
- Murphys Gesetz: Heute schon malheurt? - Nina Hawranke
Die Formulierung von "Murphys Gesetz“ wird gemeinhin dem amerikanischen Ingenieur Edward A. Murphy junior zugeschrieben. Im Jahr 1949 nahm dieser an einem Experiment der US-Luftwaffe teil, das fehlschlug, weil jemand beim Versuchsaufbau geradezu methodisch alles falsch gemacht hatte, was falsch zu machen war. Daraufhin wurde Edward Murphy von der Presse wie folgt zitiert: "Wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, eine Aufgabe zu erledigen, und eine davon in einer Katastrophe endet oder andere unerwünschte Konsequenzen nach sich zieht, dann wird es jemand genau so machen.“ Seitdem hält sich das Universum strikt daran, denn Murphys Wunsch ist ihm Befehl. Aber ist der Ursprung des kruden kosmologischen Humors tatsächlich so jung?
Edgar Allan Poe ist eigentlicher „Erfinder“ von Murphys Gesetz
Durchaus nicht, wie ein Blick in die amerikanische Literaturgeschichte zeigt. Der eigentliche "Erfinder“ von Murphys Gesetz ist der amerikanische Autor, Dichter und Kritiker Edgar Allan Poe (1809 bis 1849). In seinem Werk begegnet uns der gehässige Leitfaden, an dem sich der Lauf der Welt so oft zu orientieren scheint, gleich zweifach – in Form der Kurzgeschichten "The Angel of the Odd“ (dt. Titel: "Der Engel des Wunderlichen“, 1844) und "The Imp of the Perverse“ (Der Geist des Bösen; richtiger wäre: "Der Kobold des Perversen“, 1845).
In "The Angel of the Odd“ erhält der Ich-Erzähler vom Engel des Wunderlichen höchstpersöhnlich eine Einführung in das Thema "Gehässigkeiten des Alltags“. Dem voran geht der provozierende Kommentar des Erzählers, die Zeitungen seien voll von "verabscheuungswürdigen Fälschungen“, die viel zu skurril und kurios seien, um wahr sein zu können. Das ruft besagten Engel auf den Plan, in dem der Kenner sofort eine frühe Verkörperung des murphologischen Prinzips erfasst. Der "Engel“ schickt den Erzähler auf eine leidvolle Reise durch das Land vermeintlicher Unmöglichkeiten: Das Haus des Protagonisten brennt ab; bei dem Versuch, sich in Sicherheit zu bringen, bricht er sich den Arm; zweimal scheitert seine geplante Hochzeit; und als er sich schließlich umbringen will, da er es "nun an der Zeit fand, zu sterben“, macht eine diebische Krähe auch daraus eine Farce. Reumütig erkennt der arme Tropf schließlich die Existenz des Engels an. Was bleibt ihm übrig? Denn er hat längst erkannt: Alles, was schiefgehen kann, geht schief. Somit ist der namenlose Ich-Erzähler des Poe'schen Literaturuniversums das erste dokumentierte Opfer von Murphys Gesetz, wie wir es heute kennen.
Murphy's Law: Das Leben als vorprogrammiertes Missgeschick
Der Philosoph und Autor Ulf Heuner hat mit "Patzer, Pannen, Missgeschicke: Das erste Überlebenshilfebuch“ (Klett-Cotta, 2007) einen Ratgeber für alle verfasst, die sich von Murphy besonders gebeutelt fühlen. Sein Fazit: Das Leben ist ein vorprogrammiertes Missgeschick, und das ist gut so, denn so erlangen wir wichtige Einsichten über uns selbst und das Leben im Allgemeinen – und wenn es das Letzte ist, was wir lernen. Heuner spricht von einer Art "Pannenlogik“, die vorwiegend davon lebt, dass wir einen Körper besitzen. Dieser ist sozusagen das vorrangige Instrument Murphys, denn er stolpert, lässt fallen, übersieht und geht auf die Nerven. Wobei stets automatisch Crespins Gesetz der Beobachtung in Kraft tritt: "Die Wahrscheinlichkeit, dass man beobachtet wird, steigt proportional zu der Dümmlichkeit unserer Handlung.“ Erschwerend kommt hinzu, dass all unsere Mitmenschen auch einen Körper haben, was sich als Multiplikator im Hinblick auf den Effekt des Gehässigkeitsgesetzes erweist. Frustrierend, aber Fakt. Gegenmaßnahmen? "Handlungen jeglicher Art vermeiden“, so Heuner.
Ein bisschen Murphy steckt in uns allen
Aber liegt diesen "unbewussten Sabotageakten des Gehirns“, wie Heuner den Hang unseres Körpers zu Missgeschicken nennt, vielleicht eine sehr viel subtilere Ursache zugrunde als die bloße Neigung des Kosmos zu Slapstick-Humor? Edgar Allan Poes Ich-Erzähler in "The Imp of the Perverse“ ist überzeugt davon, dass wir selbst die Ursache sind. Es ist der kleine, gehässige Kobold in uns allen, so die Meinung des Protagonisten, der uns immer wieder dazu verleitet, sehenden Auges in die Katastrophe zu rennen und dies in gewissem Maße auch noch zu genießen. Es ist ein "angeborenes und primitives Prinzip, das allem menschlichen Handeln zugrunde liegt, und das wir in Ermangelung eines treffenderen Ausdrucks als Perversion bezeichnen wollen“.
Dieses Prinzip bringt uns dazu, eben so zu handeln, wie wir es nicht sollten – aus dem einen Grunde allein, dass wir nicht so handeln sollten. "Theoretisch“, fährt der Erzähler fort, "gibt es keinen unvernünftigeren Grund als diesen, aber in der Praxis gibt es keinen überzeugenderen. Bei entsprechendem Naturell und unter bestimmten Voraussetzungen ist er absolut unwiderstehlich.“ Oder kurz mit Clemens' Gesetz gesagt: "In einer beliebigen Situation werden sich alle Beteiligten stets so verhalten, dass das Maß an möglichem Fehlverhalten voll ausgereizt ist.“ Ein bisschen Murphy steckt eben in jedem von uns.
Und allen unerschütterlichen Optimisten, die immer noch am die Welt beherrschenden murphologischen Prinzip zweifeln, sei abschließend Halls Gesetz entgegengehalten: "Wer noch nicht paranoid ist, hat einfach nicht aufgepasst.“
