
- Senf: EHEC-Saatgut des Bakterienbösen? - Dr. Gerald Albach
Es ein Keim entsprungen, aus einem Keimling zart: Eltern warnen ja des öfteren vor ihren selbst aufgezogenen undankbaren Sprösslingen, jetzt warnt am 12. Juni 2011 das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) auch noch vor selbst aufgezogenen Keimlingen und Sprossen – eventuell könnte die Saat des Bakterienbösen aufgegangen sein, eventuell könnte das Saatgut mit EHEC-Bakterien kontaminiert sein: Dazu erklärte BfR-Präsident Professor Dr. Dr. Andreas Hensel: "Aus Vorsorgegründen empfiehlt deshalb das BfR, derzeit auch auf den Verzehr selbstgezogener roher Sprossen zu verzichten." Seit 21. Juli 2011 geben BfR, BVL und RKI wieder grünes Licht für leckere Sprossen und Keimlinge aus eigener Anzucht.
Biofilmbildende EHEC-Bakterien auf eigenen Bio-Keimlingen und Sprossen?
Es klingt wie aus einem schlechten Horrorfilm, doch EHEC-Bakterien bilden einen guten Biofilm auf Pflanzenteilen aller Art (EHEC: Enterohämorrhagische Escherichia coli). Hiervon können zum Beispiel die Blattflächen fertig abgepackter Mischsalate betroffen sein. Ist aber das eigene Saatgut schon mit Bakterien kontaminiert, können es selbstgezogene Keimlinge und Sprossen faustdick hinter den Keimblättern haben. So sagte Prof. Dr. Reinhold Carle vom Lehrstuhl für Lebensmittel pflanzlicher Herkunft der Universität Hohenheim schon Ende Mai: "Die Krankheitserreger scheiden Polysacharide aus und spinnen sich regelrecht wie in einen Kokon ein." So wird der Biofilm zum Horrorfilm im Haushalt, dann kann man seinen eidgenössischen biosnacky-Zuchtbehälter für die Keimlingsaufzucht auch putzen und wienern wie ein Weltmeister, es hilft nicht viel – Prof. Dr. Hensel erläuterte: "Wenn bereits die Samen mit Keimen belastet sind, dann schützt auch die Einhaltung von Küchenhygieneregeln nicht vor einer EHEC-Erkrankung."
Die biofilmbildende EHEC-Bakterienrasselbande ist hart im Nehmen
Auch am 14. Juni 2011 ist noch unbekannt, wie der EHEC-Ausbruchsstamm HUSEC041 (O104:H4) auf die Biosprossen aus Bienenbüttel gelangen konnte, klar ist aber, dass die Biosprossen aus Bienenbüttel die biofilmbildenden EHEC-Bakterien quer durch Deutschland beförderten. Nun versuchen Wissenschaftler und Behörden EHEC-erregt nach dem gesamten Infektionsweg des EHEC-Ausbruchsstamms, aus welchem so genannten Reservoir das gefährliche EHEC-Bakterium stammt. Hier könnte zum Beispiel mit Kuhkot verunreinigtes Wasser für die Bewässerung eine Rolle spielen, doch selbst der Mensch scheidet als Reservoir des EHEC-Keims nicht aus. Der uns in letzter Zeit immer wieder mit neuen wissenschaftlichen Einsichten erregende Prof. Dr. Helge Karch sagte dazu am 10. Juni 2011: "Zum jetzigen Zeitpunkt liegt mir und dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) kein Nachweis vor, dass zu HUSEC041 gehörende EHEC-Isolate des Menschen bei Tieren festgestellt wurden und diese dauerhaft kolonisieren können. Der sich jetzt ausbreitende Erreger ist bislang nur beim Menschen nachgewiesen worden."
Die biofilmbildenden EHEC-Bakterien halten es lange auf Sprossen und Keimlingen aus
Forscher wie Prof. Dr. Karch erforschen gerade HUSEC041 und testen das EHEC-Bakterium im Härtetest. Der aktuelle EHEC-Ausbruchsstamm toleriert wie ein "klassischer" EHEC sehr niedrige pH-Werte von pH 2,5 bis 3,5 über zwei Stunden lang, so überlebt er vermutlich den Säurestress des menschlichen Magens, so kann er die natürliche Säurebarriere überstehen, so kann der Mensch zum Infektionsträger werden. Prof. Dr. Karch erläuterte: "Es muss vielmehr davon ausgegangen werden, dass auch andere Infektionsträger, die z.B. über menschliche Fäkalien kontaminiert wurden, eine Bedeutung haben. Diese möglichen Infektionsträger müssen natürlich gefunden werden." EHEC-Bakterien überstehen nicht nur den Säurestress des menschlichen Magens gut, kommt das EHEC-Bakterium irgendwie auf die Pflanzen eines Ackers, machen sich die EHEC-Bakterien nicht mehr so schnell vom Acker – der EHEC-Biofilm wird zum landwirtschaftlichen Horrorfilm: Nach wissenschaftlichen Studien über das weiter verbreitete EHEC-Serovar O157:H7, kann dieser EHEC-Bakterienstamm über zwei Monate lang auf Salatblättern infektiös bleiben – doch hier kann kaltes Plasma Wunder wirken.
Weitere Informationen
Auf der Homepage des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) finden Sie die aktualisierte Stellungnahme Nr. 017/2011: "Hohe Keimbelastung in Sprossen und küchenfertigen Salatmischungen". Islam M, Doyle MP, Phatak SC, Millner P, Jiang X. (2004): "Persistence of enterohemorrhagic Escherichia coli O157:H7 in soil and on leaf lettuce and parsley grown in fields treated with contaminated manure composts or irrigation water." J Food Prot., 2004, Jul; 67 (7): Seite 1365 bis 1370.
