Effi Briest

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Das Verhältnis von Effi und ihrer Mutter Frau von Briest

Effi Briest macht in ihrem jungen Leben viele Bekanntschaften, jedoch ist keines dieser Verhältnisse so innig wie das zu ihrer Mutter, Frau Luise Briest.

Effi zu ihrer Mutter

Frau Briest in ihrer Mutterfunktion

Die gute Beziehung äußert sich insbesondere in einem langen Dialog zwischen den beiden zu Beginn des Romans, in dem Effi ungezwungen und unverblümt über ihre Gefühle und Gedanken spricht und diese ihrer Mutter in ausschweifenden Erzählungen darlegt (S. 28, Z. 33 bis S. 29, Z. 11). Diese Offenherzigkeit und Freude am Plaudern gegenüber bzw. mit ihrer Mama zeugt von einer engen Verbundenheit Effis zu Frau Briest und zeigt, wie geborgen sie sich in ihrer Gegenwart fühlt. Keinem sonst offenbart Effi ihr wahres Ich so intensiv wie ihrer Mutter. Das Gefühl, sich aufgrund gesellschaftlicher Normen zu fügen, zurückhalten oder gar verstellen zu müssen, bleibt aus, sodass sich Effi ab und an Albereien und Scherze mit ihrer Mutter erlaubt (S. 27, Z. 39). Teilweise schlägt dies in ein verdrehtes Autoritätsmuster über, sodass Effi in mancher Situation durch ihre freche Schlagfertigkeit Oberhand gewinnt oder Ratschläge der weisen Mutter nicht ernst zu nehmen scheint oder ungeachtet im Raum stehen lässt (S. 28, Z.24 ff.). Auch ihr Ausdruck und ihre Wortwahl gegenüber Frau Mama entsprechen an einigen Stellen nicht der damals (und z.T. auch heute nicht) ungeschriebenen aber gesetzten Umgangsformen mit Respektpersonen (z.B. S. 32, Z. 7: „Wo denkst du hin, Mama?“).

Frau Briest als Vertraute, Freundin & Lebensbegleiterin

Jedoch ist Frau Luise Briest für Effi nicht „nur“ eine Mutter, sondern vielmehr auch eine Freundin, an die sich Effi bezüglich jeder Thematik wenden kann. Effi bespricht mit ihr nicht nur Innstettens Briefe, sondern unterbreitet ihr auch ihre wahren Gefühlen und Bedenken verbunden mit ihrer Furcht vor ihrem künftigen Ehemann (S. 29, Z. 23 ff., S. 30, Z. 35 ff. und S. 32, Z.25: „Mann von Prinzipien“). Trotz ihres Schamgefühles für ihre „sittlich ungehorsame“ Meinung weit sie sie in ihre Ansichten über Ehe und Tugend (S. 29, Z. 31 ff.) ein und wagt es auch, vor Frau von Briest verhaltene und nahezu unanständige Themen wie ihre Vorzüge bei der Männerwahl auszusprechen (S. 32, Z. 4). Zudem vertraut sie ihrer Mutter ihre intimsten Gefühle an, sowie ihr Verlangen nach Liebe und Zärtlichkeit (S. 29, Z. 36). Nichts ist ihr peinlich vor ihrer Mama zur Sprache zu bringen, was sich auch durch Ihre ausgeprägte körperliche Anhänglichkeit an dieser bemerkbar macht, da Effi ihre Zuneigung zur Mutter auch durch stürmische Küsse (S. 28, Z. 15) und Umarmungen (S. 30, Z. 21) zu zeigen weiß. Sie habe sich während ihrer gesamten Kindheit geborgen und „stets glücklich im elterlichen Haus gefühlt“ (S.30, Z. 19), äußert sich Effi leidenschaftlich zur Beziehung zu ihren Eltern. Diese herzliche Liebe für ihre Familie ist für die junge Dame jedoch eine Selbstverständlichkeit, da sie weiß, wie gütig ihre Eltern sie bekümmern und verwöhnen (S. 31, Z. 32). Nichtsdestotrotz wirkt ihre enge Verbindung, vor allem die zur Mutter, teilweise zu innig und löst letztlich auch Gemütsverstimmung in Effi aus, als es für sie zum Umzug nach Kessin und somit Eintritt in ein neues Leben fernab von ihren Eltern kommt. Die unüblich starke Verbundenheit der beiden kommt zum Ausdruck, als Effi fest erklärt, sie könne „ohne ihre Mutter nicht leben“ (S.28, Z. 37) und habe bereits beim Gedanken, sie verlassen zu müssen, Sehnsüchte und Heimweh (S. 28, Z. 37).

Frau von Briest zu ihrer Tochter

Effi als die zu umsorgende und zu erziehende Tochter

Die innige Tochter-Mutter-Beziehung geht auch von Seiten Frau Briests aus, welche in ihrem gesamten Verhalten gegenüber ihrer Tochter Fürsorge, Hilfsbereitschaft und Verständnis zeigt. In erster Linie, insbesondere nach Außen, fungiert sie in Effis Leben als die belehrende und korrekte Erzieherin (S. 27, Z.19 und S. 30, Z. 22). Sie vermittelt ihre Weisheiten und Erfahrungen jedoch unentwegt in ruhigem und behutsamem Ton, wenn es darum geht, Effi auf das fremde neue Leben vorzubereiten, ohne sie dabei vielleicht zu erschrecken (S. 28, Z.17 und S. 28, Z. 27). Sie erweist sich während des Redeflusses ihrer Tochter als verständnisvolle und interessierte Zuhörerin und entgegnet Effis z.T. frechen Bemerkungen mit Humor (S. 30, Z. 12). Sie tadelt Effi für keine ihrer Aussagen und unflätigen Meinungen, sondern spornt sie gegenteilig zum Reden an. Dabei verhält sie sich gegenüber ihrer Tochter außerordentlich respektvoll und akzeptiert bzw. toleriert Effis Ansichten vom gesellschaftlichen Leben (S:29, Z. 34).

Effi als Frau Briests "kleiner Schatz"

Frau Briest ist neugierig und stark eingenommen vom Leben ihrer Tochter und dessen Zukunft mit Innstetten (S. 30, Z.32). So macht die Mutter auch nicht Halt vor Fragen, die Effis persönliche Sehnsüchte oder ihre Intimitäten betreffen (S. 31, Z.22 ff.). Aufgrund ihres starken Verhältnisses kommt Effi der Mutter einem offenen Buch gleich, da diese sofort die Veränderungen in der Mimik der Tochter oder ihre Gefühlsregungen richtig zu deuten weiß (S. 29, Z.19 ff., S. 31, Z. 27 ff. und S. 32, Z. 3 und Z.9). Diese Kenntnis nutzt sie und bewegt Effi so mit ihren gefühlvollen und sensiblen Fragen zum Reden über ihre innersten und tiefsten Gefühle und Gedanken (S.32, Z. 11 und Z. 16). Luise Briest umsorgt ihre Tochter sehr wohlwollend, was sich nicht nur in ihrem materiell sehr spendablen Verhalten äußert (S. 27, Z. 30 ff.), sondern auch in ihrer Besorgnis um des Töchterleins Zufriedenheit. Sie wünscht sich für Effi nur das Beste (S. 29, Z. 27: „Musterehe“) und will unaufhörlich wissen, ob sie nicht „etwas auf dem Herzen hat“ (S. 28, Z. 6 f. und S. 31, Z. 28). Effi, die sie auch zärtlich mit Schatz liebkost (S. 27, Z. 32), ist für sie ihr ganzer Stolz, den sie liebt und achtet von ganzem Herzen (S. 28, Z. 27: „bewegt…“). So ist auch von mütterlicher Seite ein stark ausgeprägte Beziehung zur Tochter vorhanden mit Andeutungen auf ein freundschaftsähnliches Verhältnis (S. 27, Z. 20 ff.: Mutter berichtet von vertraulichen Gerüchten).

Der Schlüsseldialog am Ende

Effi im Gespräch

Auch noch elf Jahre später sind in dem zweiten bedeutsamen Dialog zwischen den weiblichen Briests das innige Verhältnis zwischen den beiden zu spüren. Es ist Effis letztes Gespräch zu Lebzeiten und es verlangt ihr geradezu danach, ein letztes Mal mit ihrer Mutter zu reden, um ihr all ihre Sünden, Gedanken und Gefühle mitzuteilen (S. 267, Z. 20 ff., S. 269, Z. 32 und S. 270, Z. 1) und sie mit der für sie wichtigsten Bitte (Innstetten ihre Überzeugung seiner Unschuld dazulegen) zu betrauen (S. 270, Z. 15). Sie ist sich ihrer Schuld an der „Familienschande“ bewusst und hegt Schuldgefühle gegenüber ihren Eltern für ihr Tun (S. 267, Z. 34). Geprägt von den Erlebnissen ihres kurzen Lebens hat auch Effi an Erfahrung und Weisheit dazugewonnen und möchte ihren Eltern weitere Unannehmlichkeiten ersparen (S. 268, Z. 31 und S.269, Z. 2), während sie den Kummer und die Besorgnisse ihrer Mutter in Jugendjahren nicht so stark wahrgenommen hat. Die Tatsache, dass Effi ihre Mama am Sterbebett nochmals sehen möchte, ist ein signifikanter Beweis für die enge Vertrautheit und die Wichtigkeit der Mutter für Effi (S. 268, Z. 32). Effi ist von tiefer Dankbarkeit erfüllt und hebt hervor, dass ihre „Krankheitstage in Hohen-Cremmen letztlich die schönsten [überhaupt] gewesen seien“, was bekräftigt, dass das Verhältnis zu ihrer Mutter (bzw. zu ihren Eltern) immer das innigste und engste gewesen ist (S. 270, Z. 9 ff. und S. 267, Z. 22 ff.: viel gemeinsam unternommen).

Frau Briest im Gespräch

Luise Briest ist sich in diesem Dialog ihrer Funktion bewusst und spendet Effi in ihren letzten Momenten Hoffnung und Seelenfrieden (S. 267, Z. 31: „das Glück findet sich schon“ und S. 267, Z. 37). Sowohl die mentale als auch die enge körperliche Verbindung von den Briestdamen, kommen hier durch Liebkosungen (S. 269, Z. 5 und Z. 8: „meine lieb Effi“ und S. 269, Z. 30: „liebe Mama“) und Berührungen (S.267, Z. 29: streicheln und S. 268, Z. 39: Hand drücken) zum Ausdruck. Frau Briest versteht, scheinbar noch mehr als früher, Effis Verhalten und Andeutungen zu interpretieren und spürt ihren inneren Einklang, ihre Zufriedenheit, als sie Innstetten erstmals beim Namen nennt (S. 269, Z. 12).

Fazit

Ausgehend von der vorherigen Analyse des Mutter-Tochter-Verhältnisses kann abschließend gesagt werden, dass die Beziehung von Effi und Frau Briest die wohl stärkste Verbindung zwischen den Protagonisten ist und Effi in jeder Hinsicht am meisten geprägt hat.