
- Kernwaffentest Explosion einer 11 Megatonnen-Bombe - United States Department of Energy
Die Älteren unter uns erinnern sich bestimmt noch an die Zeit des kalten Krieges, als man in Deutschland mit einem nuklearen Angriff rechnete. Man verteilte Broschüren an alle Haushalte, in denen beschrieben wurde, wie sich jedermann mit einfachsten Mitteln einen behelfsmäßigen Schutzraum zu Hause schaffen und einrichten konnte. Den Bürgern wurde, um für den Kriegsfall gewappnet zu sein, auch eine Anleitung zur Vorratshaltung ausgehändigt. Es wurden sogar Tipps dafür gegeben, wie man sich verhalten sollte, falls man im Freien von einer nuklearen Explosion überrascht würde.
Später wurde die Anzahl der nuklearen Massenvernichtungswaffen weiter gesteigert, bis das atomare Potenzial der beiden Supermächte in West und Ost so groß war, dass sie sich gegenseitig viele Male hätten vernichten können. Die Sorge galt damals den unmittelbaren Wirkungen der Nuklearexplosionen: Einerseits fürchtete man die Folgen der extrem starken Strahlung, die von einer derartigen Explosion ausgeht. Andererseits suchte man nach Möglichkeiten, um den Folgen der Kontamination des Lebensbereichs, der Lebensmittel und des Trinkwassers mit radioaktiven Spaltprodukten wenigstens teilweise zu entgehen.
Waren den Politikern die Gefahren einer nuklearen Kriegs bewusst?
Aufgrund der Nachwirkungen der Kernexplosionen am Ende des zweiten Weltkriegs war bekannt, welche verheerenden Wirkungen radioaktive Strahlung auf lebende Organismen haben kann. Die damaligen Bewohner der Großstädte Hiroshima und Nagasaki waren entweder durch die nuklearen Explosionen umgekommen oder hatten unsägliche Qualen aufgrund der aufgenommenen radioaktiven Strahlung erlitten - auch heute noch, mehr als 60 Jahre nach diesem Ereignis, sterben immer noch Nachkommen der damaligen Opfer. Trotzdem rüstete man auf beiden Seiten weiter auf, bis jede Seite über Zehntausende nuklearer Sprengköpfe samt der notwendigen Trägersysteme verfügte. Zu diesem Zweck testete man nukleare Sprengköpfe aller Art bis zu einer Stärke von 50 Megatonnen, d. h. die Sprengkraft einer einzigen Bombe entsprach der Sprengkraft von 50 Millionen Tonnen TNT, des in Bomben und Granaten verwendeten Standard-Sprengstoffs, (Wasserstoffbombe, USA).
Jedes Jahr wurden von beiden Seiten zahlreiche Kernwaffen oberirdisch gezündet, sodass die radioaktiven Stäube, die dabei entstanden, durch den Wind weltweit verbreitet wurden und mit den Niederschlägen nahezu jedes Land der Erde erreichten. Auch die Radioaktivität der Luft stieg bedenklich an. Die beiden Supermächte USA und UDSSR gaben deshalb ein Gutachten in Auftrag, das die Folgen dieses Anstiegs untersuchen sollte. Die Ergebnisse dieser Untersuchung wurden seinerzeit nicht veröffentlicht, doch sie waren ganz offenichtlich derart brisant, dass die Supermächte kurz nach der Fertigstellung des Gutachtens vereinbarten, Atomtests zukünftig nur mehr unterirdisch durchzuführen. Danach ging innerhalb weniger Jahre die Radioaktivität der Luft wieder annähernd auf den natürlichen Pegel zurück.
Gab es Warnungen von Wissenschaftlern vor einer nuklearen Katastrophe?
Es gab immer wieder Warnungen, doch das größte Aufsehen erregte eine Theorie, die im Jahr 1982 von zwei Wissenschaftlern veröffentlicht wurde: John Birks und Paul Crutzen (der spätere Nobelpreisträger für Chemie) stellten die Theorie vom "Nuklearen Winter" vor. Diese Theorie besagt, dass der Staub und der Ruß, der durch einen Atomkrieg (zwischen den beiden Supermächten) aufgewirbelt würde und damit die höheren Schichten der Erdatmosphäre erreichte, das Klima auf der Erde stark beeinflussen könnte, denn derart feine Staubpartikel bleiben aufgrund ihres geringen Gewichts jahrelang in der Schwebe. Die große Menge dieser feinen Staubpartikel würde einen erheblichen Teil der Sonneneinstrahlung zurückhalten, sodass die Temperaturen auf der Erdoberfläche drastisch sinken würden. Weltweit würde jahrelanger Winter herrschen. Die katastrophalen Folgen eines derartigen Temperatursturzes für die gesamte Erdbevölkerung wären kaum abzuschätzen. Aber schon kurz darauf wurde diese Theorie von anderen Wissenschaftlern verworfen und mit dem Ende des Kalten Krieges, nachdem die Gefahr eines nuklearen Konflikts zwischen den Großmächten gebannt war, wähnte man sich in Sicherheit.
Was sagen die neuesten Forschungsergebnisse über die Folgen eines Atomkriegs?
Michael Mills und Julia Lee-Taylor vom National Center for Atmospheric Research (US-Bundesstaat Colorado) haben unlängst die Ergebnisse eines neuen Rechenmodells vorgestellt: Die Basis für ihre Berechnung war die Annahme, dass Indien und Pakistan im Verlauf eines nuklearen Krieges insgesamt 100 Atombomben zünden. Jede der Bomben sollte die - relativ geringe - Sprengkraft von 15 Kilotonnen haben. Aus den durch die Explosion verursachten Bränden würde der Ruß in eine Höhe von 60 Kilometer aufsteigen. Eine vergleichbare Katastrophe mit geringerem Ausmaß ereignete sich im Jahr 1815: Der durch einen Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien in die Atmosphäre geschleuderte Staub verursachte gravierende Schäden. Die Temperaturen in Europa und Nordamerika sanken erheblich. In diesem Jahr, das man "Jahr ohne Sommer" nannte, wurden die Ernten durch Kälte vernichtet, sodass es zu Hungersnöten kam.
Die beiden Wissenschaftler schätzen den Einfluß eines Nuklearkriegs auf das Klima wesentlich drastischer ein als den vergleichweise geringen Einfluß eines Vulkanausbruchs, denn Ruß aus Bränden hält sich länger in der Atmosphäre als die Aerosole aus Vulkanausbrüchen. "Selbst nach zehn Jahren sind noch große Mengen in der Stratosphäre enthalten", so Luke Oman von der Weltraumbehörde NASA. Auch andere Forscher halten die Berechnungen der beiden Wissenschaftler für überzeugend. Die Niederschläge würden weltweit um ca.10% sinken, vor allem in den Tropen, und die Temperatur der Erdoberfläche würde im Schnitt um knapp zwei Grad Celsius fallen. Im nördlichen Europa könnte sie sogar um 4 Grad Celsius zurückgehen.
Die Wissenschaftler untersuchten auch noch den weltweiten Anstieg der UV-Strahlung
Mills und Lee-Taylor berechneten auch den Anstieg der UV-Strahlung auf der Erdoberfläche. Durch das Aufsteigen der dunklen Stäube würden die Temperaturen in der Stratosphäre um 30-40 Grad Celsius ansteigen, örtlich sogar stärker. Zum Vergleich: Die Temperatur der Ozonschicht liegt heute bei Null Grad Celsius. Die Ozonschicht würde dadurch weltweit zerstört. Die Folgen wären dramatisch. Man könnte sich, ohne Gesundheitsschäden zu riskieren, nicht ungeschützt im Freien aufhalten. Die durch die reduzierten Niederschläge beeinträchtigte Pflanzenwelt würde durch die stärkere Einstrahlung schwer geschädigt, was katastrophale Auswirkungen auf die Landwirtschaft hätte. Wegen der Schädigung des Planktons, des ersten Glieds der marinen Nahrungskette, würde die Fischerei drastische Einbußen erleiden. Alan Robock von der Rutgers University erklärt dazu : "Der globale Lebensmittelhandel würde zusammenbrechen". Robok meint, dass es dadurch keine langfristigen Folgen für das globale Klimasystem gäbe - mit einer Ausnahme: "Die Menschen sind der größte Faktor beim Klimawandel, und von ihnen gäbe es anschließend weniger."
Hauptquelle: A. F. Marfeld, "Atomenergie in Krieg und Frieden", Safari-Verlag Berlin 1966
