
- Künstler am Schaffen - Ayto. Genalguacil
In Genalguacil herrscht leise Aufregung. In den engen Gassen des selbst ernannten Museumsdorfes laufen Handwerker und Elektriker hin und her, Fremdenführer üben Informationen über das Dorf ein und die Rathausangestellten koordinieren alles hektisch. Die Dorfältesten sitzen ruhig auf den Bänken und beobachten das Geschehen mit gelassener Distanz. Bald wird in Genalguacil Ausnahmezustand herrschen: Wie alle zwei Jahre wird das kleine weiße Dorf in der Serranía de Ronda im August 2008 wieder zum Treffpunkt spanischer und internationaler Künstler. Zwei Wochen lang werden zwölf Kreative im Tal des Genals an Objekten arbeiten, die das Dorf dauerhaft zieren werden. Doch trotz aller Aufregung liegt Genalguacil immer noch in der erhabenen Berglandschaft bei Ronda, in der im Sommer mehr als 40 Grad im Schatten das Leben verlangsamen: Um eins wird der Rhythmus heruntergefahren, um zwei ist Essens- und dann erst mal Siestazeit. Außerdem ist das Dorf schon im Organisieren geübt. Zum neunten Mal finden die „Encuentros de Arte" in diesem Jahr statt.
Die Geschichte
Vor mehr als zwölf Jahren überlegte sich der damalige Bürgermeister Fernando Centeno López wie seine Gemeinde von dem Boom des „Turismo rural", des Tourismus auf dem Land, den die Region gerade erlebte, profitieren könne. Der Kunstliebhaber brauchte nicht lang, da war ihm schon eine wunderbare Idee gekommen: Das Dorf selber sollte zum Museum werden. Keine traditionellen Werkzeuge in Heimatmuseum, wie sie in vielen anderen Bergdörfern entstanden, sollten die Touristen anziehen, sondern richtige moderne Kunstwerke: Künstler sollten in die Berge kommen und gegen Speis, Trank und Logis dem abgelegenen Dorf ein Kunstwerk hinterlassen. Gesagt, getan. Es dauerte nicht lang, da waren die Subventionen für das erste Treffen bestätigt und die Rathausangestellten von Genalguacil wurden zu Kunstkritikern. Sie mussten eingereichte Projekte begutachten und auf deren Tauglichkeit für Dorf und Gemeinschaft beurteilen.
Als das Projekt entstand, war klar, dass etwas passieren musste. Dass das Dorf andernfalls keine Zukunft hatte. Die Jugend wanderte in die Stadt und an die Küste, die Bevölkerung war rückläufig. Touristen verirrten sich so gut wie nie in das Dorf, das nur über eine kurvige Bergstraße mit der Außenwelt verbunden ist. Doch das Wort 'Kunst' fand nicht bei jedem Bewohner vorbehaltlosen Anklang. „Viele, vor allem ältere, standen der Idee skeptisch gegenüber", erinnert sich die heutige Bürgermeisterin Beatriz Álvarez Urda. Doch mittlerweile gibt es in dem gesamten Dorf nur noch Kunstliebhaber. Die Objekte sind in Brunnen, Mauern, Aussichtspunkten und Bushaltestellen integriert und bringen Farbe in das Dorf. Auch die über 80-jährige María Jimenez hat sich mit der Kunst angefreundet. Ihr Lieblingsplatz ist ein aus einem Baumstamm geschnitzter Sessel.
Kunst an allen Straßenecken
Dass die Kunst von allen ohne Polemik aufgenommen wird, hängt auch mit der Ausrichtung der Ausschreibung zusammen. Die Projekte sollen sich mit der Problematik des ländlichen Leben in der heutigen Welt im Allgemeinen und mit der Landschaft und der Natur um das Dorf herum im Konkreten beschäftigen. Der Igeltannen- und Korkeichenwald und die heimische Flora und Fauna sind immer wieder Thema der Projekte. Die Suche nach einer neuen Form des Dorflebens beschäftigte die Künstler, die in den Straßen von Genalguacil arbeiteten. Die Künstlertreffen stärken das Selbstvertrauen der Dorfgemeinschaft, begleiten sie auf der Sinnsuche und geben neue Anstöße. Während Fotografen, Bildhauer und Maler nach Inspiration suchen, mit Materialien experimentieren und die Kunstobjekte allmählich Form annehmen, stehen die Dorfbewohner um die Künstler herum, schauen interessiert zu und kommentieren. Und oft legen sie auch selbst an den Kunstwerken Hand an. Die Fotokünstlerin Carma Casulá ging mit den Dorfbewohnern auf Motivsuche. Der Maler Carlos de Gredos zeigte den Kindern des Dorfes, wie ein Bild entsteht und besprach mit ihnen ausführlich sein Projekt. „Für uns sind die zwei Wochen mit den Künstlern wirklich ein Riesengewinn", sagt auch die Grundschullehrerin in Genalguacil, Inmaculada Morales.
Aber nicht nur die Dorfbewohner schauen den Künstlern staunend in dem offenen Atelier beim Schöpfen zu. Aus der Umgebung und auch von weit her kommen alle zwei Jahre die Touristen, um das einzigartige Ereignis aus der Nähe zu betrachten. „Die Philosophie der Treffen ist auch, dass die Bewohner Menschen und Kulturen aus der ganzen Welt kennen lernen, neue Eindrücke gewinnen, und das ohne den Fuß vor die Dorfgrenzen zu setzen", erklärte die Bürgermeisterin. Gleichzeitig wollen die Encuentros auch Relevanz in der (inter)nationalen Kunstszene haben. „Bei den Treffen gewinnt der Besucher einen Überblick über das Panorama der zeitgenössischen Kunst, lernt neue Tendenzen, Stile und Perspektiven können", fährt Álvarez Urda fort. Als die Bürgermeisterin dann auch noch die Konzerte, Vorträge und Kurse aufzählt, die während der Treffen jeden Abend statt finden werden, überschlägt sich fast ihre Stimme.
Bevor die Künstler am Vorabend des ersten Augusts in Genalguacil eintrudeln ist noch viel zu tun. Die Apartments müssen hergerichtet, Material und Essen für die zwölf Künstler in das Dorf geschafft werden und noch einige der Bewohner wollen ihre Häuserwände für den Anlass weiß tünchen. Die Siesta ist bald vorüber. Gegen sechs Uhr abends regt sich allmählich Leben im Dorf und in den Gassen beginnt langsam wieder das geschäftige Treiben.
