Der Großteil aller mehrtägigen Retreats oder Zeiten, die der Meditation gewidmet sind, werden im Rahmen des Edlen Schweigens abgehalten. Schweigen und Stille ist eine Qualität, die in der westlichen Lebensweise kein zentrales Thema hat und deshalb eine besondere Wirkkraft zu Tage legt.

Das Schweigen in der westlichen Gesellschaft versus in der buddhistischen Tradition

Durch diverse Sozialisationsprozesse hat Schweigen in der westlichen Gesellschaft vielfach eine negative Konotation: Schweigen wird gleichgesetzt mit der Unfähigkeit, Worte zu finden, dem Rückzug von anderen Personen, Passivität oder Intraversion oder gar einer Form aggressiven Handelns. Dem gegenübergestellt ist Schweigen eine Qualität, die in kirchlichen Rahmenbedingungen üblich sind. Dies sind Orte, an denen zu Ruhe ermahnt wird, sei es als Zeichen des Respekts oder einer Haltung der inneren Einkehr, die an diesen Orten stattfinden darf. Unabhängig von der Glaubensrichtung wird in jeglicher Kirche oder jedem Kloster zur Stille und Langsamkeit ermahnt.

Schweigen auf Retreats

Retreats sind mehrtägige Meditationsseminare, die dem Rückzug und der intensiven Meditationspraxis dienen. Unabhängig davon, ob es sich dabei um Zazen (Zen)-Tage oder Vipassana handelt, es wird darauf verwiesen, dass eine Haltung des edlen Schweigens den inneren Prozess unterstützt. Die Praxis des Edlen Schweigens wird unterschiedlich streng gehandhabt, üblicherweise wird davon abgesehen, direkten verbalen Kontakt zu anderen Meditierenden zu halten. Einzelgespräche mit den Meistern beziehungsweise Seminarleitern ermöglichen jedoch die Reflexion der durchlebten Erfahrungen.

In einer Lehrrede im Samyuta Nikaya wird darauf verwiesen, dass es beim Edlen Schweigen vor allem um einen Zustand nach dem Gedankenfassen, innerer Beruhigung und Zentrierung handelt. Mit Sammlung, Entzückung und Glücksgefühl wird der Begriff als zweite Ebene der Versenkung betrachtet. Magellana erzählt von einer Begegnung mit Buddha, der zur Stille ermahnt, um den Geist zu festigen, zu einen und zu sammeln. Im Wesentlichen kann daraus rückgeschlossen werden, dass die Stille beziehungsweise das Edle Schweigen eine wichtige Begebenheit auf dem Weg des Samadhi, der Sammlung darstellt.

Samadhi – die Sammlung des Geistes

Im achtfachen Edlen Pfad ist Samadhi mit der Rechten Sammlung gleichzusetzen. Die sogenannte Einspitzigkeit des Geistes ist im Zusammenhang mit dem klaren Gerichtet-Sein des Geistes zu erkennen. Samadhi wird als heilsame Handlung angesehen, wobei von drei verschiedenen Ebenen ausgegangen wird: Die vorbereitende Sammlung, die am Anfang der Vertiefung steht, führt zu einer „angrenzenden Sammlung“, die mit der ersten Vertiefung gleichzusetzen ist, und letztlich zur vollen Sammlung – der Vertiefung – führt. Im Pali Kanon wird auf eine vierfache Begünstigung durch das Praktizieren der Sammlung – Samadhi – verwiesen:

  1. Als erster Punkt kann angeführt werden, dass durch die Sammlung, die sogenannten Jhanas erlangt werden können, die als unterschiedliche Ebenen der Erleuchtung betrachtet werden.
  2. Ein sogenannter Erkenntnisblick (nanadassana), der mit einer innerlich wahrgenommenen Lichtform gleichzusetzen ist.
  3. Klarsicht (Vipassana) der anhaltenden und vergehenden Wahrnehmungen auf körperlicher, emotionaler und geistiger Ebene durch Achtsamkeit.
  4. Die Wirkkraft der Triebe kann beendet werden, da das Entstehen und Verschwinden der 5 Khandas (Anhaftungsgruppen) erkannt wird.
Dies sind letztlich Ziele, die als Endresultat buddhistischer Praxis angesehen werden. Vor allem geht es in mehrtägiggen Retreats um ein Anheben der persönlichen Achtsamkeit vor allem in Vipassana-Retreats als auch um eine klare Anhebung der geistigen Klarheit auf dem Wege der Erleuchtung.

Quellen:

Samadhi

Samyuta Nikaya – Kolita Sutta

Stenek, Sonja Eliane: Vipassana-Meditation – Ankommen im Jetzt

Stenek, Sonja Eliane: Wege zum Glück – ein Blick auf die buddhistische Lebensphilosophie