern die viel zu langen und entschieden zu kleinteiligen Ausführungen zum Jahr 1990 kürzen können. (Warum man z.B. minutenlang auf die historisch belanglose erste Wahl einer „Miss Deutschland“ von 1990 hinweisen muss, bleibt ein Geheimnis der Produzenten.) Die Leerstellen, die den Machern hätten auffallen müssen, zu füllen, hilft das Booklet nur bedingt, das eine stark geraffte, in sechs Sprachen abgedruckte DDR-Chronik in Stichworten enthält.
Umfassender Überblick über das Land der begrenzten Unmöglichkeiten
Ein Epilog steht unter dem Titel „Zwanzig Jahre später“. Zu Wort kommen Helmut Kohl, Michail Gorbatschow und Hans-Dietrich Genscher. Aus den Worten, dem Aussehen und der Aufnahmequalität der Erklärung des einstigen Bundesaußenministers wird klar, dass dieser Mitschnitt aus den frühen neunziger Jahren und mitnichten aber aus dem Jahr 2009 stammt. Dennoch: Die vorliegende DVD bietet einen umfassenden Überblick über die vierzigjährige Geschichte jenes seltsamen kleinen Landes, das, so die SED-Propaganda lautstark, der erste sozialistische Staat auf deutschem Boden sein wollte, aber nur die „größte DDR der Welt“ (Christoph Dieckmann) war. Die Produktion empfiehlt sich für den privaten Gebrauch ebenso wie für die Verwendung im gymnasialen und universitären Geschichtsunterricht.
Die DDR 1949-1990. Geschichte eines Landes – Gefühle eines Volkes. Regie: Gerd Basting. be.bra verlag, Berlin 2009. DVD in sechs Sprachen, 100 Min. Laufzeit, 14,95 €.
