
- Stelzenvogel und Mutter Sonne - Jonny Michel
Straßentheater in Chemnitz? "Wees'sch ne", hätte der Chemnitzer Sachse noch vor wenigen Wochen geantwortet. Seit dem 10. September 2011 dürfte diese Antwort allenfalls als schale Ausrede gelten. Der Verein StadtHalten e.V. organisierte zusammen mit dem Verein Kaffeesatz e.V. an jenem Tag ein internationales Straßentheaterfest auf dem Sonnenberg, einem Stadtteil der 240.000 Einwohner zählenden Industriestadt. Über den Sonnenberg herrschen viele Vorurteile. Die soziale Struktur gilt zu Unrecht oft als minderwertig. Viel Arbeitslosigkeit, zahlreiche Zuwanderer und Sozialleistungsempfänger nähren diese Vorurteile. Und diese sind keineswegs nur am "Stammtisch" vorherrschend. Dennoch gerade in diesem Viertel ein Straßentheaterfest?
Kreatives Potential entdecken
Die Mitglieder von StadtHalten e.V. haben sich seit Bestehen des Vereins die Entdeckung des kreativen Potentials im Wohngebiet auf die Fahnen geschrieben. Zahlreiche Projekte, wie die Sonnenberg-Galerie und das Betreiben von Wächterhäusern, zeugen davon. Ihrem in der Hauptsache ehrenamtlichen Wirken ist es mit zu verdanken, dass sich auf dem Sonnenberg erste integrative kulturelle "Pflänzchen" entwickeln können. So wird im Oktober auch ein Lesecafé vom Verein Kaffeesatz e.V. mit tatkräftiger Hilfe vom StadtHalten e.V. auf der Zietenstraße eröffnet.
Experiment Theaterfest
Es war das erste Straßentheaterfest in Chemnitz, und die Veranstalter sowie das Publikum können ein hervorragendes Gelingen des Experimentes konstatieren. Die guten Wünsche der Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig und des Vereinsvorsitzenden Eckhard Heumeyer zur Eröffnung des Events erfüllten sich. Ab 14.30 Uhr herrschte auf der Körnerstraße reges Treiben. Um so fortgeschrittener die Zeit, desto mehr Menschen, vor allem Familien mit ihren Kindern, kamen zum Fest in die gemütlich wirkende kleine, mit alten Bäumen bewachsene Straße.
Von Straßburg in Frankreich bis Berlin
Das Fest gestalteten Kinder, Erwachsene, Amateure und Profis gleichermaßen. Die Theaterkids aus Lugau bei Chemnitz begeisterten mit ihrem Stück "Ewiger Schlaf". Allgegenwärtig war die Clownerie Stolpernasen aus Fürth, die Alt und Jung bezauberte. Der Zauberer Tim verblüffte mit seinen Tricks. Dicht umringt war immer die Marionettenshow Kabare Pupala aus Berlin. Hochkarätige Pantomimedarbietungen konnten die Besucher vom Theater Rue Piétonne aus Straßburg mit "Camila", dem dunklen Meister, der eine starre Röhre zum Leben erweckt, erleben. Die Stabfigurencompany aus Berlin hauchte ihrem Magic Man, ein aus Einzelteilen zusammengesetztes Wesen, immer wieder neues Leben ein und sorgte so für ausgelassene Stimmung. Die "Mozartkinder", ein Projekt der Sächsischen Mozart-Gesellschaft e.V. lieferten reife Leistungen auf ihren Blas- und Streichinstrumenten ab und konnten sich über Zugabewünsche freuen. Allgegenwärtig waren auch skurrile Figuren wie der Stelzenvogel aus Ingelheim "Enaya Dayeh" oder die Mutter Sonne, eine üppige, mit großen Rundungen ausgestattete Frauengestalt ganz in Gelb, die sich immer und überall unter das aufgeschlossene Publikum mischte.
Gefeiert wurde bis in die Nacht
Ein Höhepunkt des Abends war die Gruppe "Der einbeinige Traktorenhalle - D.E.T.H." aus Ysnistrien, die über sich selbst ins Programm schrieben: "Eine aberwitzige Mischung aus slawischen Volksweisen und Welthits, gespielt mit dem Mut der Verzweiflung." Das Publikum verzweifelte keineswegs und honorierte die Darbietung mit viel Applaus. Ebenso begeisterte die Underground Nightshow aus Hamburg mit ihrer illuminierten mobilen Nachtshow mit Action, Kamera und Projektionen. Zum Abschluss gastierte die Flambal Olek Feuershow aus Bremen und entfachte in der Körnerstraße auf dem Chemnitzer Sonnenberg einen wohlig warmen Feuerschein, der symbolisch in den Köpfen der vielen Besucher weiterleuchten wird.
Das erste Chemnitzer Straßentheaterfest hat gezeigt, wie mit bürgerschaftlichem Engagement auch mit knappen Kassen etwas zu erreichen ist. Dass solch ein Fest im nächsten Jahr wieder über die "Straßenbühne" gehen soll, versprechen jedenfalls die Organisatoren. Die Chemnitzer dürfen sich also auf eine Neuauflage mit einem Hauch von Klein Paris auf dem Sonnenberg freuen.
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