
- Romane von Edgar Wallace - Bernd Teuber
Das Leben von Edgar Wallace war teilweise genauso dramatisch wie seine Romane. Geboren wurde er am 1. April 1875 als Sohn der jungen verwitweten Schauspielerin Polly Richards und ihres Kollegen Richard Horatio Edgar. Das Standesamt registrierte ihn jedoch unter dem falschen Nachnamen "Wallace". Durch die diskrete Vermittlung der Hebamme kam er nach neun Tagen zu der armen, aber geachteten Familie eines Fischhändlers in Billingsgate. Er nannte sich jetzt Dick Freeman.
Sein erster Kontakt zur schreibenden Zunft fand bereits mit elf Jahren statt, als er die Schule schwänzte, um Zeitungen zu verkaufen. Seine wahre Identität erfuhr er erst im Alter von 12 Jahren, als die Bewerbung um seine erste richtige Arbeit den Nachweis einer Geburtsurkunde erforderlich machte. Die folgenden Jahre brachten nur Jobs, die geradewegs in die Sackgasse führten. Mit 18 ging er schließlich zur Armee. Dort schob er als Sanitäter Nachtdienst und hatte so tagsüber genügend Zeit um Verse für einen populären Sänger zu schreiben. Seine literarische Karriere entwickelte sich allerdings nicht so schnell, wie er erwartet hatte. Wallace träumte davon, mit seinem Talent ein Vermögen zu machen.
Davon war er allerdings noch weit entfernt. Erst einmal musste er im Burenkrieg kämpfen. Man versetzte ihn nach Simonstown, wo er ein Gedicht mit dem Titel "Guten Morgen, Mr. Kipling" verfasste. Dort traf er den berühmten Schriftsteller sogar persönlich. Dieser riet ihm jedoch davon ab, seinen Lebnsunterhalt mit dem Schreiben zu verdienen. Doch Wallace ignorierte den Rat, kaufte sich von der Armee frei und wurde Korrespondent für die Nachrichtenagentur Reuter. Später arbeitete er noch als Chefredakteur der "Rand Daily Mail".
Walace verlor viel Geld beim Pferderennen und war bald mittellos
Nach verheerenden Spekulationen an der südafrikanischen Börse war seine finanzielle Lage jedoch so katastrophal, dass er beschloss, mit seiner Frau nach England zurückzukehren. In seiner Tasche befanden sich genau drei Schillinge. Und das war mehr, als er zum Zeitpunkt seines Todes besaß. In England wurde er Redakteur der "Daily Mail", später Chefredakteur des Boulevardblattes "Evening News". Darüber hinaus gründete er das Privatunternehmen "Tallis Press".
Zu seinen vielen Aktivitäten kam auch noch die Stelle eines Korrespondenten für Pferderennen hinzu. Seine Gabe meistens aufs falsche Pferd zu setzen, führte bald zu starken Fluktuationen seines Vermögens. Weil er seine Zeitung in eine Verleumdungsklage hineingezogen hatte, wurde Wallace gefeuert und landete wegen übermäßiger Werbeausgaben auch noch hoch verschuldet, mittellos auf der Straße. Gleichzeitig machte er aber jedoch eine sehr wichtige Entdeckung. Es gab einen riesigen Markt für die Art von Geschichten, die er erzählen konnte. Jetzt begannen sich seine Mühen auszuzahlen.
Ein Roman folgte auf den anderen, bei den Theaterstücken ging es ebenso. Wallace übernahm als Pächter Wyndham's Theatre und schrieb die Stücke dafür - jeweils ein neues, kurz bevor das alte auslaufen sollte. Er verdiente sein Geld sehr schnell, gab es aber auch genauso schnell wieder aus - für sich selbst und seine Rennpferde, die - obwohl erfolglos - seine Besitzerfreuden nicht trüben konnten. Seine erste Ehe hatte mit einer Scheidung geendet. Nun war er zum zweiten Mal verheiratet und hatte vier Kinder.
Wallace wurde Drehbuchautor in Hollywood
Edgar Wallace stand morgens sehr früh auf, rauchte in Kette und trank literweise Tee, während er seine Bücher diktierte. Dazu benutzte er eine sehr frühe Form des Diktiergerätes, das mit Wachsrollen funktionierte, die dann zum Schreiben ausgewechselt wurden. So konnte er innerhalb von zwei bis drei Tagen einen Roman diktieren. Wallace benötigte selten mehr als fünf oder sechs Stunden Schlaf pro Tag. Zwischendurch konnte er aber kurze, minutenlange Nickerchen halten.
Sein letztes Projekt war ein dreimonatiger Vertrag als Drehbuchautor in Hollywood. Dort schrieb er unter anderem die erste Fassung von "King Kong", während er gleichzeitig die Produktion seines ständigen Flusses von Geschichten und Artikeln aufrechterhielt. Anfang Februar 1932, kurz vor Ablauf seines Vertrages, bekam Wallace eine scheinbar harmlose Erkältung, die sich aber bald als doppelseitige Lungenentzündung herausstellte. Drei Tage später starb er und hinterließ einen Schuldenberg von 150 000 Pfund, der jedoch innerhalb von zwei Jahren von den Einnahmen seiner Bücher abgetragen werden konnte. Mit ihm verlor die Welt einen der produktivsten Geschichtenerzähler. Edgar Wallace schrieb mehr als 170 Bücher, über 80 Theaterstücke und fast 100 Kurzgeschichten. Darüber hinaus wurden etwa 170 Filme nach seinen Werken gedreht.
Quelle: Joachim Kramp, Jürgen Wehnert: "Das Edgar Wallace Lexikon. Leben, Werk, Filme", Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2004, ISBN 3-89602-508-2
