
- E-Kanban erleichtert die Beschaffung - SAP Deutschland
Das in den 1960er Jahren zuerst bei Toyota eingeführte Kanban-System zur Fertigungs- und Materialflusssteuerung hat sich in Deutschland fest etabliert. „Das klassische Kanban-Konzept wird bei ausgewählten Artikeln und Prozessen mittlerweile in vielen Unternehmen eingesetzt, erläutert Henrik Eyer, geschäftsführender Gesellschafter der u.a. auf Kanban-Einführung spezialisierten Kölner Unternehmensberatung Escon. Fabrikationsstätten mit Serienproduktion, wie beispielsweise in der Automobil- und in der Metallverarbeitenden-Industrie, haben bei großer Stückzahl oder bei vielen höherwertigen Stücken ihre Teileproduktion oftmals auf das Kanban-System ausgerichtet. Eyer: „Ausnahmen in der Kleinteilefertigung bestätigen wie immer die Regel.“
„Die sich selbst regulierenden Kreisläufe des Toyota-Produktionssystems bestechen vor allem durch ein einfaches Prinzip, dass die Mitarbeiter auch verstehen“, meint Jürgen Schröder, Professor für Logistik und Produktionsorganisation an der FH Ingolstadt. Beim Kanban-System erfahre der Monteur unmittelbar den Zusammenhang zwischen nicht eingescanntem Kanban-Beleg und fehlendem Material. Schröder: „Im Gegensatz dazu birgt die Komplexität mancher Enterprise-Resource-Panning-(ERP)- oder Supply-Chain-Management-(SCM)-Systeme oftmals die Gefahr der Intransparenz.“
Klassische Kanban-Philosophie oder neue Medien, Internet und E-Kanban?
Die klassische Kanban-Philosophie beruht auf Regelkarten, den sog. Kanbans, die an Lagerbehälter angebracht werden. Wird ein Behälter durch Verarbeitung oder Verkauf leer, so dient der leere Behälter mit der Karte als Materialanforderung und gibt somit den Anstoß zur Fertigung einer neuen Einheit. Schröder: „Dieses System funktioniert sowohl bei internen als auch externen Lieferanten.“ Die traditionellen Kanban-Prozesse werden nicht durch eine Software gesteuert und können daher vom Prinzip her auch heute noch „mit einer Kiste und einem Zettel“ abgewickelt werden. Die erweiterten Möglichkeiten von neuen elektronischen Medien wie dem Internet gelten den Kanban-Experten vor allem als „Transportlösungen“ für die Information. Eyer präzisiert: „Ob ich über einen einfachen Zettel oder das Internet arbeite, ist zum einen eine Frage der Entfernung und zum anderen der Schnelligkeit. In keinem der beiden Fälle darf die vorgelagerte Stelle mehr produzieren als die nachgelagerte Stelle benötigt. Das Kanban-Prinzip bleibt stets das Gleiche.“
ERP- und SCM-Softwarelösungen haben Kanban-Konzept aufgenommen
Softwarehäuser wie SAP, Infor Global Solutions (Baan) und weitere Anbieter haben das Kanban-Konzept neben anderen Distributionsverfahren bereits vor mehreren Jahren in ihre IT-Systeme aufgenommen. Aber erst seit kurzem registrieren die Unternehmen für das sog. E-Kanban einen wachsenden Markt: „In jüngster Zeit setzen immer mehr Anwender sowohl in den USA als auch in Deutschland bei den Themen Lean Manufacturing und Outsourcing auf elektronisches Kanban“, erläutert Jürgen Helme von SAP Deutschland. In der Praxis werde allerdings oftmals eine Kombination aus Kanban-, anderen Distributions- sowie ERP- und SCM-Planungsverfahren eingesetzt. Helme: „Je nach Teilespektrum, können Anwender der integrierten Supply-Chain-Management-Lösung SAP SCM entscheiden: was steuere ich wie?“
Bereits 1995 wurde das Logistik-Release im SAP-System R/3, dem Vorgänger des aktuellen SAP ERP, um bedarfssteuernde Verfahren erweitert. „Heute allerdings positionieren wir E-Kanban unter dem Thema Supply-Chain-Management“, betont Helme.
Lieferanten informieren sich heute im Internet über die Kanban-Bedarfe
Am Produktionsstandort Pliezhausen des Wärmeübertragungs- und Kühlsystemhersteller Modine Europe GmbH wurde Anfang des neuen Jahrtausends nach dreimonatiger Planungs- und Testphase eine Internet-Kanban-Lösung auf Basis von SAP R/3 eingeführt. Seitdem informieren sich sieben Lieferanten täglich im Internet über die per Kanban übermittelten Bedarfe. Projekt-Manager Thomas Schuster erläutert: „Wir konnten die Materialreichweite über elektronisches Kanban um 20 Tage reduzieren. Das bedeutet eine Einsparung von ca. 160 Gitterboxen im Lager und Kosteneinsparungen von 120.000 Euro.“
Auch beim Wettbewerber Infor Global Solutions (Baan) hat man sich bereits früh mit dem Thema bedarfsgesteuerte Fertigung auseinandergesetzt: „ERP-Systeme sind nicht für Kanban entwickelt worden und daher nicht flexibel genug. Sie eignen sich aber hervorragend dafür, den ‚Backbone’ für weitere aufgesetzte Supply-Chain-Management-Systeme zu stellen“, lautet die gemeinsame Einschätzung von Günter Grobbel und Guido Herres, beide Senior Industrie Consultants. Dieser Philosophie folgend, wurde bereits der erst durch SSA Global Technologies und im Jahr 2006 schließlich durch Infor übernommenen ERP-Standardsoftware Baan ein E-Kanban-Zusatzprodukt zur Seite gestellt, das sich auf dem ERP-System „abstützt“.
Der Markt für E-Kanban-Produkte entwickelte sich anfangs eher zurückhaltend
„Obwohl das E-Kanban-Modul schon seit mehreren Jahren verfügbar ist, entwickelte sich ein größerer Markt dafür sehr langsam,“ berichtet Consultant Herres. Es sei allerdings die Bereitschaft der Unternehmen kontinuierlich gestiegen, in den Kunden-Lieferanten-Beziehungen verstärkt über das Medium Internet zusammenzuarbeiten. Auch Infor ERP LN unterstützt auf Basis von Baan daher verschiedene Fertigungstypologien parallel. Grobbel: „Damit verfügen die Anwender neben E-Kanban noch über weitere Möglichkeiten der Fertigungs- und Materialflusssteuerung.“
