Echinacea: Placebo-Effekt verkürzt Erkältung bei Sonnenhut-Fans

Heilpflanze Echinacea pallida enthält Glykoproteine - Dr. Gerald Albach
Heilpflanze Echinacea pallida enthält Glykoproteine - Dr. Gerald Albach
Der Glaube kann Berge von Papiertaschentüchern versetzen: Glauben Patienten an die Wirkung von Echinacea-Medikamenten, verkürzt sich die Erkältungsdauer.

Eine der "Sieben Regeln zur Erhaltung der Gesundheit" des deutschen Arztes Professor Dr. Friedrich Hoffmann (1660-1742) lautete: "Wer seine Gesundheit liebt, der fliehe die Medicos und Artzneyen." Wer den heutigen Ärzten und ihren Arzneimitteln entflieht, flieht im deutschen Lande der Selbstmedikation in puncto Stärkung des Immunsystems oft zur Phytotherapie mit "sanften" pflanzlichen Medikamenten – zu "Artzneyen" wie dem rezeptfreien Medikament Umckaloabo oder zu Echinacea-Präparaten. Eine erfolgreiche immunstimulierende Flucht gegen Grippe, Husten, Erkältung und Schnupfen scheint dabei auch von der Einstellung des Patienten gegenüber dem Medikament abzuhängen – ob man an die Wirkstoffe eines Medikaments glaubt, oder nicht. Dies zeigt eine placebo-kontrollierte Echinacea-Studie aus dem Jahr 2011 von Barrett et. al. mit über 700 Versuchspersonen.

Die Wirksamkeit von Medikamenten wird in Wirtshäusern untersucht

Im Land der Blinden ist der Einäugige König, im Land der klinischen Forschung sind dagegen randomisierte, placebo-kontrollierte Doppelblindstudien König. Nach der Bundesärztekammer und Prof. Dr. Dr. Michael Stolberg fand die erste doppelblinde Studie mit Placebo-Kontrolle "1835 in einem Nürnberger Wirtshaus statt": Gegenüber einer homöopathischen Hochpotenz (Prüfmedikament, Verum) prüfte man als Scheinmedikament (Placebo) destilliertes Schneewasser. Die doppelblinde Studie war doppelt verblindet, da weder die Versuchspersonen noch die Versuchsleiter wussten, ob die Versuchspersonen ein Medikament oder ein Scheinmedikament erhielten – es gab keinen einäugigen König. Moderne Arzneimittel-Studien mit Echinacea-Medikamenten werden zusätzlich noch randomisiert: Die Probanden der Studie werden statistisch zufällig in die Studiengruppen mit Placebo und Verum verteilt.

713 Versuchspersonen schluckten verblindete und unverblindete Echinacea- und Placebo-Medikamente

713 randomisierte Probanden mit einem Durchschnittsalter von 34 Jahren schluckten sehenden Auges nach dem Beginn von ersten Erkältungssymptomen entweder keine Medikamente, Echinacea-Medikamente oder Scheinmedikamente: In der vierarmigen Studie reichte man die Echinacea-Präparate den Versuchspersonen zusätzlich als verblindete oder unverblindete Echinacea-Prüfmedikamente. Im Land der Blinden waren die zweiäugigen Versuchspersonen mit unverblindeten Echinacea-Medikamenten König. Die erste Auswertung der Studie zeigte, dass alle Versuchsteilnehmer durchschnittlich etwa 7 Tage an den Symptomen einer Erkältung litten. Eine leichte, statistisch nicht bedeutsame Kürzung der Erkältungsdauer gab es in den Studien-Armen mit unverblindeten und verblindeten Echinacea-Tabletten.

Der Glaube an Echinacea-Medikamente kann Berge von Papiertaschentüchern versetzen

Von den 713 zufällig ausgewählten Probanden gaben 120 Versuchspersonen an, dass sie Echinacea-Medikamente als effektives Arzneimittel gegen Erkältungskrankheiten ansehen. Von den 120 Versuchspersonen, die an die Wirkung der Wirkstoffe aus dem Sonnenhut glaubten, landeten 32 Probanden zufällig in den Studien-Arm ohne Medikamente und 25 Probanden in den Studien-Arm mit Placebo-Tabletten. Die doppelblinden Versuchsleiter verglichen nun die Erkältungsdauer der Sonnenhut-Anhänger aus der Placebo-Gruppe mit den Versuchspersonen, die keine Medikamente erhielten – die Kürzung der Erkältungsdauer war statistisch signifikant: Obwohl die Echinacea-Anhänger nur Scheinmedikamente erhielten, verkürzte sich die Erkältungsdauer gegenüber den Versuchspersonen ohne Medikament von 8,4 Tage auf 5,8 Tage. Der Glaube ein wirksames Echinacea-Medikament statt ein Scheinmedikament erhalten zu haben, verkürzte bei den Sonnenhut-Anhängern die Dauer der Erkältung um 2,6 Tage. Die Sonnenhut-Anhänger der Placebo-Gruppe, unterschieden sich sonst nicht besonders von den Sonnenhut-Anhängern, die unverblindet oder verblindet Echinacea-Tabletten (Verum) erhielten.

Placebo-Effekte helfen Patienten bei Depressionen, Infektionen und Schmerzen

Insgesamt zeigte die Studie einen leichten, statistisch nicht bedeutsamen Vorteil für Patienten, die unverblindet oder verblindet Echinacea-Tabletten einnahmen. Zusätzlich wirkte sich bei Menschen, die an die Wirkung des Sonnenhuts glauben, ein positiver Placebo-Effekt aus: Placebo-Medikamente und Placebo-Prozeduren werden von unseren Ärztinnen und Ärzten manchmal bei einer Therapie angewandt. Sie helfen den Patienten ohne ein vielleicht körperlich belastendes Medikament zu verabreichen. Scheinmedikamente helfen Patienten zum Beispiel bei Depressionen, Infektionen und Schmerzen: Auch manche Nahrungsergänzungsmittel wie Glucosamin-Sulfat wirken nicht besser als Scheinmedikamente und reduzieren die Schmerzen bei Patienten mit Hüft-Arthrose.

Weitere Informationen und Literatur

  • Bruce Barrett, Roger Brown, Dave Rakel, David Rabago, Lucille Marchand, Jo Scheder, Marlon Mundt, Gay Thomas und Shari Barlow (2011): Placebo Effects and the Common Cold: A Randomized Controlled Trial. Annals of Family Medicine, Volume 9, Nummer 4, Seite 312 bis 322 (DOI: 10.1370/afm.1250).
  • Echinacea gegen Erkältungen – Eine endlose Geschichte ... (2011): Gute Pillen – Schlechte Pillen, Nr. 5, Sept./Okt. 2011, Seite 3.
  • Bundesärztekammer (Hrsg., 2011): Placebo in der Medizin. Herausgegeben von der Bundesärztekammer auf Empfehlung ihres Wissenschaftlichen Beirats. Deutscher Ärzte-Verlag. ISBN 978-3-7691-3491-9.
  • Bruce Barrett, Roger Brown, Dave Rakel, Marlon Mundt, Kerry Bone, Shari Barlow und Tola Ewers (2010): Echinacea for treating the common cold: A randomized controlled trial. Annals of Internal Medicine, Dezember 21, 2010, Volume 153, Nummer 12, Seite 769 bis 777.

Bitte beachten Sie, dass ein Suite101-Artikel generell fachlichen Rat – zum Beispiel durch einen Arzt oder Apotheker – nicht ersetzen kann!

Dr. Gerald Albach, Dr. Gerald Albach

Dr. Gerald Albach - Schreiben macht Spaß: mit Licht und mit Worten! Damit ich weiß, worüber ich schreibe, habe ich als Diplom-Biologe in der ...

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