Dyskalkulie – Heike Kuhn-Bamberger klärt auf

Dyskalkulie-Trainerin - Heike Kuhn-Bamberger
Dyskalkulie-Trainerin - Heike Kuhn-Bamberger
Dyskalkulie ist eine Rechenschwäche, die genetisch bedingt auftreten kann. Heike Kuhn-Bamberger kennt sich als Dyskalkulie-Trainerin damit aus.

Heike Kuhn-Bamberger ließ sich nach dem Abitur als Erzieherin ausbilden und arbeitete später als Gruppenleiterin in einem Schülerhort. Dort entdeckte sie das erste Mal ihr Interesse für lese- und rechtschreibschwache sowie für rechenschwache Kinder. Nach der Geburt ihrer drei Söhne bildete sie sich daher weiter zur Diplomierten Legasthenietrainerin beim Ersten Österreichischen Dachverband Legasthenie (kurz: EÖDL) und ergänzte zudem ihr Wissen über die Dyskalkulie. Seit 2003 hilft sie nun Kindern und Jugendlichen in ihrer eigenen Praxis. Dafür entwickelte sie motivierende Übungsmaterialien, die sie im Fant Verlag veröffentlicht hatte.

Suite101: Was ist mit Dyskalkulie genau gemeint?

HKB: Unter Dyskalkulie versteht man eine besondere Art der Rechenschwäche. Sie ist in den meisten Fällen genbedingt und betrifft den Lernstoff des mathematischen Grundschulbereiches. Fälschlicherweise werden Betroffene immer noch mit geringer Intelligenz oder versäumten Unterrichtsstoff in Verbindung gesetzt. In der Regel sind sie aber durchschnittlich bis überdurchschnittlich intelligent.

Suite101: Wie kommt es denn dann überhaupt zu den Schwierigkeiten?

HKB: Um mit Zahlen und Mengen gut umgehen zu können, sind bestimmte Sinneswahrnehmungen notwendig. Bei Menschen mit Dyskalkulie sind diese oft deutlich schlechter ausgeprägt. Das führt zu großer Anstrengung und permanenten Aufmerksamkeitsschwankungen beim Umgang mit Zahlen.

Suite101: Können Sie genauer erklären, was mit den Sinneswahrnehmungen gemeint ist?

HKB: Es genügt nicht, gut hören und sehen zu können, damit man das Rechnen erlernen kann. Die Sinneseindrücke müssen im Gehirn auch sinnvoll verarbeitet werden. Sonst kann es sein, dass der Vorgang sehr anstrengend wird und zu Fehlern führt. Damit mathematisches Denken gut funktioniert, sind bestimmte Grundvoraussetzungen notwendig. Besonders wichtig sind die Fähigkeiten der optischen Differenzierung, der Raumlage und der Rechts-Links-Orientierung. Man braucht sie etwa, um Ziffern und Ziffernfolgen zu erkennen und unterscheiden zu können, auch um Zahlvorstellungen zu entwickeln und Gleichungen zu lösen.

Suite101: Kann man diese Sinneswahrnehmungen schon bei kleinen Kindern fördern?

HKB: Ja, auf jeden Fall. Das ist auch sinnvoll, da auf diese Weise einer ausgeprägten Dyskalkulie vorgebeugt werden kann. Die Sinneswahrnehmungen können bereits im Kleinkindalter mit Spielen trainiert werden. Glücklicherweise wurde das inzwischen auch in die Förderpläne der Kindergärten aufgenommen.

Suite101: Welche Anzeichen machen deutlich, dass es sich um Dyskalkulie handelt?

HKB: Es werden viele Rechenfehler gemacht und in den meisten Fällen wird sehr viel Zeit aufgewendet, um zu einer Lösung zu kommen. Dyskalkuliker operieren oft zählend und klammern sich an plastische Zählhilfen. Abweichungen in der Aufgabenstellung führen zu Irritationen. Meist können keine Transferleistungen erbracht werden. Daher wird stets neu berechnet.

Weil die betroffenen Schüler ein schlechtes oder falsches Verständnis von Mengen und Größen, von Zahlen und mathematischen Operationen haben, entwickeln sie eine eigene Logik. Es kommt so zu einem individuellen Fehlerprofil mit eigener Gesetzmäßigkeit.

Auffällig ist häufig, dass durch beständiges, intensives Üben die Defizite nicht verbessert werden. Geübtes wird schnell vergessen oder stur auswendig gelernt. Bei Hilfestellungen zu Hause folgen oft ärgerliche bis abwehrende Reaktionen.

Bei Sachaufgaben kann die Aufgabenstellung oft nur wortwörtlich wiedergegeben werden, da sie überhaupt nicht verstanden wurde. Größenangaben werden wahllos mit Operationen verknüpft, um irgendwie zu einer Lösung zu kommen. Die Kinder haben meist auch wenig Beziehung zur Zeit, zum Raum und zu Distanzen.

Eine bestehende Dyskalkulie äußert sich außerdem häufig durch Angst vor dem Fach Mathematik, vor Lehrer und Klassenarbeiten in diesem Fach oder auch Angst vor der Schule im Allgemeinen.

Suite101: Besteht ein Zusammenhang zwischen Legasthenie und Dyskalkulie?

HKB: Dyskalkulie steht für den mathematischen und Legasthenie für den schriftsprachlichen Bereich. Beide haben die anders arbeitenden Sinneswahrnehmungen als Ursache, die zu großer Anstrengung, Aufmerksamkeitsproblemen und damit Fehlern führt. Dyskalkulie tritt leider häufig gemeinsam mit Legasthenie auf.

Sowohl das Legasthenietraining als auch das Dyskalkulietraining müssen folgende drei Bereiche beinhalten:

  • Symptomtraining
  • Aufmerksamkeitstraining
  • Training der Sinneswahrnehmungen.

Suite101: Was verstehen Sie unter Symptomtraining?

HKB: Damit ist – simpel gesagt – das Rechnen-Üben gemeint. Ein Zahlen- und Mengenverständnis wird systematisch aufgebaut. Das bedeutet, dass man tatsächlich noch einmal bei den Grundlagen, die der Schüler nicht wirklich verstanden hat, beginnt. Zuerst bewegt man sich nur im Zahlenraum bis zehn, dann bis hundert. Nach und nach wird immer mehr darauf aufgebaut. Beim Symptomtraining wird so lange mit Anschauungsmaterial gearbeitet, bis der Schüler im wahrsten Sinne des Wortes „begriffen“ hat. Dann wird zum abstrakten Rechnen übergegangen.

Suite101: Besteht nach einer intensiven Schulung eine Chance, diese Defizite komplett loszuwerden?

HKB: Die Anlage zur Dyskalkulie kann positiv oder negativ beeinflusst werden und sich auf entsprechende Art im Leben eines Menschen auswirken. Wenn frühzeitig in allen drei vorhin genannten Bereichen geholfen wird und somit die Grundlagen für mathematisches Denken gelegt wurden, muss ein Schüler keine speziellen Probleme im Fach Mathematik mehr haben.

Suite101: Wie kann eine Fehldiagnostik erkannt werden?

HKB: Dazu sollte, wie bei einer normalen Dyskalkuliediagnostik, in ausführlichen Gesprächen und Untersuchungen herausgefunden werden, wo die Ursachen der Probleme beim Rechnen liegen. Auch wie das Kind rechnet, ist entscheidend. Auf jeden Fall muss ausgeschlossen werden, dass die Probleme in Mathematik durch eine allgemeine Lernschwäche oder versäumten Unterricht entstanden sind. Hier würde man von Rechenproblemen oder Rechenschwäche sprechen, nicht aber von Dyskalkulie.

Suite101: Möchten Sie zum Schluss gern noch ein persönliches Anliegen loswerden?

HKB: Ich möchte allen Betroffenen Mut machen, ihre Probleme so bald wie möglich anzugehen. Oft schon habe ich es erlebt, dass Schüler, die zum Dyskalkulietraining kamen, das Fach Mathematik anfangs verabscheuten, weil sie einfach überhaupt keinen Zugang dazu hatten. Wenn wir dann in Ruhe alle Grundlagen noch einmal aufgebaut haben, merkten sie, dass nicht mehr die Zahlen sie beherrschen, sondern dass das Gegenteil der Fall ist. Das kann den Schulalltag und damit die ganze Lebensqualität erheblich verbessern. Viele unnötige Folgeprobleme in der höheren Mathematik, aber auch in Informatik, Physik und Chemie können durch frühzeitige Förderung verhindert werden. Der große Mehraufwand, den ein Dyskalkulietraining bedeutet, lohnt sich!

Ein weiterer Beitrag zum Thema Dyskalkulie: Dyskalkulie - Förderung in der Schule sowie im Elternhaus

Sandra Gau, Gau

Sandra Gau - "Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen." Mark Twain Liebe Leserinnen und Leser, ich freue mich sehr, ...

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