
- Eier im Überfluß - Schwehn
Auf der Lebensmittelkarte für einen Erwachsenen war im Spätherbst 1945 im Großraum Kassel – amerikanische Besatzungszone – neben viermal 100 Gramm Brot auch ein Bon zu finden, in den eingestanzt war: „1 Ei = Monat“. Ein Hühnerei also pro Monat, so war es zugeteilt in der schweren Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Das ist heute kaum mehr vorstellbar, da dem Verbraucher die Eier – natürlich bildlich gesprochen – regelrecht nachgeschmissen werden. Doch bei manchen Älteren merkt man auch jetzt noch, wie sorgsam sie mit dem eigentlich kostbaren und köstlichen Gut Hühnerei umgehen: Ein weichgekochtes Ei zum Frühstück am Sonntagmorgen – und basta. Die Sitte ist noch verbreitet.
Auslöser von Herz- und Kreislauf-Erkrankungen?
Aber natürlich gibt es inzwischen Eier im Überfluß – nicht zuletzt die Legebatterien haben dafür gesorgt. Verzehr im Überfluß wird inzwischen aber von vielen nicht aus Gründen anerzogener Sparsamkeit reduziert, sondern aus gesundheitlichen Gründen. Dem Ei nämlich haftet der zweifelhafte Ruf an, eine Cholesterinbombe zu sein und damit Mitauslöser für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dem allerdings widersprechen Wissenschaftler der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich. Ihre These: „Heute weiß man, dass das Cholesterin, das wir mit der Nahrung aufnehmen, einen sehr geringen Einfluß auf den Cholesteringehalt im Blut hat“, sagt beispielsweise der ETH-Ernährungswissenschaftler Paolo Colombani in einem kürzlich veröffentlichten Buch. Und er betont, das Ei sei zu lange „auf den Cholesterin-Gehalt reduziert“ worden. Die Angst vor seinem hohen Cholesteringehalt sei unbegründet.
Ausgewogen: Eiweiße, Vitamine, Fette
Hühnereier, sagen die Züricher Wissenschaftler, sind wahre Kraftpakete: Sie enthalten wertvolle Eiweiße, haben eine ausgewogene Fettbilanz und viele Vitamine. In der Tat sind vom Vitamin A bis zum Vitamin B 12 praktisch alle dieser essentiellen Nährstoffe, die der Mensch nicht selbst herstellen kann, im Ei enthalten – vor allem im Eidotter. Für die Züricher Ernährungswissenschaftler ist in diesem Zusammenhang besonders bedeutsam, dass das Ei einen hohen Gehalt an Folsäure hat, die wichtig ist für die Entwicklung des Erbgutes und damit auch für die Embryonalentwicklung. Dieses Vitamin ist ansonsten vorzugsweise in Gemüse und Obst zu finden, auch in Kalbs- oder Geflügelleber.
Besonders wertvolle Proteine
Und weiter: Das Fett, das sich vor allem im Eiweiß befindet, ist außerordentlich ausgewogen zusammengesetzt. Es besteht nämlich zu 28 Prozent aus gesättigten, zu 42 Prozent aus einfach ungesättigten und zu 14 Prozent aus mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Prunkstücke des Eies aber sind last but not least seine Eiweiße, die Proteine – es gibt sie im Eiklar wie im Dotter. Sie zeichnen sich nach den Untersuchungen der Wissenschaftler durch eine „sehr hohe biologische Wertigkeit“ aus. Damit verdeutlichen die Experten, wie effizient der Körper gegessene Proteine in eigene umwandeln kann – zum Beispiel beim Muskelaufbau. -- Eigentlich ist es ja kein Wunder, dass das Hühnerei ein solcher Kraftprotz ist. Aus ihm soll ja eigentlich ein ganzes lebendes Küken werden.
