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Ehre: Ein besonderer Begriff in der Türkei

Wasserpfeife als kulturelles Produkt - Marta Kudratova
Wasserpfeife als kulturelles Produkt - Marta Kudratova
Die Ehre nimmt bei Menschen mit türkischem Migrationshintergrund meist eine wichtige Stellung ein. Doch was bedeutet der Begriff der Ehre?

In der Bundesrepublik Deutschland leben über sechseinhalb Millionen Menschen mit einem ausschließlich nicht-deutschen Pass. 28 Prozent von ihnen und damit die größte Gruppe stellen Menschen mit türkischer Staatsangehörigkeit. Knapp drei Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund sind vom Auswärtigen Amt erfasst, 700.000 von ihnen haben bereits die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen.Verschieden Religionen und Kulturen und die damit verbundenen Wertvorstellungen prallen hier aufeinander. In der muslimisch geprägten Kultur spielt die Ehre eine große Rolle für das familiäre, partnerschaftliche und gesellschaftliche Leben.

Dreiteilung des Begriffes der Ehre

Um das Konzept zu verstehen, welches hinter der Benutzung des Begriffes „Ehre“ steht, speziell bei Menschen (Männern) mit türkischem Migrationshintergrund, muss die sprachliche Ebene durchleuchtet werden. Der Begriff der Ehre lässt sich nicht wörtlich ins Türkische übersetzen, da die türkische Kultur den Ehrbegriff in drei verschiedene Formen aufspaltet- seref, namus und saygi. Bei den folgenden Ausführungen ist von konservativen und traditionellen Werten auszugehen, die zwar in der gesamten Türkei bekannt sind, jedoch in ihrer strengen Form lediglich in ländlichen Gegenden gebräuchlich sind. Nichtsdestotrotz zeigt sich die Dreiteilung des Ehrbegriffs als geläufig und unabdingbar für das Verständnis von Ehe, Familie und Partnerschaft.

Seref

Unter seref ist das Ansehen, welches sowohl Mann als auch Frau in der Öffentlichkeit haben, zu fassen. Dieses beruht wiederum auf dem Verhalten der jeweiligen Person. Als serefli kisiler (Männer mit Ehre) gelten Männer, die beispielsweise das Eigentum anderer achten, sich hilfsbereit gegenüber ihren Nachbarn zeigen, nicht lügen, nicht stehlen und so weiter. Das Ansehen kann also durch Verhaltensweisen fallen oder steigen. Wann ein Verhalten als gut oder schlecht zu bewerten ist, wird durch namus und saygi bestimmt.

Saygi

Saygi lässt sich am besten mit „Achtung“ und „Respekt“ übersetzen, bezogen auf innerfamiliäre Strukturen. In der Familienhierarchie schuldet der Sohn dem Vater, die Frau dem Mann, der jüngere Bruder dem älteren Achtung. Bereits in der Anrede macht sich das bemerkbar: Ältere Brüder sollen mit agabey angesprochen werden, ältere Schwestern mit abla. Auch bei anderen Verwandten ist die Anrede mit Vornamen unüblich - Tante oder Onkel hingegen entspricht dem Codex des saygi. Auch andere ältere nicht der Familie zugehörige Personen sollen mit Tante oder Onkel angesprochen werden.

Namus

Namus ist als verhältnisbestimmende Ehre zwischen Mann und Frau zu verstehen. Das Einhalten der jeweiligen Geschlechterrollen mündet in ein ehrenhaftes Verhalten. Für den namus der Frau existieren Regeln, die streng eingehalten werden müssen, wie beispielsweise die Jungfräulichkeit vor und Treue während der Ehe. Der namus des Mannes hingegen hängt vom Verhalten seiner Ehefrau ab, sowie von dem seiner Schwestern und Töchter.

Die Vorstellung einer klaren Grenze zwischen Familie und Öffentlichkeit, beziehungsweise Gemeinde, lässt zudem namus in einen inneren und einen äußeren Bereich unterteilen; die Frau sorgt für die Balance im Inneren, also in der Familie, der Mann vertritt dieselbe nach außen. Das Überschreiten dieser Grenze stellt eine Ehrverletzung dar.

Weiterführende Literatur:

Ahmet Toprak: Das schwache Geschlecht- die türkischen Männer. Zwangsheirat, häusliche Gewalt, Doppelmoral der Ehre, Lambertus-Verlag, Freiburg i. Br. 2005.

Marta Kudratova, Marta Kudratova

Marta Kudratova - Ich schreibe, darum bin ich. Seitdem ich lesen und schreiben gelernt habe, bediene ich mich beider Fähigkeiten leidenschaftlich ...

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