
- Annie Proulx - Ein Haus in der Wildnis Cover - R-M-E
Annie Proulx ist viel herumgekommen in ihrem Leben, hat in -zig unterschiedlichen Häusern gelebt und an allen etwas gefunden, das sie bei einem eigenen besser machen wollte. Und schließlich, mit siebzig Jahren, erfüllt sie sich ihren lang gehegten Wunsch und kauft ein riesiges Grundstück in Wyoming. Das Grundstück wird vom North Platte River durchzogen, zu dem über hundert Meter hohe gelbe Klippen steil abfallen. Der Wind beutelt das Land, fegt über den steppenähnlichen Boden des Flachlands und animmiert die Adler zum Spielen. Im Winter ist das Gabiet völlig eingeschneit, im Sommer brütend heiß. Und hier soll ein Haus gebaut werden? Annie Proulx ist sich sicher: Hier und nirgends sonst.
Ein schwerer Anfang
Annie kennt einen Architekten, dem sie den Entwurf ihres Traumhauses zutraut, aber wo soll sie einen Bauleiter auftun? Es türmen sich Probleme über Probleme, und während sie noch fieberhaft nach jemandem sucht, der die Arbeit am Haus in Angriff nehmen kann, beginnt die Schritstellerin schon einmal den Kampf gegen Windmühlen - respektive gegen Rindvieh in Wyoming. Die Farmer (und die Rinder wohl auch) sahen es von jeher als das Recht der Kuh, über das Land zu streifen und zu fressen, was sie findet. Annie Proulx aber möchte auf ihrem Land keine Kühe; sie möchte, dass der Boden sich erholt, dass die ursprünglichen tierischen Bewohner sich wieder ansiedeln und die Pflanzen zurückkehren, die unter den unerbittlichen Rinderhufen fast gänzlich verschwunden waren.
Sisyphus' Haus
Schließlich hat Annie ein Team zusammengetrommelt, das mit Herzblut bei der Sache ist. Gut, Bauleiter und Architekt sind sich nicht immer ganz grün, aber das kann doch mal passieren. Womit die Autorin aber nicht rechnete, waren die verschiedenen Arten von Pfusch, die "fremde" Handwerker hinterließen, und die immer wieder auftretenden Verzögerungen, die das Haus auf Jahre hin zur Baustelle machten.
Trotz des Ärgers aber gab es reichlich Momente, die sie entschädigten, etwa der Anblick des Weißkopfadlerspärchens, das eine Viertelmeile von der Baustelle entfernt seelenruhig brütet und die Menschen genauso neugierig beäugt, wie das umgekehrt der Fall ist, oder die ersten Sonnenstrahlen, die in spektakulärer Manier auf die schimmernden Felsen fallen.
Land und Leute
Annie Proulx berichtet über ihre Familie - woher kamen die Proulx? Was hat sie in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten verschlagen? Und was genau hat es mit dem Stück Land auf sich, das Annie nun gekauft hatte? Wem gehörte es früher, wie wurde es genutzt, was ist seine Geschichte? Annie und ihre Freunde finden in kleinen Ausgrabungen sogar Beweise dafür, dass das Land auch in grauer Vorzeit besiedelt war, und in einem wunderschön gesponnenen Bogen aus Geschichte und Geschichten zeigt die Schriftstellerin ihr Können, als sie ihrer neuen Heimat einen Rahmen aus Worten gibt.
Annie Proulx hat nicht umsonst alle wichtigen Literaturpreise der USA zuerkannt bekommen. Sie schreibt hier ein Buch über Hausbau, Vögel, Land und ihre Ahnen, und das tut sie mit so viel Akribie, mit so liebevoll ausgeleuchteten Details, mit trockenem Humor und einer so aus den Seiten sprießenden Lebensfreude, dass es eine wahre Wonne ist. Sie ist eine der ganz Großen an der Feder, und das merkt man ihrem Buch an.
Fazit: Wenn doch jedermanns Erinnerungen so leuchten würden!
Annie Proulx: Ein Haus in der Wildnis. Luchterhand, November 2011. Gebundene Ausgabe, 288 Seiten. 21,99 Euro
