
- Kindermund bei Aussprache des D - Andreas Habicher
Dyslalie ist ein Sammelbegriff, eine übergeordnete Bezeichnung für mehrere Arten von Störungen, auch Entwicklungsstörungen, bei Aussprache (Phonetik) und Artikulation (Phonologie). In der Wissenschaft wird der Begriff Dyslalie vermieden, man spricht lieber präziser entweder von Aussprachestörungen oder von Artikulationsstörungen.
Das phonetische Problem bedeutet, dass bestimmte Laute aufgrund von artikulationsmotorischen Schwierigkeiten gar nicht gebildet werden können. Ein gutes Beispiel dafür ist das Lispeln, das entsteht, wenn S-Laute nicht ausgesprochen werden können, ein anderes ist der Gammazismus oder Kappazismus und betrifft die im oberen Rachenraum gebildeten Laute G oder K.
Das phonologische Problem bezieht sich auf die Verwendung der Laute in der gesprochenen Sprache. Im Fall von Artikulationsstörungen kann der betreffende Laut für sich und isoliert durchaus richtig gebildet und ausgesprochen werden. Im Verbund mit anderen Lauten, im gesprochenen Wort und Satz also, scheitert die korrekte Artikulation dann. Oft tritt eine Lautverschiebung ein und ein anderer Laut wird anstelle des fehlenden eingesetzt. Ein Beispiel dafür ist eine R-L-Verschiebung, anstelle von "richtig" oder "rechts" wird "lichtig" oder "lechts" ausgesprochen. G oder K können durch ein D ersetzt werden, "Durke" statt "Gurke" oder "Dind" statt "Kind" ist dann zu hören.
Ursachen der Dyslalie
Woher kommt die Dyslalie? In den meisen Fällen sind die Aussprache- und Artikulationsstörungen eine Folge von Wahrnehmungsstörungen oder Verarbeitungsstörungen beim Hören und Sehen. Eine andere Möglichkeit sind Störungen der Sprechwerkzeuge, meist handelt es sich dabei um Schwierigkeiten bei der Kontrolle der Mundmuskulatur oder, seltener, der Zunge.
Kinder und Erwachsene
Bei physisch gesunden Erwachsenen treten Dyslalien im Regelfall nur beim Erwerb von Fremdsprachen auf. Wenn in einer Sprache ein Laut vorkommt, der in der eigenen Muttersprache nicht existiert, sind Schwierigkeiten bei der Lautbildung kaum überraschend. Betroffen sind etwa Knacklaute im Xhosa oder auch das bekannte, in zweierlei Form auftretende "th" im Englischen.
Bis zu einem gewissen Alter, und individuell durchaus verschieden, gehören Sprachprobleme zur ganz gewöhnlichen Entwicklung des Lautverständnisses und der Lautverwendung. Wenn ein zweijähriges Kind näselt - "Ich böchte Barbelade" - ist das nicht unbedingt ein Alarmzeichen, sondern meist eine kleine Eigenheit, die "sich auswächst". Sch-Schwächen - "söne Suhe" - sind in diesem Alter absolut normal.
Es ist daher vor allem für den Laien alles andere als einfach, die Grenze von der normalen Sprachentwicklung zur Sprachentwicklungsverzögerung und von da zur therapiebedürftigen Sprachentwicklungsstörung oder Sprachstörung zu ziehen. Auch bei Fachleuten sind hier bis zu einer gewissen Schwankungsbreite persönliche Einschätzungen im Spiel, die durchaus stark variieren können.
Oft entdecken Eltern die fehlerhafte Aussprache ihres Kindes, wenn sie es mit gleichaltrigen Kindern vergleichen. Der Hinweis auf eine mögliche Dyslalie kann aber auch vom Kinderarzt oder aus dem Kindergarten kommen. In der Regel ist dann der Kinderarzt der erste Ansprechpartner. Er überweist das Kind zur genaueren Diagnostik an einen HNO-Facharzt und/oder einen Logopäden. Ist die Lautwahrnehmung "unauffällig", also im Normbereich, testet der Logopäde die Aussprache des Kindes sowie Art und Ausmaß der Dyslalie und stellt fest, ob es sich um eine Aussprache- oder Artikulationsstörung handelt.
Therapie
Die Störungen im phonetischen und im phonologischen Bereich sind in der Therapie der diagnostizierten Dyslalie ganz klar voneinander zu unterscheiden. Nicht nur das: Die therapierenden Logopäden sind gefordert, von Patient zu Patient auf die individuellen Probleme bei der Lautbildung einzugehen und maßgeschneiderte Therapieprogramme zu entwickeln. Daneben müssen alternative Behandlungsmöglichkeiten im Blick behalten werden, etwa ohrenärztliche Behandlungen oder Korrekturen von Zahnfehlstellungen.
Die Therapie von phonetischen Störungen fußt oft auf der „klassischen Artikulationstherapie“ von Charles VanRiper. Die Therapie geht davon aus, dass ein fehlerhaftes Lautmuster nur verändert werden kann, wenn der Sprecher seine Fehler kennt. Im Umgang mit Kindern im Vorschulalter bedeutet das "Spielend sprechen lernen", oft in Verbindung mit Bewegungsspielen, da die Fehler nicht erklärt werden können, sondern nur durch häufige, möglichst stressfreie - also spielerische - korrekte Wiederholung eingeübt werden.
Therapien phonologischer Störungen sind meist langwieriger, da die Dyslalie oft tiefgreifendere Ursachen hat als bei phonetischen Störungen. Kinder mit einer unbehandelten oder nicht richtig behandelten phonologischen Störung tragen auch ein hohes Risiko einer Schriftspracherwerbstörung - Dyslexie und Legasthenie, also die relativ verbreiteten Lese- und Rechtschreibschwächen.
Ist die Dyslalie Symptom einer umfangreicheren Entwicklungsverzögerung, arbeiten Logopäden im Einzelfall auch interdisziplinär mit Ärzten, Ergotherapeuten, Krankengymnasten oder Psychologen zusammen.
