
- Ein Fall für Micky - Ehapa
Die kurzlebige Comicreihe „Ein Fall für Micky“ war der durchaus gewagte Versuch, eine der tragenden Figuren im Disney-Comic-Universum aus der gewohnten Umgebung herauszulösen und sie gewissermaßen „erwachsen“ agieren zu lassen. Erfolg war der Reihe nicht beschieden. Zu Unrecht.
Ein anderes, düsteres Entenhausen
Bereits die Covers stachen durch ungewohnt plastische Zeichnungen von Joaquin Canizares Sanchez und Miguel Fernandec heraus.
Zwar spielt die Serie in Entenhausen, doch statt der quietschbunten Entenmetropole mit ihren oft skurrilen Autos und Gebäuden, präsentiert sich eine sehr realistisch anmutende Großstadt.
Neben den Glanzlichtern wie riesigen Wolkenkratzern, Glaspalästen, Villen oder Museen dominieren schlichte Reihensiedlungen, heruntergekommene Viertel und zwielichtige Spelunken das Stadtbild. Dreck und Lärm beherrschen die Straßen, die von meist missmutigen Passanten bevölkert werden.
Schier endlose Regentage tauchen die oft nachts spielenden Krimis in düstere, unheilvolle Licht- und Schattenlandschaften.
Micky auf sich allein gestellt
Das aus vielen anderen Geschichten gewohnte Personal findet sich in diesem Entenhausen größtenteils nicht mehr. Lediglich Dauerfreundin Minni arbeitet als emanzipierte, erfolgreiche Journalistin bei einem großen Fernsehsender, während Kommissar Hunter verzweifelt der Flut an Verbrechen Herr zu werden versucht. Unterstützt wird er dabei vom nicht besonders hellen, aber bemühten Inspektor Issel.
Mit dem berüchtigten „Schwarzen Phantom“ (in einigen älteren Micky-Maus-Geschichten „Plattnase“ genannt) bekommt es Micky des Öfteren zu tun.
Die Ducks, Goofy oder Kater Karlo sucht man hingegen vergebens. In diesem rauen Entenhausen wirkten sie aber ohnehin fehl am Platz.
Das Böse ist überall
Im Trenchcoat und mit Schlapphut löst Micky die kniffligsten Fälle. Nicht alle wurden ihm in seiner Profession als Privatdetektiv übertragen – so fädelt etwa in einer Folge das Schwarze Phantom eine Intrige gegen ihn ein, die sogar im Gefängnis endet, da man Micky – natürlich fälschlicherweise – für einen Verbrecher hält.
Anders als in den aus anderen Disney-Comicreihen gewohnten Detektivgeschichten (meist mit Goofy an seiner Seite) geht es in „Ein Fall für Micky“ nicht gerade zimperlich zu: Schwerer Raub, versuchter Mord oder Schlägereien stehen an der Tagesordnung.
Auch Themen wie die Gefahr einer Masseninfektion durch versehentlich freigesetzte Viren, Medienmonopole oder Korruption werden mit dem angemessenen Ernst behandelt.
Kein unfehlbarer Superheld
Trotz seiner analytischen Fähigkeiten, seiner Beharrlichkeit, seinem Fleiß und seiner Untadeligkeit wird Micky nie als strahlender Superheld abgebildet. Oft irrt er sich, verdächtigt auch mal Unschuldige, zieht falsche Schlüsse, steht Computern reserviert gegenüber und stolpert mitunter blindlings in Fallen. Gerade dies erhöht die Glaubwürdigkeit und dient einer ausgefeilten Charakterisierung, in deren Verlauf sich aus dem im gewohnten Entenhausen-Universum meist eindimensional wirkenden Schlaumeier eine sympathische Figur mit Ecken und Kanten schält.
Zwischen 1994 und 1995 erschienen insgesamt 26 Bände zu je einhundert Seiten, ehe Micky Maus seine Detektei schließen musste. Zurück bleiben mehr als zwei Dutzend hervorragend entwickelte, komplexe Kurzkrimis, die nicht immer mit einem klassischen Happy-End, sondern manchmal mit leicht bitterem Nachgeschmack endeten.
Wodurch sie mit dieser Reihe einiges gemeinsam haben: Das Ende dieser Krimiserie war bitter. Doch wer weiß: Vielleicht steckt Meisterspürnase Micky Maus eines Tages ja doch wieder den Schlüssel in das verrostete Schloss der Milchglasscheibentür zu seiner Detektei, pustet den Staub vom Schreibtisch und widmet sich neuen Fällen.
Die Comics der Reihe „Ein Fall für Micky" sind im Ehapa-Verlag erschienen.
