Edgar Allan Poe – Die schwarze Katze

Eine Kurzgeschichte über einen Mord und persönliche Schwächen

Poe: Die schwarze Katze - Diogenes Verlag
Poe: Die schwarze Katze - Diogenes Verlag
In die Geschichten von Poe wird man gezogen wie in einen Strudel und kann sich dem Sog aus Gänsehaut und Grauen nicht entziehen. So auch bei „Die schwarze Katze".

Gleich zu Beginn kokettiert Edgar Allan Poe in der Kurzgeschichte „Die schwarze Katze“ mit dem Grauen und stellt als Ich-Erzähler seinen eigenen Geisteszustand in Frage. „Ich verlange und erwarte nicht, dass man die höchst seltsame und doch einfache Geschichte, die ich hier niederschreiben will, glaubt.“ Schon hat uns der Meister des Erzählens gefangen, denn natürlich wollen wir genau das tun – alles glauben. Wir wollen den Schauer spüren, der uns schon bei der Überschrift „Die schwarze Katze“ befällt. Denn schon von Haus aus ist dieses Tier mit Aberglauben und Schwarzer Magie behaftet, und Poe schürt dies noch, indem er – der als Ich-Erzähler stets scheinbar logisch und realitätsnah argumentiert – eine weitere Person heranzieht.

Der schwarze Kater Pluto eine verkappte Hexe?

Seine Frau nämlich, die bis zum Schluss und ihrem unschönen Ende namenlos bleibt, darf genau das, was man vermutet, über Pluto sagen: „Meine Frau, die ein wenig abergläubisch war, machte oft, wenn sie von dieser Klugheit sprach, Anspielungen auf den volkstümlichen Aberglauben, nach dem alle schwarzen Katzen verkappte Hexen sind.“ Und doch weiß man als Leser nicht, was man glauben soll. Ist nun das Tier an allem schuld oder doch der Ich-Erzähler, der von sich selber sagt, dass er den „Geist der Perversität“ besitzt.

Die schwarze Katze wird gequält

Was Edgar Allan Poe über seinen Protagonisten erzählt, könnte man auch in einer Poe-Biografie über den Schriftsteller selbst lesen, der zeitlebens immer wieder zu Alkohol-Exzessen neigte und sich oft dadurch Feinde machte, dass er zum falschen Zeitpunkt wichtige Menschen vor den Kopf stieß. „Dieser Geist der Perversität kam also, wie ich schon sagte, über mich, um meinen Untergang zu vollenden. Jener unergründliche Drang der Seele, sich selbst zu quälen ...“, so erklärt der in der Kindheit für die Zärtlichkeit seines Herzens und seine Tierliebe bekannte Ich-Erzähler, der sich mehr und mehr in ein sadistisches Ungeheuer verwandelt, das Tiere und seine Frau quält. Und insbesondere natürlich die schwarze Katze, der er das Auge aussticht oder sie an einem Baum aufknüpft.

Gruseln über die schwarze Katze und die Herzlosigkeit

Doch es wäre zu einfach, die Geschichte nur als eine Auseinandersetzung mit Poes eigenen Schwächen zu sehen. Zu dicht ist die Kurzgeschichte, sprachlich zu ausgefeilt und zu raffiniert geschrieben. Stets jongliert Poe mit dem untergründigen Schaudern beim hin- und hergerissenen Leser: Ist der herzlose Ich-Erzähler alleiniger Ursprung des Grauens oder ist es der Kater, der – scheinbar von den Toten wieder auferstanden – durch seine penetrante Treue den Hass seines Besitzers und damit das eigene Unheil heraufbeschwört?

Hass gegen die Katze als Symbol der eigenen schwarzen Seele

Und dieser Hass geht so weit, dass der Protagonist die Katze mit der Axt erschlagen will, nachdem ihn diese auf dem Weg in den Keller fast auf den Treppen zum Stürzen gebracht hat. Und als seine Frau die Katze schützen will, erschlägt er seine Frau. Doch nicht genug, dass dieser Mord geschehen ist, ein Mord, um ein Vielfaches schlimmer als der Mord an der ersten Katze, über die der Erzähler sagt: „... weil ich fühlte, dass ich mit der Tat eine Sünde beging, eine Todsünde, die das Heil meiner Seele vernichten konnte, sie, wenn es noch möglich gewesen wäre, dem Bereich der Gnade des allgerechten und allbarmherzigen Gottes entziehen müssen.“ Der Täter spürt nicht die geringste Form der Reue über seine Tat und sein perfides Verhalten, sondern sucht nur nach einem Weg, die Leiche sicher zu beseitigen.

Edgar Allan Poe: Die Leiche im Keller

Sehr bald ist eine Lösung gefunden und die Frau wird aufrecht im Keller eingemauert. Statt nun Reue zu empfinden, will er danach auch noch den Kater umbringen, der „all dies Elend verschuldet hatte“. Tief zieht Poe die Leser hinein in die Psyche des Protagonisten, weckt sogar eine Spur Empathie für diesen eigentlich scheußlichen Mörder, der seit Wochen endlich wieder gut schlafen kann, weil die Katze ihn seit dem Mord nicht mehr behelligt und eine Last durch das Fortbleiben des „Untiers“ von ihm fällt.

Der Täter richtet sich selbst – oder richtet ihn die schwarze Katze?

Und gerade als alles wieder seinen normalen Gang gehen will, kommt erneut die Polizei ins Haus. Als diese gerade unverrichteter Dinge gehen will, verrät sich der Täter selbst. Ganz von sich eingenommen durch die gelungene Tat und angefeuert durch eigene Prahlerei und Überheblichkeit, klopft er an die Wand. „Eine Stimme aus dem Innern des Grabes antwortete ...“ und die Polizei kommt dem Täter auf die Spur. Natürlich ist die Stimme nicht die Geisterstimme der ermordeten Frau, sondern das Maunzen der schwarzen Katze, die sich – so drängt sich die Interpretation dem Leser auf – mit einmauern ließ. Und bis zum Schluss lässt Poe seinen Protagonisten in dem irrigen Glauben, selbst unschuldig zu sein, denn der letzte Satz spricht von einem Ungeheuer – gemeint ist damit aber die Katze, nicht der Mensch. Wer das wahre Ungeheuer ist – und ob sich ein solches nicht auch in uns Lesern verbirgt –, das lässt Poe ausdrücklich offen.

Kurzgeschichte „Die schwarze Katze“, Edgar Allan Poe, Erstveröffentlichung in Saturday Post, 19. August 1843 als „The black cat“.

Die Kurzgeschichte findet sich in vielen Sammelbänden wie zum Beispiel: Edgar Allan Poe: Die schwarze Katze und andere Verbrechergeschichten. Diogenes Verlag 1983. Broschur, 288 Seiten. Euro 8,90.

Elvira Lauscher, Elvira Lauscher

Elvira Lauscher - Schreiben ist meine Leidenschaft, mein Beruf und meine Berufung. Ich war 28 Ausgaben für ein Ulmer Magazin Chefredakteurin und habe ...

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