
- Kreatives Schreiben - Pia Helfferich
Zu den interessantesten Aufgaben von Autoren gehört es, ein Milieu darzustellen. Dafür braucht man nicht Soziologie studiert zu haben, aber eine sehr genaue Beobachtung und feine Abstufung ist vonnöten, denn wenn diese Schilderung zu oberflächlich gelingt und nur auf Hörensagen beruht, wird die Erzählung platt und vorurteilsbeladen.
Fragen, um sich ein Milieu zu erschließen
Um eine Milieuzugehörigkeit zu umschreiben, kann man sich fragen: Welche Werte sind der Figur wichtig? Nach welchen Werten richtet sie sich selbst und nach welchen beurteilt sie? Welche Ziele hat die Figur in ihrem Leben? Wie hoch ist ihr Stellenwert? Wie groß ihr Einsatz, um sie zu erreichen? Wie sieht ihre Lebensweise aus? Womit verbringt sie ihre Zeit? Wie geht sie mit anderen um? Welcher Umgang wird in ihrem sozialen Umfeld als normal betrachtet? Zusätzlich interessant: Wie geht sie mit Menschen außerhalb ihres sozialen Umfeldes um?
Mit welchen typischen Requisiten ist die Figur umgeben? Welchen Wert schreibt sie ihnen zu? Wodurch zeichnet sich ihr Verhalten aus? Was charakterisiert ihre Sprache und ihre Sprechweise? Welche “ästhetischen Neigungen” hat sie?
Perspektive des Außenseiters
Ein Milieu kann besonders deutlich dargestellt werden, wenn man eine Figur, die nicht dazugehört, hineinsetzt. Im Grunde werden dann durch ihre geschärfte Beobachtung und ihr Anecken sogar zwei Milieus sichtbar, das, aus dem die Figur stammt genauso wie das, in dem sie sich neu befindet.
Beispiel für eine Milieuschilderung
Um die Darstellung eines Milieus zu studieren, eignet sich vorzüglich der Roman “Fischtal” von Philipp Tingler, von dem der Autor sagt, dass er eigens dafür geschrieben wurde, um das aussterbende Milieu des Berliner Großbürgertums festzuhalten. Das folgende Beispiel zeigt eine Szene, die am Mittagstisch spielt. Gustav, seine Großmutter und die Hausangestellte Hildchen essen zusammen, doch Hildchen hat einen Fehler begangen.
"Hildchen öffnete schon den Mund, doch sie erstarrte in dieser Miene. Denn Gustavs Großmutter richtete einen scharfen, Sterbliche prüfenden Blick auf sie, einen Blick, in dem die vollständige Bedeutung der Strafbarkeit lag, jetzt auch nur einen einzigen Ton hervorzubringen. Darauf erhob die Hausherrin ihr Glas, ein ehemaliges Senfglas, um daraus einen Schluck bittere, englische Orangenlimonade zu trinken."
Zeigen, nicht behaupten
“Zeigen, nicht behaupten” heißt die Devise auch bei der Milieudarstellung. Der Blick, mit dem Hildchen zum Schweigen gebracht wird, ist viel eindrucksvoller als die Behauptung “Die Großmutter war herrisch.” je sein könnte. Interessant ist an dieser Passage einerseits die Strenge, mit der die Großmutter ihr Personal behandelt, aber noch wichtiger ist das Senfglas. Der Roman spielt wie gesagt im Berliner Großbürgertum, man ist reich, hat Stil und nur die edelsten Möbel und Accessoires, was im Roman auch ausführlich dargestellt wird, doch dann trinkt diese Figur aus einem ehemaligen Senfglas. Dieses vielsagende Detail enthüllt, das nicht alles glatt und stimmig ist, ein kleiner Makel wird präsentiert.
"Stattdessen musterte seine Großmutter Hildchen gehässig. Dann sagte sie mit vertrockneter Stimme: 'Was tragen Sie da eigentlich für ein Halstuch?'
Es war zu spät. Als Gustav die Hände von den Augen nahm, lächelte Hildchen schon inbrünstig, beinahe verzückt. Möglicherweise erwartete sie ein Kompliment oder sonst was Versöhnliches. Die Ärmste hätte es besser wissen sollen, denn niemals äußerte sich Gustavs Großmutter vorteilhaft über die Aufmachung des Personals.
Mit einer unkontrollierten Bewegung griff sich Hildchen an das laut gemusterte Tuch, das sie um den Hals trug.
'Das hab ich bei Brenningmeyer gekauft', sagte sie.
[...]
Gustavs Großmutter seufzte ungeduldig. Sie schüttelte traurig den Kopf und bekümmertes Staunen lag in dem Blick, mit dem sie Hildchen fixierte, während sie feststellte: 'Bitte, merken Sie sich: Die einzige Person, die in diesem Haushalt seidene Halstücher trägt, bin ich.'
Hildchen senkte den Kopf, wie unter einem Hieb. Außerdem entfernte sie das rangwidrige Kleidungsstück auf der Stelle."
Auch hier sind es Gesten und Gesagtes, die spiegeln, wofür die Figuren stehen. Auf diese Weise lässt sich Verhalten auch viel nuancenreicher darstellen. Wenn die Großmutter keine Seidentücher an Personalhälsen zu sehen wünscht, könnte sie auch sofort sagen "Legen Sie das Tuch ab." Schlimm genug. Aber indem sie heimtückischerweise sich zunächst nach dem Tuch erkundigt "Was tragen Sie ...", provoziert sie Hildchen ein wenig Stolz zu sein auf ihre neue Errungenschaft und demütigt sie dadurch anschließend umso stärker. So wird die Fiesheit der Großmutter gegenüber dem Personal noch viel präziser geschildert.
