
- Edgar Allan Poe starb nicht an Alkohol - Wikimedia.org
Wer an Poe denkt, hat unweigerlich das Bild eines düsteren Mannes vor sich, der seinen eigenen Geschichten entsprungen zu sein scheint. Maßgeblich beigetragen zu dieser Sicht hat Rufus Wilmot Griswold. In seinem berüchtigten „Ludwig"-Artikel wie auch in der Kurzbiografie Memoir of the Author stellt er Poe als einen zwischen Wahnsinn und Melancholie schwankenden Misanthropen dar, getrieben von krankhafter Ambition - Behauptungen, die inzwischen widerlegt sind. Der Rufmord aber gelang. Nachfolgende Biografien stützten sich auf Griswolds Aussagen, und Poe wurde als depressiver Alkoholiker gehandelt.
Griswolds Poe-Biografie war Rufmord
Zeitzeugen Poes versuchten, den Schaden durch Gegendarstellungen zu begrenzen. Thomas Holley Chivers widmete der Wiederherstellung von Poes Ruf gar ein ganzes Buch, The New Life of Poe, das 1952 von E.P. Dutton & Co. unter dem Titel Life of Poe neu aufgelegt wurde. Dank Werken wie Edgar Allan Poe - A Critical Biography von Arthur Hobson Quinn (Johns Hopkins University Press, 1998) ist Poe zumindest in Fachkreisen weitestgehend rehabilitiert. In der Öffentlichkeit allerdings herrscht noch immer die Meinung vor, dass der Schöpfer des "Raben" ein alkoholsüchtiger Finsterling war, der den Folgen seiner Trunksucht erlag.
War Poe kein Alkoholiker?
Poe selbst gibt an, keinen Alkohol zu vertragen und daher - zumindest in späteren Jahren - keinen zu trinken, unter anderem in einem Brief vom 1. April 1841 an Dr. J.E. Snodgrass: "Sie werden sich schwerlich einreden lassen, dass ich das, was ich tagtäglich schreibe, zustande brächte, wäre ich tatsächlich das, was dieser Schurke [William Burton] allen weiszumachen versucht, die mich nicht kennen. [...] Ich kann nur noch einmal wiederholen, dass ich von der Neigung zur Trunksucht so weit entfernt bin wie der Tag von der Nacht. Alles, was ich trinke, ist Wasser." William Burton ist der Begründer des Gentleman's Magazine, dessen Herausgeber Poe von 1839 bis 1840 ist. Die beiden scheiden in gegenseitiger Abneigung, und es ist anzunehmen, dass die Gerüchte über Poes angebliche Trunksucht hier ihren Anfang nehmen. Seinen Zeitgenossen erscheinen Burtons Vorwürfe so abwegig, dass Snodgrass Poe rät, Klage wegen Rufschädigung zu erheben, wovon Poe allerdings absieht (Quinn, S. 301ff.).
Eigenes Journal in Aussicht
Im April 1849 erreicht Poe der Brief eines gewissen Edwin Howard Norton Patterson aus Oquawka, Illinois. Mit gerade einmal 21 Jahren hat dieser weit reichende Pläne - ein eigenes Literaturmagazin mit Poe als Herausgeber. Er will Poe alle inhaltlichen und gestalterischen Freiheiten lassen, die Sache ist beschlossen. Nur noch die Details sollen bei einem Treffen am 15. Oktober 1849 in St. Louis geklärt werden. Poe ist zuversichtlich: "Es ist wohl unnötig zu erwähnen", schreibt er an Patterson, "dass der literarische Einfluss eines solchen Magazins einmalig in Amerika wäre." (Quinn, S. 350).
Poes letzte Tage sind ungewiss
Am 30. Juni 1849 macht sich Poe auf den Weg von New York nach Richmond. Wahrscheinlich will er bei dieser Vortragsreise auch Abonnenten für das geplante Literaturmagazin gewinnen. Laut Quinn reist Poe am 27. September nach Baltimore, wird am 3. Oktober bewusstlos aufgefunden und in das Washington College University Hospital gebracht. Eine Theorie lautet, dass er ein Opfer von "Wahlhelfern" geworden sei. Tatsächlich haben am 3. Oktober 1849 in Baltimore Wahlen stattgefunden, aber John J. Moran, der behandelnde Arzt, gibt an, dass Poe Richmond erst am 4. Oktober verlassen und Baltimore am 5. Oktober erreicht habe - zwei Tage nach der Wahl. Dabei stützt er sich auf die Angaben von Sarah Elmira Royster Shelton aus Richmond, von der sich Poe am 4. Oktober persönlich verabschiedet hat.
Wurde Poe Opfer eines Raubüberfalls?
Von Baltimore aus will Poe weiter nach Philadelphia. Der Lokführer George W. Rollins bezeugt, Poe bis an den Fähranleger am Susquehanna mitgenommen zu haben. Wegen des stürmischen Wetters beschließt Poe, seine Reise zu verschieben, und fährt mit Rollins' Zug zurück nach Baltimore. Rollins berichtet: "Von der anderen Flussseite stiegen zwei Männer zu, die sich auf den Platz hinter Poe setzten. Ihr Äußeres ließ auf den ersten Blick erkennen, dass sie Gauner waren, zumindest aber Männer, vor denen man auf der Hut sein musste. Als ich in Baltimore aus dem Zug stieg, sah ich, wie die beiden Poe in Richtung Hafen folgten." (John Joseph Moran, A Defense of Edgar Allan Poe, Kessinger Publishing, 2007, S. 60f.) Am 7. Oktober 1849 stirbt Poe im Washington Hospital an unbekannter Ursache. Für Moran steht fest: "Edgar Allan Poe starb nicht an den Folgen eines Rauschmittels. Weder sein Atem noch seine Kleidung rochen nach Alkohol." (Moran, S. 55)
Unbekannte Bedrohung oder Verfolgungswahn?
Zwei Vorfälle, die Poes Tod vielleicht in einen größeren Zusammenhang stellen, sind erwähnenswert. Am 2. Juli 1849 erscheint Poe in Philadelphia bei John Sartain und berichtet, dass er im Zug von zwei Männern angegriffen worden sei (Quinn, S. 616). Es ist anzunehmen, dass ihm bei dieser Gelegenheit seine Reisetasche abhanden gekommen ist, denn in einem Brief an Maria Clemm vom 14. Juli berichtet er, dass diese zehn Tage lang verschwunden gewesen und dann wieder aufgetaucht sei. Poes Vorträge gestohlen - ein herber Verlust (Philip van Doren Stern, The Portable Poe, Penguin Books, 1973; S. 49). Zufall oder Sabotage?
Sartain bescheinigt Poe "Verfolgungswahn", aber ein weiterer Brief an Maria Clemm vom September 1849 weist darauf hin, dass Poe eventuell Anlass hatte, sich verfolgt zu fühlen: "Falls ich [nach New York] komme, werde ich direkt zu Mrs. Lewis gehen und nach Dir schicken. Es ist besser, wenn ich nicht nach Fordham komme, meinst Du nicht? Schreibe mir bitte umgehend nach Philadelphia. Aus Angst, dass Dein Schreiben mich nicht erreichen könnte, bitte ich Dich, den Brief nicht zu unterschreiben und ihn an E.S.T. Grey, Esq., zu adressieren." (Van Doren Stern, S. 53f.)
Poe scheint auf Ereignisse anzuspielen, die Maria Clemm bekannt waren - was nervliche Anspannung als Grund für sein Verhalten ausscheiden lässt. Von einer Bedrohung ist allerdings in keiner Quelle die Rede. So bleibt es bis auf Weiteres wohl schlicht eine tragische Fügung des Schicksals, dass Poe genau eine Woche vor seinem Treffen mit Patterson starb - eine Woche, bevor er sein lang ersehntes Ziel erreicht hätte, gegen alle Widerstände ein einflussreiches, vielleicht das einflussreichste amerikanische Literaturmagazin seiner Zeit zu begründen.
