Die Leser klassischer russischer Literatur und Romane gehören in der Regel einer Partei zu, entweder sind sie Liebhaber der großen Romane Fjodor Dostojewski (1821-1881) oder aber sie verehren die Romankunst Leo Tolstois (1828-1910). Die Lebenswerke beider russischer Autoren des 19. Jahrhunderts stehen in einem klassischen Entweder-Oder-Verhältnis. Entweder der Leser fühlt sich zu Dostojewskis Gefühlsausbruch und Wirrwarr oder zu Tolstoi in sich geschlossenen, harmonischen Romanen hingezogen. Ein Nebeneinander von Dostojewski und Tolstoi scheint ausgeschlossen.
Die russische Klassik
Exemplarisch für das Wirken Dostojewskis sind die "Brüder Karamassow", mit denen Dostojewski die Reihe seiner fünf bis sechs großen Romane abschließt und zugleich seinen Höhepunkt erreicht. Das berühmteste Stück aus der Feder Tolstois ist wohl "Anna Karenina". Dostojewksi und Tolstoi bewegen sich als Pole des Kosmos, den die klassische russische Literatur im 19. Jahrhundert aus dem Mantel Nikolai Gogols (1809-1852) hervorkommend, vor der Welt ausbreitet. In ihre Regionen stößt ansonsten nur noch Iwan Turgenew (1818-1883) vor. Während Tolstoi wie andere, so etwa auch Turgenew, auf der einen Seite mit einem sicheren Vermögen und Auskommen in der Hinterhand schreiben, schreibt Dostojewski stets unter widrigen Umständen flüchtig, notleidend und zum Teil krank gleichsam gejagt im Rausch nieder, um sich eine Existenz zu sichern. Aus diesem Dunkel heraus, strahlt aus seinen Romanen die gesamte Lebenskraft dieser unerschütterlichen Seele entgegen.
Die Reflexion der Umstände im jeweiligen Œuvre
Diese Grundhaltung schlägt sich im Ton, im Stil der Romane wieder, ebenso wie in den Charakteren. Dostojewski liebt die Psychologie, das Seelische und kehrt das Innere seiner Menschen in ihrer Ekstase nach außen. Stets ist es das innere Aufgewühltsein, das Feuer, das durch Physiognomie und Taten sich seinen Weg an die Oberfläche, nach außen, hinein in das Leben drängt. Während Tolstoi paradigmatisch für die Harmonie, innere, ja klassische Geschlossenheit zu stehen scheint. Schon das Sujet trennt die beiden Meister voneinander, weist sie verschiedenen Reichen zu: Dostojewski taucht in die Großstadt Sankt Petersburg mit ihren nervösen, hektischen und empfindsamen Existenzen mit leicht entzündlichen Nerven ein, die sich in ihrer permanenten Erregung sich stets zugrunde zu richten drohen, während Tolstoi gleichsam von seinem Parnassus in Jasnaja Poljana über die Menschen seiner Umgebung, nämlich von den Landgütern, Provinz-und Kleinstädten und der russischen Wildnis, Steppe schreibt. Auch hier entfalten sich komplexe psychologische Probleme wie etwa die Novel von Iwan Iljitsch zu demonstrieren weiß. Doch ist diese Kritik der Gesellschaft, ihrer Verfassung und Konventionen in ihrer Geschlossenheit und Vollkommenheit nicht zu vergleichen mit den ungeheuren Abgründen der Psyche, die sich bei Raskolnikow, Rogoschin oder den Brüdern Karamasow auftun.
Ihre gegenseitige Wetschätzung und Anteilnahme
Beide Größen nehmen Anteil und Interesse am Wirken des jeweils anderen. So hat Dostojewski etwa Tolstois "Krieg und Frieden" in tiefer Ergriffenheit gelesen und sein Pendant als die Größe am literarischen Himmel des zaristischen Russlands geschätzt. Auf der anderen Seite hat sich auch Tolstoi überwältigt vom Geist und der Lebenskraft Dostojewskis überwältigt gezeigt, ebenso wie von dem unerschütterlichen Glauben Dostojewskis an die Kraft des Christentums. Auch Versuche der Einflussnahme von Seiten anderer Literaten bzw. Kritiker auf Tolstoi konnten ihn von seinem positiven Urteil über sein so anderes Pendant nicht abbringen. Auch wenn sich Dostojewski einer so gewichtigen Anerkennung bewusst sein konnte, so war es ihm anders als Tosltoi oder auch Turgenew versagt zumindest zu seinen Lebzeiten nachhaltige Wirkungen außerhalb der Grenzen Russlands zu erzielen, die Tolstoi so ausgezeichnet haben. Anders als Tolstoi und Turgenew war es Dostojewski nicht vergönnt in eine Lage versetzt zu sein, einen lebhaften Austausch mit anderen Literaten sich zu erschließen und genießen zu können.
Ein Schlusssatz zum jeweiligen Œuvre Dostojewskis und Tolstois
Während Tolstoi in seinem Werk Ruhe und Harmonie ausstrahlt, kurz die Klassik im engeren Sinne verkörpert, repräsentiert Dostojewski den Aufbruch in den Expressionismus, in dessen Romanen die gewaltige Lebenskraft der Charaktere ihre Verzweiflung und Lebenslust gleichzeitig krampfhaft in die Welt herausschreit, während sie am Abgrund ihrer nervösen, von inneren Stürmen zerrissenen Seele auf dem Weg zu ihrer Selbstverwirklichung, zum Sinn des Lebens entlang taumeln, um dabei sämtliche Täler und Höhen in vollen Zügen auszukosten.
Literatur & Quellen
Zenta Maurina, Dostojewski - Menschengestalter und Gottsucher. ISBN 3-87164-100-6
