Ein neues Projekt für die Langzeitarbeitslosen – Bürgerarbeit

Das neue Projekt heißt Bürgerarbeit. - Klaus Uwe Gerhardt/pixelio.de
Das neue Projekt heißt Bürgerarbeit. - Klaus Uwe Gerhardt/pixelio.de
Wer in Deutschland seine Arbeit verliert, kann schnell in die Langzeitarbeitslosigkeit abrutschen. Der Weg aus dieser Lage scheint aussichtslos.

Der Fisch stinkt bekanntlich vom Kopf her. Die Politiker sehen das Problem meist anders und bevorzugen die andere Seite, wenn es um die Verbesserungsvorschläge geht: Sie richten ihren Blick nach unten. Nach obiger Logik sind für die Arbeitslosigkeit die Arbeitslosen selbst verantwortlich. Demnach sollte man nur genug Druck auf sie ausüben, und schon werden sie zu tüchtigen Arbeitern. Das neue Projekt von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen nimmt diese These auf und widmet sich den Langzeitarbeitslosen.

Bürgerarbeit für Hartz-IV-Empfänger

Laub aufsammeln, ältere und behinderte Menschen betreuen oder mit Jugendlichen Sport treiben – das sind die Tätigkeiten, die sich unter dem Namen „Bürgerarbeit“ verbergen, und die die Hartz-IVler übernehmen sollen. Davor aber kommt eine sechsmonatige Aktivierungsphase, in der sich die Jobcenter intensiv um die Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt bemühen werden. Das Projekt startet am 15. 07.10, dauert drei Jahre und kostet 1,3 Milliarden Euro. Anders als bei 1-Euro-Jobs bekommen Bürgerarbeiter einen Vertrag. Monatlich werden sie 900 Euro verdienen; die Arbeitswoche betrage 30 Stunden. Als Vorbild gelten ähnliche Programme in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Bayern. Neu ist die Begleitung des Arbeitslosen von einem Coach, der sich weiterhin um die Integration in den ersten Arbeitsmarkt kümmern wird.

Lange ohne Arbeit heißt schwer vermittelbar

In den Berichten über die Bürgerarbeit werden abwechselnd die Begriffe Langzeitarbeitslose oder schwer vermittelbare Arbeitslose gebraucht. Besonders die zweite Benennung klingt abwertend und rückt in die Nähe von anderen „schweren“ Fällen: Schwererziehbare, Schwerkriminelle, Schwerverbrecher. Das Adjektiv „schwer“ ist mit negativen Konnotationen belastet. Die Auswahl der Sprache bekräftigt also den Eindruck, dass mit den Betroffenen etwas nicht stimmt.

Die Maßnahmen, die die angeblichen Arbeitsunwilligen betreffen, gab es in der Geschichte zu Genüge. So ging man beispielsweise in kommunistischen Ländern gegen „Schmarotzer“ oder „Parasiten“ vor. Einer davon lebte in der Sowjetischen Union. Mit 15 verließ er die Schule. In neun Jahren wechselte er mehr als 15 Jobs. 1964 musste er sich zum ersten Mal vorm Gericht für den „Parasitentum“ verantworten und wurde zu fünf Jahren verurteilt. Acht Jahre später bürgerte man Joseph Brodsky aus und verwies ihn des Landes. Er lebte danach in Amerika und schrieb Gedichte und Essays auf Russisch und Englisch. 1987 bekam er den Nobelpreis für die Literatur.

Diskussion im Online-Forum über die Bürgerarbeit

Im Forum vom Spiegel-Online entbrannte eine heftige Diskussion über das Projekt „Bürgerarbeit“. Wiederholt erscheinen dabei Begriffe Zwangsarbeit oder Sklaverei. Ein Diskutant, der sich „AusVersehen“ nennt, beschreibt folgend die gegenwärtige Situation: „In dieser Gesellschaft ist es offensichtlich zur Mode geworden, auf die sozial Schwächsten einzuprügeln. Es wird nicht darüber geredet, wie man mehr Arbeitsplätze schafft. Nein, man spekuliert darauf, dass man die soziale Unterschicht nur ausreichend demütigen und beschimpfen muss, damit sie sich in Luft auflöst. Und die Mittelschicht lässt sich, dumm wie sie ist, nur allzu leicht aufhetzen. Dabei ist inzwischen die halbe Mittelschicht davon bedroht, selbst sozial abzurutschen. Und derweil steckt sich die Oberschicht fleißig die Taschen voll.“

Ein anderer Teilnehmer (1810234) erinnert an den Winter in Berlin als sich 25.000 Arbeitslose für 650 Plätze beim Schneeaufräumen gemeldet haben und fragt, warum man das Angebot nicht einfach gleich an alle Langzeitarbeitslose richtet. „Die Leute würden ihr (Ursula von der Leyen, Anmerkung der Autorin) die Bude einrennen“.

Bildnachweis: Klaus Uwe Gerhardt/pixelio.de

Grazyna Gintner, Grazyna Gintner

Grazyna Gintner - Ich habe als Journalistin in Polen gearbeitet. Seit Jahren lebe ich in Deutschland. Neulich brachte ich unter dem Pseudonym Lydia Sanojar ...

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