
- EHEC-Team Greifswald: Mayerle, Greinacher, Lerch, Friesecke & Felix - Janke/UMG
Durchfallerkrankungen durch virale Krankheitserreger wie Norovirus und Rotavirus sind in Deutschland alltäglich, auch bakterielle Infektionserreger wie Salmonellen oder Campylobacter sind in Deutschland bekannt – doch tauchte im Jahr 2011 mit dem EHEC-Stamm O104:H4 ein bisher weitgehend unbekannter und besonders übler bakterieller Bewohner unseres Darms auf: EHEC O104 verursachte besonders schwere neurologische Komplikationen des Hämolytisch Urämischen Syndroms (HUS). Nun veröffentlichen Ärzte aus Hannover und Greifswald eine Therapiestudie zur Immunadsorption der IgG-Antikörper bei Patienten mit neurologischen Ausfällen wie Halluzinationen, Krampfanfällen und Sprachstörungen – dazu erklärt am 7. September 2011 Privatdozent Dr. Jan T. Kielstein aus Hannover: "Die zielgerichtete Entfernung von IgG-Antikörpern aus dem Blut der Patienten mit neurologischen Komplikationen führte zu einer nachweislichen deutlichen Verbesserung."
Giftzwerge mit bakteriellen Shigatoxinen und viralen Enterotoxinen
Virale Infektionserreger wie Noroviren und Rotaviren verursachen wie das EHEC-Bakterium (Entero-Hämorrhagische Escherichia coli oder EAHEC) akute Symptome wie Erbrechen, Kopfschmerz, Schwindelgefühl, Übelkeit und wässrigen Durchfall (Diarrhoe) – dabei produzieren sowohl EHEC-Bakterien als auch Rotaviren Giftstoffe: Rotaviren zum Beispiel Enterotoxine, EHEC O104 dagegen Shigatoxine. Besonders das starke EHEC-Zellgift namens Shiga Toxin 2 (Stx) oder Verotoxin 2 (Vtx) verursachte ungewöhnlich viele Fälle des Hämolytisch-Urämischen-Syndroms (HUS) in Deutschland: Viele Patienten kämpften mit neurologischen Komplikationen wie Bewusstseinsstörungen und Epilepsien auf den Intensivstationen um ihr Leben. Ärzte und Wissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover und der Universitätsmedizin Greifswald entwickelten für ihre Patienten zum Überleben einen neuen Therapieansatz gegen die schweren HUS-Komplikationen.
Symptomatische Therapie, Antikörper und Plasmapherese
Einfache Durchfallerkrankungen ohne Komplikationen behandelt man einfach mittels symptomatischer Therapie mit oralen Rehydrierungslösungen (ORL): Hier ersetzen Getränke mit Citrat, Glucose, Kalium und Natrium den Elektrolyt- und Flüssigkeitsverlust – gegen die durch EHEC-Zellgifte verursachten neurologischen Komplikationen hilft eine symptomatische Therapie und manch andere Therapie jedoch kaum. Der Nierenspezialist PD Dr. Kielstein erläutert: "Vor der Therapie mittels Immunadsorption hatte weder der Plasma-Austausch (Plasmapherese) noch die Gabe eines Antikörpers (Eculizumab) zu einem durchschlagenden therapeutischen Erfolg geführt". Diese nicht erfolgreichen Therapieansätze wurden von den Ärzten ausprobiert, da man vermutete, das so genannte Auto-Antikörper die schweren HUS-Krankheitsverläufe auslösten. Auto-Antikörper sind keine Radfahrer, sondern von Immunzellen gebildete Eiweißstrukturen wie das Immunglobulin G (IgG) – diese behindern zum Beispiel manchmal durch die Ansammlung von Gerinnungsfaktoren des Blutes die Durchblutung wichtiger Gehirn- und Nierenregionen.
Die HUS-Therapie mittels Immunadsorption war erfolgreich
Gegenüber der Plasmapherese war die HUS-Therapie mittels Immunadsorption wesentlich erfolgreicher: Die Ärzte behandelten ein Dutzend Patienten im Alter von 38 bis 63 Jahren mit schwersten neurologischen Problemen – mit einer speziellen Blutwäsche (Dialyse) namens Immunadsorption. Die Immunadsorption filtert automatisch Auto-Antikörper wie das Immunglobulin G aus dem Blut der Patienten heraus. Die IgG-Antikörper richteten sich vermutlich zerstörerisch gegen das körpereigene Gewebe der Patienten, oder sie bildeten mit den EHEC-Zellgiften giftige und gefährliche Verbindungen. Prof. Dr. Andreas Greinacher aus Greifswald erklärt: "Obwohl der genaue Mechanismus der Wirkung in den kommenden Monaten noch in weiteren Laboranalysen untersucht werden muss, eröffnen die Erkenntnisse aus dieser gemeinsamen Therapiestudie einen komplett neuen Blickwinkel auf die Krankheitsentstehung". Die Ergebnisse der HUS-Therapie mittels Immunadsorption sind allerdings vielversprechend: Alle Patienten haben die schweren Komplikationen der EHEC-Erkrankung überlebt, zehn Patienten zeigten nach der Behandlung keine neurologischen Symptome mehr – trotz des Nierenversagens ist kein Patient mehr auf eine Dialyse angewiesen.
Weitere Informationen & Literatur
Prof. Dr. Andreas Greinacher, Dr. Sigrun Friesecke, Dr. Peter Abel, Dr. Alexander Dressel, Dr. Sylvia Stracke, Dr. Michael Fiene, Dr. Friedlinde Ernst, Dr. Kathleen Selleng, Dr. Karin Weissenborn, Dr. Bernhard M. W. Schmidt, Dr. Mario Schiffer, Prof. Dr. Stephan B. Felix, Prof. Dr. Markus M. Lerch, PD Dr. Jan T. Kielstein und Prof. Dr. Julia Mayerle (2011): "Treatment of severe neurological deficits with IgG depletion through immunoadsorption in patients with Escherichia coli O104:H4-associated haemolytic uraemic syndrome: a prospective trial". The Lancet, Early Online Publication, 5. September 2011 (doi:10.1016/S0140-6736(11)61253-1).
Robert Koch-Institut (2011, RKI): "Bakteriologische Untersuchungen im Rahmen des Ausbruchs mit E. coli O104:H4". Epidemiologisches Bulletin Nummer 35 vom 5. September 2011.
Bild-Informationen: Schema eines Rotavirus-Kapsids mit Ikosaeder-Symmetrie: Doppelsträngige RNA (dsRNA, double-stranded RNA, Ribonukleinsäure, gelb), strukturelle Virus-Proteine (VP). Die photorealistische Szene programmierte der Autor mit POV-Ray (Persistence of Vision). POV-Ray ist ein kostenloser Ray-Tracer – ein 3D-Computergrafik-Programm.
Bitte beachten Sie, dass ein Suite101-Artikel generell fachlichen Rat – zum Beispiel durch einen Arzt oder Apotheker – nicht ersetzen kann!
