EHEC-Symptome Durchfall & HUS in Deutschland & Europa - 1.7.2011

EHEC: In Deutschland insgesamt 3.154 EHEC-Fälle - Dr. Gerald Albach
EHEC: In Deutschland insgesamt 3.154 EHEC-Fälle - Dr. Gerald Albach
Das RKI meldet am 1. Juli 2011 für Deutschland 3154 EHEC-Fälle mit 17 Todesfällen sowie 845 HUS-Fälle mit 31 Todesfällen. Sind Bockshornklee-Samen Ursache?

Am 1. Juli 2011 meldet das Robert Koch-Institut (RKI) 44 neue EHEC-Erkrankungen und 4 HUS-Neuerkrankungen für Deutschland: Inzwischen gibt es 3.154 EHEC-Fälle in Deutschland, unverändert sind 17 EHEC-Patienten verstorben. Am Hämolytisch-Urämischen-Syndrom (HUS) leiden nunmehr 845 Patienten, zwischenzeitlich sind 31 HUS-Patienten gestorben. Die europäische Seuchenbehörde (ECDC) meldet am 1. Juli 2011 für Europa mittlerweile 3.233 EHEC-Fälle (17 Todesfälle) und 892 HUS-Fälle (32 Todesfälle). Nach ECDC ist EHEC-Stamm O104:H4 aus Deutschland (Bienenbüttel) und Frankreich (Bègles) nicht unterscheidbar.

Jetzt 3.999 EHEC- & HUS-Erkrankungsfälle in Deutschland

Zwischenzeitlich infizierten sich 3.951 Menschen seit Anfang Mai in Deutschland mit dem pathogenen EHEC-Bakterium (Enterohämorrhagische Escherichia coli oder EAHEC), am 30. Juni 2011 waren es noch 3.951 Personen – inzwischen sind 48 Menschen verschieden. Wieder wurden besonders in Norddeutschland aus Hamburg EHEC- und HUS-Neuerkrankungen gemeldet, auch in Süddeutschland wurden in Bayern über 20 EHEC-Fälle registriert (in Hamburg inzwischen 519 EHEC-Fälle, 188 HUS-Fälle, 8 Todesfälle; in Niedersachsen unverändert 635 EHEC-Fälle, 143 HUS-Fälle, 14 Todesfälle; in Nordrhein-Westfalen nunmehr 344 EHEC-Fälle, 116 HUS-Fälle, 8 Todesfälle; in Schleswig-Holstein gleichbleibend 859 EHEC-Fälle, 194 HUS-Fälle, 9 Todesfälle; siehe Grafik) – hier finden Sie weitere Inzidenz-Daten für Ostdeutschland).

EHEC-Heckmeck – der bakterielle Stx2a-Giftzwerg O104:H4

Warum schädigt der eine EHEC-Stamm besonders die Nierenzellen von Kindern, warum schädigt der EHEC-Stamm O104:H4 besonders die Nierenzellen von erwachsenen Frauen? EHEC O104:H4 hat als krankmachenden Virulenzfaktor ein stx2a/vtx2a-Gen im Erbgut, deswegen produziert das Bakterium das Zellgift Shiga Toxin 2a (Stx2a). Aus wissenschaftlichen Studien weiß man, dass das Stx2a-Zellgift sich an die Globotriaosyl-Ceramid-(Gb3Cer)-Rezeptoren auf der Zelloberfläche verschiedener Nierenzellen bindet und dort die so genannte Apoptose auslöst – den programmierten Zelltod. Dabei scheint die Stx2a-Zellgift-Bindung von der Lipidkomposition der Zelloberfläche abhängig zu sein, hier bestimmen eingelagerte Fettsäuren in der Zelloberfläche (Plasmamembran) die Lipidkomposition. Diese Lipidkomposition scheint sich altersabhängig zu verändern und könnte erklären, warum der EHEC-Stamm O104:H4 aktuell besonders die Nierenzellen von erwachsenen Frauen schädigt (siehe Literaturhinweis).

4.125 EHEC- & HUS-Fälle – Bockshornklee-Sprossen jagen ganz Europa ins Bockshorn

Das ECDC meldet mit dem Datenstand vom 1. Juli 2011 (11:00 Uhr) für ganz Europa nunmehr 4.125 EHEC- & HUS-Fälle (am 30. Juni 2011 waren es noch insgesamt 4.077 EHEC- & HUS-Fälle; siehe Grafiken): Für Dänemark konstant 9 HUS-Fälle und 14 EHEC-Fälle, sowie für Griechenland unverändert 1 EHEC-Fall. In Frankreich mittlerweile 6 HUS-Fälle und 2 HUS-Verdachtsfälle, sowie 2 EHEC-Fälle und 8 EHEC-Verdachtsfälle – elf Patienten nahmen davon an einer Veranstaltung in Bègles teil, neun Patienten hatten dabei Sprossen gegessen: Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) teilte in einer Stellungsnahme vom 30. Juni 2011 mit, das Bockshornklee-Samen aus Ägypten mit EHEC O104:H4 in Deutschland (Bienenbüttel) und Frankreich (Bègles) in Verbindung stehen. Für Luxemburg weiterhin 1 EHEC-Fall und 1 HUS-Fall, für die Niederlande gleichbleibend 4 HUS-Fälle und 7 EHEC-Fälle, für Norwegen weiterhin 1 EHEC-Fall, für Österreich konstant 1 HUS-Fall und 4 EHEC-Fälle, für Polen gleichbleibend 2 HUS-Fälle und 1 EHEC-Fall, für Spanien unverändert 1 HUS-Fall und 1 EHEC-Fall, für Schweden gleichbleibend 18 HUS-Fälle (ein HUS-bedingter Todesfall) und 35 EHEC-Fälle, für die Tschechische Republik weiterhin 1 EHEC-Fall, sowie für Großbritannien und Nordirland fortdauernd 3 HUS-Fälle und 3 EHEC-Fälle.

EHEC-Symptome – Bauchweh, Erbrechen und Übelkeit

Bei Patienten aus Hamburg löste der EHEC-Stamm O104:H4 nach etwa 8 Tagen Inkubationszeit die Symptome einer Magen-Darm-Infektion aus: Die Patienten erdulden krampfartige Bauchschmerzen im Unterbauch und müssen sich wegen der Übelkeit übergeben. Gegenüber anderen EHEC-Stämmen wie O157:H7 tritt wässriger Durchfall nur gelegentlich auf, viele Patienten wurden von einem wässrig-blutigem Durchfall heimgesucht (hämorrhagische Colitis) – demzufolge sollte man bei Blut im Stuhl sofort zum Hausarzt preschen. Als Begleitsymptom stellt sich Fieber bei einer Infektion mit EHEC O104 gegenüber einer Grippe oder Schweinegrippe fast nie ein.

HUS-Symptome – Stx2a-Giftstoffe schädigen die Niere

Etwa fünf Tage nach der Entstehung des Durchfalls spitzt sich bei etwa einem Viertel der Patienten das Krankheitsbild nochmals zu, obwohl sich manche Patienten sogar kurzzeitig besser fühlen, entwickelt sich überdies noch das Hämolytisch-Urämische-Syndrom (HUS): Die Giftstoffe blockieren die Protein-Biosynthese der Nierenzellen, aktivieren Caspase-Biokatalysatoren und führen zum programmierten Zelltod. Durch die Zellschädigung entstehen so genannte thrombotische Mikroangiopathien, hierbei verstopfen sich die feinen endothelialen Blutgefäße in der Niere mit Blutplättchen-Aggregaten. Dadurch entsteht die sehr ernste Virchow-Triade der kompletten HUS: Erstens werden die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) zertrümmert und es entstehen unvollständige Fragmentozyten, dadurch kommt es zur Blutarmut oder hämolytischen Anämie. Zweitens führt das Fehlen von Thrombozyten (Blutplättchen) zur Thrombozytopenie. Drittens versagt die geschädigte Niere – wegen der stark eingeschränkten Nierenfunktion müssen einige Patienten ständig zur Blutreinigung (Dialyse), manche Patienten müssen sogar mit einer Nierentransplantation rechnen.

Weitere Informationen & Literatur

Die Fallzahlen der EHEC- und HUS-Erkrankungen in Deutschland und Europa vom 1. Juli 2011 finden Sie online auf der Homepage des Robert Koch-Instituts (RKI) und des ECDC (European Centre for Disease Prevention and Control).

Fahima Khan, François Proulx und Clifford A. Lingwood (2009): "Detergent-resistant globotriaosyl ceramide may define verotoxin/glomeruli-restricted hemolytic uremic syndrome pathology". Kidney International 75: Seite 1209 bis 1216. (doi:10.1038/ki.2009.7)

Bitte beachten Sie, dass ein Suite101-Artikel generell fachlichen Rat – zum Beispiel durch einen Arzt oder Apotheker – nicht ersetzen kann!

Dr. Gerald Albach, Dr. Gerald Albach

Dr. Gerald Albach - Schreiben macht Spaß: mit Licht und mit Worten! Damit ich weiß, worüber ich schreibe, habe ich als Diplom-Biologe in der ...

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