
- Eberhard Neubronner bei der Lesung im Gondrom - Elvira Lauscher
Über 200 Bilder enthält der Bildband „Nägel am Schuh“, der im September diesen Jahres im Silberburg-Verlag erschienen ist. Er enthält Fotografien von 1890 bis 1950 über das Arbeitsleben außerhalb der Dörfer und ist der zweite Band über den Alltag auf der Schwäbischen Alb. 2009 erschien „Steine im Brot“, der sich mit dem Dorfleben auseinandergesetzt hat. „Die Fotografen haben sich wohl nicht so schnell nach draußen gewagt mit ihren großen Kameras und wackligen Stativen,“ vermutet Eberhard Neubronner, denn im ersten Buch sind bis zu vierzig Jahre ältere Fotos dabei. Und doch wirkt so manche Fotografie aus "Nägel am Schuh" wie aus einer ganz anderen Zeit, obwohl teilweise nur sechzig, siebzig Jahre zwischen dem Heute liegen.
Die schwäbische Alb: Eine raue Gegend, die harte Arbeit erforderte
Eberhard Neubronner präsentierte sein Buch nicht nur mit einer Lesung und Anekdoten rund um die Bilder, sondern auch mit einer Diashow, um die Bilder auf den Betrachter wirken zu lassen. Markante Gesichter waren es oft, wettergegerbt und von Falten durchfurcht. Menschen, die anpacken konnten, aber auch wussten, wann Zeit für eine Rast ist, ein Vesper. Oft blicken die Gesichter freundlich in die Kamera, nicht selten ist ein Lächeln zu sehen unter den Kopftüchern und oberhalb der Arbeitskleidung mit Schürzen über den Röcken. Gemütlich wird vom Bauern auch mal eine Pfeife gepafft bei der Arbeit. Aber es ist auch Härte in den Augen zu sehen. Auffällig ist auch, dass die Menschen selten alleine fotografiert wurden. Man musste zusammenarbeiten, um die harte Arbeit zu bewältigen. Und auch die Tiere waren ein wichtiger Teil, um die harte Arbeit auf dem Feld zu schaffen. Deshalb wurden sie nicht selten hoch geschätzt.
Oft wird die Vergangenheit idealisiert, aber die Alb war kein Platz für Träumer
So wie von Bauer Josef Kneer, der seine zwei Pferde Bella und Rosa immer mit Weihwasser bespritzte, bevor er mit ihnen aufs Feld ging. Er war im Krieg Artillerist gewesen und hatte die zwei Militärgäule verbotenerweise mit ins Dorf genommen. Aufgenommen wurde das Foto 1920 in Eglingen, Hohenstein. Neben der Feldarbeit, die immer mit Holzwerkzeugen getätigt wurde, wird auch andere harte Arbeit gezeigt. Steineklopferinnen zum Beispiel oder ganze Familien, die Steine von den Feldern glauben mussten. Aber auch der inzwischen ausgestorbene Beruf der Köhler oder das Waschen der Schafe in der Lauter vor der Schafschur sind auf den Fotografien festgehalten. „Menschen – welches Medium kommt ihnen näher als die Fotografie, auch wenn Meister wie Amateure hinter scharf zeichnenden Objektiven subjektiv handeln.“, las Eberhard Neubronner aus seinem Einleitungstext aus dem Buch „Nägel am Schuh“. „Wenn man die historischen Bilder nicht schützt, gehen Reste der Bauernkultur dahin.“
Auch Kinder mussten früh mitarbeiten auf dem Feld und im Wald
Und so ist die Arbeit an diesem Buch, das eine uns unbekannte Zeit in Bildern festhält, eine wichtige Arbeit an der eigenen Vergangenheit und an der Geschichte der schwäbischen Alb, die mit großem Aufwand betrieben werden musste. Über 200 Gemeinden hat der Autor dafür angeschrieben und zahlreiche Archive besucht, um an das Bildmaterial zu kommen. „Es waren aber auch viele Bilder aus Privatbesitz dabei“, erzählt Eberhard Neubronner, dem es wichtig war, auch die Namen und genauen Ortsbezeichnungen im Buch mitzuliefern. „Mit den Namen kann man die Menschen identifizieren.“ Auch wenn so manches Bild heute fast idyllisch auf uns wirkt, so als ob ein anderes Verständnis der Zeit das Leben der Menschen damals bestimmt hätte, darf doch nicht nur alles im Nachhinein verklärt werden. „Im Frühling und Sommer sind unsere Zöglinge der Alp größtenteils entweder auf dem Acker, wo sie gemeiniglich schon vom sechsten Jahr an Ochsen und Pferde betreiben müssen, oder im Wald.“, sagte Pfarrer Johann Gottlieb Steeb aus Grabenstetten 1792 über die übliche Kinderarbeit.
Das Buch „Nägel am Schuh“ zeigt eine andere Welt, in die man blicken darf
Die Bilder erzählen Geschichten, zeigen Menschen, die im Einklang mit der Natur leben mussten, um überleben zu können. Auch die Nägel am Schuh, die dem Buch den Namen gaben, sind zu sehen. Die Schuhe von Katharina Merz sind zum Beispiel genagelt, damit sie nicht rutscht bei der Arbeit. Neben ihr ist der 18-jährige polnische Zwangsarbeiter Jan Maj zu sehen, aufgenommen 1943 in Stockenhausen bei Balingen. Wer sich für die Vergangenheit interessiert, wird in dem Buch „Nägel am Schuh“ viel Interessantes finden. Und vielleicht kann ein Blick zurück auch den Blick in das Heute schärfen. Doch das bleibt dem Betrachter überlassen.
Eberhard Neubronner: Nägel am Schuh, Silberburg-Verlag, 2010, 160 Seiten, 200 Fotografien, gebunden. Euro 24,90.
