
- Der beste Teil des Menschen - amazon
In diesem Buch geht es um drei Männer und eine Frau - Doumé, Willie, Leibo und Elisabeth - die in den 1980er Jahren den Ausbruch der AIDS-Seuche erleben und zu verarbeiten versuchen, wobei der Autor das ganze - bien sur! - nach Paris verortet, der Stadt der (freien) Liebe. Es handelt sich also um einen AIDS-Roman, was an sich spannend wäre, da AIDS ein Thema ist, an das sich Romanciers nur allzu selten heranwagen, und wenn sie es denn tun, versagen sie leider allzu oft, weil sie das Leid der Erkrankten nicht erfassen und also nicht glaubwürdig beschreiben können. So wie Tristan Garcia eben, denn der ist jung, heterosexuell und HIV-negativ. Dies zu erwähnen ist wichtig bei der Besprechung eines Buchs, in dem es um Homosexualität, AIDS und die Folgen für Schwule geht.
In "Der beste Teil der Menschen" wirkt vieles konstruiert, nichts wird glaubwürdig geschildert
Vieles in diesem Buch ist konstruiert. Wenn es um die Krankheit an sich geht, wirkt das so, als habe Garcia seine Weisheiten aus Broschüren eines Gesundheitsministeriums entnommen, um sie dann den Protagonisten in den Mund zu legen. Hieraus resultieren Stilbrüche, die kaum auszuhalten sind. Darüber hinaus ist die Handlung nicht wirklich spannend oder originell, richtig übel sind da die geradezu anästhesierenden Monologe von Willie, die sich wie Kaugummi ebenso durch das gesamte Buch ziehen wie das fortwährende und entbehrliche Klagen über Zahnschmerzen. Schade dies, denn es wäre spannend gewesen, auch einmal in der Romanform zu erfahren, was die, die von AIDS dahingerafft worden sind, gemeint haben, wenn sie davon sprachen, AIDS sei "eine politische Krankheit", um dann Sätze wie diesen zu formulieren: "Wir vögelten, ergo waren wir politisch!". Ja, auch ein Roman könnte erklären, wie die heute Toten damals ihre Hilflosigkeit gegenüber dem HI-Virus mit Demonstrationen zu kaschieren versuchten, obwohl man gegen einen Virus gar nicht demonstrieren kann. Alles wird ohne Tiefgang nur angerissen. Zum Beispiel die Beschreibung des Lebensgefühls von damals, die ersten Widerstände gegen Kondome. Da also, wo es aufschlußreich werden könnte, mündet die Handlung zumeist in die Klage über Willies Zahnschmerzen.
Das Buch von Tristan Garcia wirkt homophob
Das ist besonders ärgerlich an einer Stelle, als Willie, HIV-positiv, und Richard, HIV-negativ, miteinander schlafen wollen, und beide darüber sinnieren, dass AIDS eben nicht das Ende von Sex bedeuten darf. Der Arzt Richard erhebt den Philosphiejogger auf Drogen Willie da gar zum Vorbild, weil der den Tod bereits im Leib hat. Dies gipfelt darin, dass Richard sagt: "Ich will, dass du mich nimmst (...) ohne Präser, ich will, dass du mir das wie ein Baby reinpflanzt (...)." Das ist ungeheuerlich. Das ist spannend. Daraus hätte Garcia mehr machen können. Doch wie so oft in diesem Buch läuft alles ins Leere.
Alles wird nur angerissen, so auch die Qual der Überlebenden: "Am Ende der achtziger Jahre (...) waren sie alle tot, alle, die ich gekannt hatte, die vom Anfang." Anstatt dem Roman hier eine ernsthafte Wendung zu geben, stilisiert Garcia die Schwulen blöde als leidende Sebastianer, und wenn Leibo dann auch noch zum homophoben Wüterich mutiert und gängige Vorurteile in Dialogen pseudo-philosophisch ummantelt werden, beginnt man sich zu fragen, ob dieses Buch vielleicht von einem Mann geschrieben worden ist, der selbst Vorbehalte gegen Schwule hat.
"Der beste Teil der Menschen" hat nicht nur eine wirre Handlung, es ist auch sprachlich unsauber
Was nur soll dieses Buch? Man weiß es nicht wirklich und gewinnt allenfalls den Eindruck, hier wälzt einer die Grütze einer Revolution aus, die er selbst ja gar nicht erlebt hat. Bleibt dem Rezensenten nur noch, die handwerklichen Fehler zu erwähnen - ein Lektorat scheint es nicht gegeben zu haben. Der Roman ist an vielen Stellen sprachlich ungenau, etwa wenn Willie auf den Rücksitzen eines Autos "mit baumelnden Armen" sitzt. Wie kann man mit baumelnden Armen in einem Auto sitzen? Augenhöhlen werden als "abgezehrt" beschrieben, es gibt Sätze wie "Es war eine Riesendummheit, weil es eine Riesendummheit war.", und in einem Krankenhaus geht das "intensive Kommen und Gehen von Schwestern und Patienten (...) in ziemlicher Stille vonstatten." Dann wird eine "kleine, kranke Pflanze" dabei beobachtet, wie sie "sich gerade wieder aufrappelte." - welch´ Schwachsinn! Der "Pfennig" kommt vor in einer Zeit, als es den "Cent" schon längst gab, und das "Internet", als es diesen Begriff im allgemeinen Sprachgebrauch eben noch nicht gab. Richtig blöd wird es, wenn die Ich-Erzählerin Elisabeth, die als dumme und unkritische Pute durch die Handlung irrlichtert, mithilfe ihres Presseausweises Zugang zu Krankenakten erhält, und sie dabei den Leser ab und an auch noch direkt anspricht: "Ach wissen Sie, ich lasse Sie jetzt in Ruhe, denken Sie sich selbst was aus."
Ergo: "Der beste Teil der Menschen" ist eine literarisch verbrämte Reminiszenz ist an eine Zeit, die wichtig war und auch wichtig bleibt. Wenn es dem Autoren also darum ging, ein Begreifen des Gegenwärtigen über die Geschichte in einem Roman vorzunehmen, dann ist ihm das gänzlich mißlungen!
Die Dialoge, die Tristan Garcia kreiert hat, sind küchenphilosophischer Quatsch!
Auf den letzten Seiten, Willie ist inzwischen gestorben, nicht an Zahnschmerzen, sondern an AIDS, kippt Garcia dann dem Leser noch irgendwelche Weisheiten vor die Füße, Gefühlsklumpen, von denen man den Eindruck gewinnt, der Buchschreiberling habe diesen küchenphilosophischen Quatsch auf den 311 Seiten zuvor leider, leider nicht anderweitig unterbringen können. Zum Schluß dankt er einem Herrn LeBitoux "für (...) seine Hilfe und seine Ratschläge." Der Rezensent wiederum bewundert Herrn Le Bitoux für seinen Langmut gegenüber einem stellenweise schwachsinnigen Buch, für die Ratschläge aber müsste Herr Le Bitoux, gäbe es sie denn noch, in die Bastille geworfen werden, am besten gemeinsam mit Tristan Garcia, und die Schlüssel zu den Verliesen - die gehören weggeworfen.
