
- Dyskalkulie-Trainerin - Heike Kuhn-Bamberger
Frühzeitige Förderung wirkt in allen Therapieformen am effektivsten, wie auch im Bereich Dyskalkulie. Heike Kuhn-Bamberger arbeitet als Trainerin in diesem Gebiet, kennt die Sorgen der Eltern. Täglich wird sie in ihrer Praxis damit konfrontiert. Tapfer bleiben. Motivieren. Den Schwächen der Kinder entspannter gegenübertreten. Das ist alles leichter gesagt als getan. Das machte sich Suite101 zum Thema und interviewte dazu die dreifache Mutter.
Suite101: Was sollten Eltern berücksichtigen, wenn ihr Kind unter Dyskalkulie leidet?
Heike Kuhn-Bamberger (nachfolgend: HKB): Ganz wichtig ist es, das Kind nicht auf seine Schwäche zu reduzieren. Es braucht unbedingt die Sicherheit, so geliebt zu werden, wie es ist und auch in seinen anderen Eigenschaften wahrgenommen zu werden.
Suite101: Wie können Eltern von zu Hause aus ihrem Kind helfen?
HKB: Zuerst muss herausgefunden werden, was dem Kind zum mathematischen Verständnis fehlt. Oft scheitert es schon am Zahlen- und Mengenverständnis im Zahlenraum bis zehn oder die Zahlen- und Rechensymbole, das Zählen oder das Zuordnen von Zahlen und Mengen wurde noch nicht verinnerlicht.
Der aktuelle Unterrichtsstoff kann nur dann verstanden werden, wenn die Grundlagen stimmen. Ansonsten lernt das Kind nur stur auswendig, vergisst das Gelernte schnell wieder oder verweigert die Mitarbeit komplett.
Das Kind sollte die Möglichkeit bekommen, Mathematik wirklich zu "begreifen". Im Haushalt lässt sich vieles abwiegen, abmessen, vergleichen, aufteilen, hinzufügen, wegnehmen. Wenn diese Tätigkeiten beim gemeinsamen Kochen, Essen oder Heimwerken bewusst mit Worten begleitet werden, lernt das Kind eine ganze Menge. Die Pizza etwa könnte in vier Stücke aufgeteilt werden. Zusammen wird dann die passende Aufgabe überlegt.
Kurze, regelmäßige Übungszeiten sind wichtig. Zum Anspornen sollte jeder kleinste Fortschritt lobend erwähnt werden.
Suite101: Können Sie anhand von zwei Beispielen diverse Förderbedürfnisse schildern?
HKB: Ein Kind, das die Aufgabe 7 minus 5 rechnen soll, kommt vielleicht zum Ergebnis 1, weil es fünf Schritte rückwärts gezählt hat: 6, 5, 4, 3, 2. Es hat fünf Zahlen abgezogen und kommt daher zu dem Schluss, dass hier 1 übrig bleibt. Soll dieser Schüler nun 32 minus 15 rechnen, wird es unglaublich kompliziert, weil nicht nur sein Rechensystem auf einem Fehler beruht, sondern er natürlich völlig durcheinander kommt, wie viel er nun bereits zurückgezählt hat. Hier muss mit Rechenstäbchen und Material aus dem täglichen Leben erst einmal geklärt werden, was es bedeutet, etwas abzuziehen.
Ein zweites typisches Beispiel ist, dass ein Kind noch nicht begriffen hat, dass eine Menge etwas anderes ist als die entsprechende Zahl in einer Reihe. Beispiele wie "Du darfst das dritte Gummibärchen aus der Reihe essen" oder "Du darfst drei davon essen", wird das Kind begreifen.
Suite101: Ist es möglich, dass man auf professionelle Hilfe total verzichtet und selbst mit seinem Kind diverse Übungen praktiziert?
HKB: Prinzipiell ist das möglich. Ob es sinnvoll ist, hängt von verschiedenen Bedingungen ab. Häufig ist durch den Stress, den eine Dyskalkulie mit sich bringen kann, die Lern- und Übungssituation zu Hause so angespannt, dass das Eltern-Kind-Verhältnis darunter anfängt zu leiden. Damit das Kind angstfrei und unbeschwert lernen kann – und nur so sind Erfolge möglich – ist aber gerade der bedingungslose Rückhalt in der Familie unverzichtbar wichtig. Ist das nicht gegeben, so wäre es wichtig, sich erst einmal Hilfe von außen zu holen.
Wenn aber sowohl das Kind als auch die Eltern bereit sind, zusammenzuarbeiten, so spricht nichts dagegen, selbst zu fördern. Natürlich müssen, wie vorhin erwähnt, zuerst die Grundlagen aufgebaut werden.
Ein guter Mittelweg ist es oft, zuerst von einem Dyskalkulieexperten analysieren zu lassen, was genau geübt werden sollte. Dann kann man unter dessen Anleitung selbst mit dem Kind arbeiten.
Suite101: Mit welchem Material arbeiten Sie?
HKB: Mein Material wähle ich individuell. Ich verfüge über einen Pool sehr unterschiedlicher Materialien, etwa Cuisenaire-Rechenstäbe, Rechenschiffchen, Montessorimaterial. Motivierende Übungen stehen bei mir im Vordergrund, weil Dyskalkulie-Betroffene einen großen Mehraufwand im Vergleich zu ihren Mitschülern leisten müssen. Manche Arbeitshefte entwerfe ich selbst, etwa "Tierisch leichtes Einmaleins". Am 15. November 2010 wird auch noch "Alles verdreht – Dyskalkulie" im Fant Verlag erscheinen.
Suite101: Was beinhaltet das Arbeitsheft "Tierisch leichtes Einmaleins"?
HKB: "Tierisch leichte Einmaleins" bietet abwechslungsreiche Übungen zum Erlernen und Verfestigen von der 2er- bis zur 10er-Reihe, wobei auch Textaufgaben und verschiedene Spiele integriert worden sind. Dieses Lehrmaterial beinhaltet alle modernen Unterrichtsmethoden wie beispielsweise Stationsarbeit.
Suite101: Worum geht es in "Alles verdreht – Dyskalkulie"?
HKB: Mit diesem Rätselheft können die Optische Differenzierung, die Raumlage und die Rechts-Links-Orientierung abwechslungsreich trainiert werden. Rechenschwache Schüler müssen unbedingt in diesen Bereichen nachgeschult werden, die Grundvoraussetzungen sind, um eine Zahlen- und Mengenvorstellung aufbauen zu können. Die Übungen ersetzen nicht das Rechnen, helfen aber, schnellere und bessere Fortschritte im Mathematikunterricht zu erzielen. Zudem bietet "Alles verdreht – Dyskalkulie" auch noch die Möglichkeit, Spaß am Umgang mit Zahlen zu entwickeln.
Suite101: Wie können Eltern ein seriöses vom unseriösen Institut unterscheiden?
HKB: Seriös arbeitende Dyskalkulietrainer werden nie einfach den aktuellen Unterrichtsstoff aufbereiten, sondern genau analysieren, woran die Verständnisschwierigkeiten liegen und dort ansetzen. Auch werden sie immer ein unverbindliches Informationsgespräch anbieten und nicht versprechen, dass das Kind innerhalb kürzester Zeit deutlich bessere Noten schreibt.
Suite101: Wie sind im Schnitt die Kosten einer Dyskalkulietherapie?
HKB: Es gibt keine festgesetzten Regelsätze. Eine Stunde kostet zwischen 20 und 80 Euro.
Suite101: Ist es möglich, dass Familien mit weniger Budget Unterstützung vom Staat erhalten können?
HKB: Leider müssen die Stunden privat bezahlt werden.
Suite101: Welche Defizite sehen Sie im schulischen Bereich, wenn es um Dyskalkulie geht?
HKB: Leider wird das Thema Dyskalkulie im Studium auf Lehramt immer noch nicht durchgängig behandelt. So gibt es ausgesprochen gut informierte Lehrer, die eine große Stütze für betroffene Schüler sind, aber auch dramatischerweise immer noch solche, die nicht rechtzeitig erkennen, wenn ein Schüler gezielte Förderung braucht. Daher bekommen Kinder manchmal sehr spät oder nie die Hilfe, die sie brauchen.
Suite101: Was würden Sie sich von den Lehrern wünschen?
HKB: Bitte machen Sie Kindern mit Dyskalkulie Mut, ihre Schwäche zu überwinden! Es lohnt sich, anfangs mehr Zeit und Kraft in mathematisches Denken zu stecken, damit später dann problemlos darauf aufgebaut werden kann. Geben Sie bitte auch Eltern Tipps, wie sie zu Hause ihr Kind fördern können!
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