Ein Besuch bei Horacio Pagani

Die Sportwagenmanufaktur von ihrer menschlichen Seite

Erster Sportwagen von HP - Britta M. Scholz
Erster Sportwagen von HP - Britta M. Scholz
Seit zehn Jahren immer wieder in den Schlagzeilen: die von Hand gefertigten Supersportwagen des Argentiniers Horacio Pagani. Doch wer steckt dahinter?

Irgendetwas muss besonders sein an dieser Region Norditaliens, den ob es nun Lamborghini, Ferrari oder Maserati sind, die das Herz eines jeden Sportwagen-Fans unvermeidlich höher schlagen lassen, sie alle haben sich in und um Modena niedergelassen. Und, wie formuliert es Horacio Pagani so schön, da „der Bauer dort aussät, wo der Boden am fruchtbarsten ist“, so findet man in dieser Nachbarschaft auch seine edle Fahrzeugmanufaktur. Kaum überquert man von Modena kommend, das kleine Flüsschen Panaro in San Cesario, so führt der Weg in ein unscheinbares Industriegebiet und ehe man sich versieht, ist man schon am Ziel seiner Wünsche. In der Auffahrt reihen sich sieben zu einer Inspektion anstehende Sportwaten. Allein diese Häufung ist schon ein ungewöhnlicher Anblick, denn seit der ersten Präsentation auf dem Genfer Autosalon 1999, also innerhalb von zehn Jahren wurden noch keine hundert Unikate per Hand und nach den individuellen Wünschen der Kunden gefertigt.

Wie für Horacio Pagani alles begann

Im Verkaufsraum steht der wahrlich historisch zu nennende erste F-3-Rennwagen aus der Hand von Horacio Pagani, den er im jugendlichen Alter von 20 Jahren für das offizielle Renault-Team Argentiniens baute. Er, der in einem kleinen Ort in der argentinischen Provinz Santa Fe geboren wurde, verblüffte bereits in frühester Kindheit durch seine Modelle von Supercars, die er aus Holz schnitzte oder aus Ton modellierte.

Nach zahlreichen Design-Projekten, die seinen fast zwanghaften Hang zur Perfektion erkennen ließen, lernte er den Helden seiner Kindheit, die Rennfahrer-Legende Juan Manuel Fangio kennen, der ihn von nun an protegierte. Er begleitete Fangio nach Modena, wo Horacio Pagani zunächst als einfacher Mechaniker bei Lamborghini begann, aber binnen kurzer Zeit zum Leiter einer neuen Abteilung für die Carbonverarbeitung ernannt wurde.

Bereits 1992 gründete er die Firma Horacio Pagani Composite Research und ebenfalls seine eigene Autofabrik, in der er den ultimativen Sportwagen kreieren wollte, für den er seit Jahren Entwürfe zeichnete. Sein simpler Anspruch an sich war es, ein Auto herzustellen, das schön, sicher und zuverlässig, aber auch originell, einfach, technisch fortschrittlich und schlicht unvergleichlich sein sollte. Diesen Traum konnte er sich erfüllen und vor zehn Jahren einer hingerissenen Öffentlichkeit präsentieren. Seitdem vergeht keine Saison, in der nicht ein staunendes Publikum von seinen Unikaten steht.

Der Anspruch an Technik und Perfektion

„Der Klang eines Motors ist für mich ein Konzert der Maschine. Nicht umsonst habe ich beim Design des Auspuffs Elemente eines Lautsprechers aufgegriffen,“ erklärt Horacio Pagani im Interview. „Wir sind alle abhängig von Sinnesempfindungen. Ich muss ein Auto mit dem ganzen Körper fühlen, es riechen und auch ertasten können. Wenn ich nicht einen speziellen Schuh trage, fahre ich sogar am liebsten barfuß.“ Seine Verliebtheit in die technische Perfektion ist überall zu bemerken, denn hier ist selbst das liebevoll gestaltet, was ein normaler Fahrer – man möchte wohl sagen leider – nie von seinem Auto zu sehen bekommt. „Ein ästhetisches Empfinden muss sich auf alle Teile des Wagens beziehen, auch die versteckten, rein technischen Details,“ führt er weiter aus.

Durch die gemeinsame Passion verbunden fühlt sich Pagani mit den Käufern seiner handwerklichen Meisterstücke. Regelmäßige Treffen dieser kleinen Elite finden statt, bei der das Altersspektrum zwischen 35 und 85 liegt. Die Wohnorte der Käufer sind über die ganze Welt verstreut, aber eines dürften die alle gemeinsam haben, denn bei einem Kaufpreis ab 600.000 Euro in der Grundausstattung hilft kein Banksparmodell. Dafür darf sich der noble Zirkel dieser Supersportwagen-Besitzer absoluter Unikate auf höchstem Niveau erfreuen.

Das andere Fahrgefühl

Der Besuch einer Automanufaktur ohne eine Probefahrt? Undenkbar, also eine kleine Spritztour zur nahe gelegenen Teststrecke. Das Einsteigen gestaltet sich erstaunlich komfortabel und wenn man erst einmal sitzt, so fühlt man sich sofort sicher und geborgen. Es gibt keine unnötigen Details, aber diese – wie allein schon die Lederverarbeitung – sind ästhetisch ansprechend gestaltet, dass man vor Bewunderung fast vergisst, dann man in einem Auto sitzt. Das ändert sich schlagartig, wenn der unscheinbare Startknopf gedrückt wird, der in den Schaltknauf eingelassen ist. Dann dringt aus den vier mittigen Auspuffrohren im Heck ein Gewittergrollen, das ahnen lässt, dass hier ein Motor gefordert werden will, es mit dem dazugehörigen Blitz aufzunehmen. Die Schaltung des manuellen Sechsgang-Getriebes ist exakt und sehr direkt, die Höchstdrehzahl von 7.000 Umdrehungen in jedem Gang schnell erreicht. Das Durchzugsvermögen ist faszinierend, aber selbst bei hohen Geschwindigkeiten bleibt der klang des 7,3-Liter 12-Zylinders stets angenehm dunkel und dumpf. Richtungsänderungen setzt der Wagen mit größter Präzision um, der Grenzbereich eines für die Ausfahrt gewählten Zonda F bleibt für den Normalfahrer völlig unerreichbar. Nach der kurzen Fahrt bleibt noch für Stunden eine ganz veränderte Sicht auf den normalen Straßenverkehr und der Leitspruch von Horacio Pagani kommt wieder in den Sinn. „Leonardo da Vinci hat gesagt: Chi non ama la vita, non la merità. Das gilt für mein Wirken und mein Werk.”

Portrait Britta M. Scholz, Britta M. Scholz

Britta Scholz - Studierte Kommunikationswissenschaftlerin (Freie Universität Berlin), gut 15 Jahre PR-Erfahrung, seit sechs Jahren als Freie ...

rss