
- Landschaftskrippe Ebensee - Irene Ehart
Betritt man die katholische Pfarrkirche von Ebensee in der Zeit zwischen Weihnachten und Maria Lichtmess, so präsentiert sich der geschmackvoll renovierte Innenraum nicht nur als Ort des Gebets. Hier findet man auch eine der zahlreichen geschnitzten Landschaftskrippen, die in der gesamten Region heute noch einen großen Stellenwert haben. Die etwa 30 Zentimeter hohen geschnitzten Figuren erzählen von der Geburt Christi bis zur Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten. Ab dem 6. Jänner sind auch die Heiligen Drei Könige mit ihrem prunkvollen Gefolge Teil des Ensembles.
Wie der erste Elefant ins Salzkammergut gelangte und andere kuriose Geschichten ...
Für große Heiterkeit bei allen Betrachtern sorgt regelmäßig der Anblick des Elefanten, der die Könige aus dem Morgenland ins Salzkammergut begleitete. Mangels Fotografie konnten sich die Schnitzer lediglich an Erzählungen von Fernreisenden orientieren. Der Elefant war demnach ein graues Tier von ähnlicher Statur wie ein Hund, nur viel größer, auf vier säulenförmigen Beinen. Mitten aus dem Gesicht, das einem Menschenantlitz mit Stirn, Wangen, Augen und Augenbrauen verdächtig ähnlich sieht, wächst ein Gebilde, ähnlicher einem Gartenschlauch als einem Rüssel. Die Ohren gleichen den Hängeohren eines Hundes.
Die Welt des Barockbildhauers Schwanthaler spiegelt sich in den Krippen
Selbst der Barockbildhauer Johann Georg Schwanthaler, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Region arbeitete, war bei exotischen Details auf Schilderungen angewiesen und wusste nicht, wie die Tiere aussahen. Er schnitzte die erste Landschaftskrippe, die heute noch in der Pfarrkirche Altmünster ausgestellt ist. Manch einer der einfachen Holzknechte wird wohl an der Genauigkeit der Schilderungen seine Zweifel gehabt haben. Im Lauf eines Krippenrundganges, der „Kripperlroas“ findet man auch köstliche Varianten wie einen Elefanten mit vier Ohren – denn ein so großes Tier kann unmöglich mit zwei Ohren alles hören.
Holzfachschule schuf Ausbildung und Arbeitsplätze
Schwanthaler gründete eine Holzfachschule und lehrte seine Schüler das Schnitzen. In der Mehrzahl waren es einfache Holzarbeiter aus der Umgebung, die daraus ihre Freizeitbeschäftigung für lange Winterabende machten. Dass sich mit dem Darstellen des alltäglichen Lebens auch gesellschaftskritische Anschauungen und Auflehnung gegen die Obrigkeit bildhaft wiedergeben ließen, erfährt der interessierte Besucher, wenn er den Einheimischen bei der Erklärung ihrer kostbaren Krippen zuhört. Diese öffnen ihre Privathäuser für die meist unangemeldeten Gäste und schildern die Entstehungsgeschichte ihrer Krippe und die Bedeutung der Figurengruppen. Als kleines Dankeschön werden üblicherweise ein paar Geldmünzen gespendet, die sogenannten „Krippökreuzer“.
Ebenseer Landschaftskrippen haben charakteristische Figurengruppen
Von Generation zu Generation werden die Kunstwerke weitervererbt und nicht selten ist im Grundbuch vermerkt, dass die Krippe beim Haus verbleiben und jedes Jahr im Advent neu aufgebaut werden muss. Neben der Heiligen Familie enthalten die Ebenseer Krippen stets verschiedene Figurengruppen, die in typischer Weise das bäuerliche Leben der Region widerspiegeln: „Vater lass mi a mitgehn“, „Fleischhacker Sepperl mit dem Kalb“, „Äpfelbrocker“, „Lampöfanger“, „blinder Veit“, „Weintraubentraga“, „Urbal mit der Leinwand“ und „Nachbarn“ erzählen in lebhafter Bildsprache vom Dorf des 19. Jahrhunderts. Über dem Stall mit Jesuskind, Maria und Josef schwebt majestätisch der „Gloriaengel“, nicht selten sogar eine ganze Engelgruppe, das „himmlische Gwammel“, wie es auch die Ebenseer Krippenlieder besingen.
Krippenfiguren als politisches Ausdrucksmittel
Eine typische Figurengruppe fehlt in keiner der Krippen: der „Huss, geh´Melag“. Sie besteht aus einem Wolf, der von einem Hund, gejagt wird. Der Hirte rennt mit einem Stock hinterher. Der Name des Hundes „Melag“ geht auf einen französischen General zurück, der im Namen seines Königs Kriegszüge anführte und unter der eroberten Bevölkerung Angst und Schrecken verbreitete. Der Name Melac war also als Schimpfwort zu verstehen. Doch wer sollte einem einfachen Arbeiter verbieten, seinen Hund Melag zu nennen?
Ebenseer Krippenlieder
Eng verbunden mit der Tradition des Krippen Aufstellens sind auch die immer noch gepflegten Ebenseer Krippenlieder. Sie entstanden ebenfalls zu Zeiten, als es noch keinen Fernseher gab. Saßen die Menschen nach getaner Arbeit in den langen Wintermonaten beisammen um ihr hartes Los zu beklagen, war dies von der Obrigkeit nicht gerne gesehen. Sobald diese einen Vertreter ins abgelegene Langbathtal schickte, wurde aus der Politdebatte ein Gesangsverein. Damit hatte alles seine Ordnung und der Beamte konnte wieder den langen und beschwerlichen Heimweg antreten.
Wer sich selbst von der Schönheit der Landschaft, dem Traditionsbewusstsein und der Freundlichkeit der Menschen überzeugen möchte, kann zwischen Weihnachten und Anfang Februar in Ebensee auf Entdeckungsreise gehen und wird innerlich reicher und froher zurückkehren.
Ein besonderer Tag ist auch der 5. Jänner, an dem in Ebensee, wie in zahlreichen anderen Orten des Salzkammerguts, der traditionelle Glöcklerlauf stattfindet. Auch dieses Brauchtum geht auf die Mitte des 19.Jahrhunderts zurück und zeugt vom Fantasiereichtum und der Naturverbundenheit der Menschen, die in den lichtbringenden Gestalten die Vorboten des Frühlings darstellten.
