„Ruhe im Auditorium!“ - eine Aussage, die das Publikum an diesem Abend nur so um die Ohren gehauen bekommt. Von wem sonst, als vom Teufel höchst persönlich. Mephisto, der als lustiger Scharlatan und Zauberkünstler durch die Vorstellung führt, sieht seinen Auftritt als Uniübung an, bei dem jeder lernen soll: Spiel und Spaß braucht der Mensch. Nicht mehr und nicht weniger.
Matthias Hartmann ist seit der Spielzeit 09/10 neuer Intendant des Burgtheaters. Seine Amtszeit eröffnete er im September letzten Jahres mit dem Klassiker der deutschen Dramenliteratur, Goethes Faust. Wohl fast jedem ist die Tragödie über den Pakt zwischen Teufel und dem Gelehrten Faust geläufig. Faust, ein Schulmeister, strebt nach der Erkenntnis, was die Welt im Innersten zusammen hält und erhofft durch Mephistopheles diese zu erlangen.
Hartmann beweist, dass "Faust" kein staubiger Klassiker ist
Schon fest haben sich unzählige Zitate in den deutschen Sprachgebrauch und Alltag etabliert. Wer kennt sie nicht, die Werbeslogans wie zum Beispiel den einer großen Drogeriekette: „Hier bin ich Mensch, hier kauf‘ ich ein.“ Dennoch wird mit „Faust“ und dessen Dichter „Goethe“ allzu oft noch Unverständlichkeit und Schwere assoziiert. Hartmanns Inszenierung räumt diese Vorurteile auf und erschafft einen seichten, komödiantischen Theaterabend. Zurück bleibt ein langweiliger Bauernfaust, dessen Handlung vom gewitzten Mephisto und seiner beeindruckenden Trickshow gänzlich in den Hintergrund gestellt wird.
Die Intention der Inszenierung wird bereits in den ersten Minuten sichtbar: Aufgrund technischer Probleme fängt die Aufführung über 15 Minuten später an. Während des Vorstellungsbeginns suchen noch immer vereinzelt Zuschauer ihre Plätze im Halbdunkeln; ein gefundenes Fressen für die Darsteller, um ihre brillierende Improvisationsfähigkeit offenzulegen. Man könne ja nicht, dem armen Zuschauer der dritten Reihe im Parkett - den jetzt wohl alle kennen werden, wie der Dichter anmerkt - diese wunderbare, erste Szene vorenthalten. So fängt das Vorspiel auf dem Theater mit seinen witzreichen Sätzen vor dem roten Vorhang noch mal von vorne an. An der weißen Box, auf der der Dichter (herausragend: Joachim Meyerhoff!) Platz genommen hat, kann man erahnen, dass er in die Rolle des Mephisto schlüpfen wird. Diese Vermutung bewahrheitet sich sogleich im anschließenden Prolog des Himmels. Aus der weißen Trickkiste wird schnell ein Pudelkostüm gezaubert und schon krümmt sich Mephisto als schwarze, hündische Gestalt unter dem Herrn (ein solider Ignaz Kirchner). Dieser thront über einem großen Vorhang mit der Aufschrift „Himmel“, damit auch die Dümmsten im Publikum ja wissen, wo die folgende Szene spielt. Auf Leitern neben ihm befinden sich die drei Erzengel. Die Szenerie erinnert mehr an ein überdimensionales Krippenspiel als an eine Aufführung auf Europas größter Theaterbühne.
Fausts Eingangsmonolg, den Tobias Moretti betont und profide mittels sinnloser Verstärkung eines Mikroports spricht, findet hinter einem Mac statt. Moretti ist kaum zu erkennen, das Applesymbol leuchtet an Stelle seiner aus der Dunkelheit hervor. Deutlich ist das Tippen auf der Tastatur zu hören, was die goeth‘schen Verse raffiniert untermauert. Was allerdings die große Neonlichtumrahmung der Bühne akzentuieren soll, bleibt fragwürdig. Besonders in der Nachtszene ist sie störend, da durch den starken Kontrast zur dunklen Bühne, Moretti nur aufgrund seiner Stimme zu erahnen ist. Durch die andauernde Leuchtrahmung kommt es dem Zuschauer eher vor, zu Hause vor dem Fernseher statt in einem Theatersessel zu sitzen. Dabei hatte man doch eine Theaterkarte gekauft, um ein Live-Ereignis zu sehen und nicht, um den Blick auf eine beleuchtete Mattscheibe zu richten.
Enttäuscht von Technik und seiner selbst wendet Faust sich dem Übernatürlichen zu. Nach kurzer Geisterbeschwörung, die unspektakulär mit einer Schattengestalt dargestellt ist, wird schnell auf den Pakt zwischen Hölle und Faust hin gearbeitet. Dieser wird in einer unverhältnismäßig langen Szene abgehandelt, wobei Moretti und Meyerhoff ein gut aufeinander abgestimmtes Duo bilden.
Hokuspokus-Show Mephistos stellt Faust in den Schatten
Um Faust die irdischen Freuden und Genüsse näher zu bringen, wird er in der Hexenküche, begleitet von einer beeindruckenden Licht- und Feuer - Show verjüngt. Trotz exorbitanter Verwandlungsszene weist folgend nur das umgedrehte Jackett von Faust auf dessen Veränderung hin. Moretti spielt konstant einen düsteren, langweiligen Dorflehrer. Von einem jungen, attraktiven Verführer ist keine Spur zu erkennen.
Die nächsten Szenen werden kurz und systematisch abgehandelt. Das Bühnenbild (Volker Hintermeier) bleibt spartanisch, dennoch ideenreich eingerichtet. Einzig die verschiedenen weißen Boxen verändern die Kulisse. So findet Auerbachs Keller in einer großen Box statt, die wie ein Weinlokal eingerichtet ist. Statt mit eines Gänseblümchens spielt Gretchen mit von der Decke hängender Wäsche ihr Liebesspiel („Er liebt mich, er liebt mich nicht“). In Kombination mit den Lichteinstellungen und -spielen (Peter Bandl) schafft das Bühnenbild jeweils eine passende, perfide Atmosphäre. Der Zuschauer wird auf Fausts Zauberreise mitgenommen.
Hartmann hat ein tolles Ensemble zusammen gestellt, von der kleinsten Rolle bis zu den Protagonisten ist es gut besetzt. Simon Kirsch füllt seine Rolle als Schüler genauso hervorragend aus wie Katharina Lorenz als Gretchen. Sie stellt Gretchen als selbstbewusstes, sexuell unerfahrenes Mädchen dar, die ihre Unschuld verliert. Es fällt einem leicht, ihr die verführte, naive Jugendliche abzunehmen. Aus Liebe zu Faust nahm sie unwissend die Schuld vom Tod der Mutter, des Bruders und des eigenen Kindes auf sich. Ihr Geliebter aber lässt sie im Stich und reist lieber mit Mephisto zum Hexensabbat. Auf eine Veränderung seiner Person wartet man, genauso wie auf wirkliche Gefühls(-er-)regungen, vergeblich. Valentin, der Bruder Gretchens, wird lustlos erstochen. Von seinem „Liebchen“ redet Faust wie von seiner Tochter. Morettis Spiel fing so verheißungsvoll an, verlor sich aber im Strudel der Aufführung und der spröden Regieführung.
Es wäre kein Mephisto - Abend, wenn nicht auch Gretchen nur ein Trickspiel von ihm wäre. Am Ende des Stückes wartet man vergeblich auf die Stimme, die sie von Schuld und Sühne freispricht. Stattdessen verschwindet sie wortlos unter einer großen Box. Mit einem Feuerstrahl lässt Mephisto diese auf Gretchen herunter fallen.
Doch was bleibt am Ende?
Mephisto als Magier, der seine große Zaubershow vorführt, Faust und Gretchen in den Nebenrollen der AssistentInnen. Was Dramaturgie und Regie sich dabei gedacht haben, bleibt unbeantwortet.
Was bleibt, ist ein unterhaltsamer, kurzweiliger Abend. Ein bisschen mehr faustischen Tiefgang hätte sich dann aber doch der ein oder andere Zuschauer gewünscht.
