
- Setzte sich für freie Kritik ein: Edgar Allan Poe - WIkimedia.org
Im April 1849 erreicht Poe der Brief eines gewissen Edwin Howard Norton Patterson aus Oquawka, Illinois. Er möchte Poe als eigenverantwortlichen Redakteur für ein Literaturmagazin gewinnen. Zahlreiche Versuche hat Poe schon in dieser Hinsicht unternommen, doch keiner hat Früchte getragen. Auf die Chance, die Patterson ihm hier bietet, hat er lange gewartet. Er sagt zu. Was bedeutet diese Chance Poes für die Literaturindustrie des jungen Amerika?
Amerikanische Literaturszene im 19. Jahrhundert von „Cliquen“ gesteuert
Sich im Amerika des 19. Jahrhunderts als Literat zu betätigen, ist alles andere als einträglich. Das Fehlen eines internationalen Urheberrechts sorgt dafür, dass amerikanische Verleger sich an der europäischen Literatur gütlich tun können – auf Kosten der nationalen Schriftsteller (Sidney P. Moss, Poe's Literary Battles: The Critic in the Context of his Literary Milieu, Southern Illinois University Press, 1969, S. 6). Die harschen Marktbedingungen lassen Publizisten wie Autoren Zweckgemeinschaften bilden. Diese „Cliquen“ sorgen für Unmut unter den freigeistigeren Autoren, denn sie unterdrücken alles, was ihrem persönlichen Vorteil im Wege steht – vor allem unabhängige Kritiken. Der Hauptmotor des Cliquensystems heißt „Puffing“, womit das gegenseitige Hochloben von Autoren derselben Clique gemeint ist. Es ist dieser Kontext, in dem Poe und seine beißende Kritik betrachtet werden müssen. Nichts ist ihm verhasster als die Cliquenwirtschaft, die das Aufkommen einer eigenständigen, von Europa emanzipierten Literatur verhindert.
Poe und die Literaturmagazine
Poes Karriere beginnt 1835 beim Southern Literary Messenger in Richmond. Als er das Magazin 1837 verlässt, ist die Abonnentenzahl stark gestiegen – von 700 im Jahr 1835 auf 5.500, so seine eigene Aussage (George Bartley, „A History of the Southern Literary Messenger“). 1839 beginnt er bei Burton's Gentleman's Magazine in Philadelphia, aus dem Anfang 1841 Graham's Magazine wird. George Rex Graham ist erfolgreich: Hat Burton's Magazine gerade einmal 3.500 Abonnenten zu verzeichnen gehabt, steigt die Auflage von Graham's Magazine auf 40.000 an. Graham gehört neben Louis A. Godey zu den ersten Publizisten, die sich jede ihrer Ausgaben urheberrechtlich schützen lassen – ein Affront für die Cliquen. Der Baltimore Saturday Visiter [sic] verspricht, Godey werde diesen Schritt „bitter bereuen“ (Ruth E. Finney, The Lady of Godey's: Sarah Josepha Hale, Lippincot, 1937, S. 48).
Graham's Magazine ist das zweite Journal, dessen Auflage unter Poe drastisch steigt. Dass Poe maßgeblich zum Erfolg beiträgt, belegt folgende Episode: Im April 1842 verlässt Poe Graham's, Rufus Wilmot Griswold wird Redakteur. Der Journalist Jesse Erskine Dow schreibt im Washingtoner Index abfällig: „Wir würden mehr für Edgar A. Poes Zehennägel geben als für die Seele von 'Rueful Grizzle' – es sei denn, uns wäre nach einem Jammerlappen.“ (Dwight Thomas, David K. Jackson, The Poe Log: A Documentary Life of Edgar Allan Poe, 1809–1849, G.K. Hall & Co., 1987, S. 370) Im September 1842 bittet Graham Poe zurückzukommen, unzufrieden mit Griswolds Arbeit, doch Poe lehnt ab. Später schreibt George Lippard, Journalist aus Philadelphia: „Es war Poe, der Graham's Magazine zu dem gemacht hat, was es noch vor einem Jahr war. Sein Intellekt war es, der dieser nunmehr schmalbrüstigen Zeitschrift den brillanten Ton und geistigen Schwung verliehen hat.“ (Dwight, Jackson, S. 441)
Ein eigenes Literaturmagazin bleibt ein Traum
Ein eigenes Literaturmagazin bleibt Poe verwehrt. Der Plan für ein Journal namens The Penn und später The Stylus nimmt 1840 erstmals konkrete Formen an. Jesse E. Dow vom Washingtoner Index schreibt: „[S]ofern [das Magazin] hält, was es verspricht, dürfte es das Monopol des 'Puffing' endgültig zerschlagen und die Fesseln sprengen, in die ein Heer von pensionierten Schwachköpfen die Gedanken unserer jungen Intellektuellen zu lange schon zwingt.“ (Dwight, Jackson, S. 347) Poes Magazin scheitert an der Finanzierung.
„Tomahawk Man“
In seinem Kampf um eine unabhängige, international konkurrenzfähige Literatur steht Poe nicht alleine da. Andere, beispielsweise Edward Sherman Gould, vertreten die gleichen Ansichten. Was Poes Kritik auszeichnet, ist die Vehemenz. Seine Scharfzüngigkeit bringt ihm den Spitznamen „Tomahawk Man“ ein. Eine Literaturszene, unabhängig von wirtschaftlichen Interessen, und eine Literaturkritik, die allein das Werk sieht, ohne ihr Augenmerk auf den Namen des Verfassers zu richten, das schwebt ihm vor – ein hohes Ziel „in einer Epoche, in der die Wahrheit aus der Mode gekommen ist“, wie er schreibt (Moss, S. 34).
Plattform für unvoreingenommene Kritik
„Ich wünsche mir wirklich (und bin mit diesem Wunsch nicht allein), Sie an der Spitze einer einflussreichen Zeitschrift zu sehen“, schreibt Patterson am 7. Mai 1849 an Poe. „Ich werde […] alle anfallenden Kosten übernehmen. […] Die redaktionelle Leitung liegt allein in Ihren Händen.“
Poe reagiert überraschend verhalten, sagt aber: „Wenn Sie mit [meinen Gegenvorschlägen] einverstanden sein sollten, können Sie […] so verfahren, als wäre alles verbrieft und besiegelt.“ (James A. Harrison (Hrsg.), The Complete Works of Edgar Allan Poe, Bd. XVII: „Poe and his Friends – Letters“, T.Y. Crowell, 1902, S. 348ff.) Patterson macht Poe alle Zugeständnisse, die dieser wünscht, und schlägt vor, sich am 15. Oktober in St. Louis zu treffen.
Es ist die letzte bekannte Korrespondenz zwischen Poe und Patterson. Unklar bleibt, ob Poe tatsächlich plant, nach St. Louis zu reisen. Da Patterson Poe aber in allen Punkten nachgegeben hat, besteht kein Grund, warum dieser auf Pattersons Einladung nicht hätte eingehen sollen. Eine Absage jedenfalls ist ebenfalls nicht belegt.
Poes Einfluss hätte Gewicht gehabt
Für den amerikanischen Literaturbetrieb hätte Poes Magazin sicherlich frischen, wenn nicht gar den stürmischen Wind bedeutet, der stets den radikalen Umschwung begleitet. Dass er gestalterisch wie inhaltlich gänzlich freie Hand gehabt hätte, kann in Sachen Einflussnahme wohl kaum überschätzt werden. Denn ob nun geliebt oder gehasst – Poes Name hatte Gewicht in der literarischen Szene Amerikas. Zudem stand er nicht alleine da in seinen Bemühungen, das Ruder herumzureißen und Qualität vor Marketing zu stellen. Viele Autoren wie Edward S. Gould und Jesse E. Dow warteten nur auf eine Chance, an diesem Wandel teilzuhaben. Den Cliquen New Yorks und den „Frogpondians“ Bostons jedenfalls wäre das Leben schwerer geworden. Und vielleicht hätte Poe letzten Endes noch einmal – und dieses Mal in einem größeren Kontext – sagen können: „Yes, we set fire to the Frog-Pond!“
