Drei Männer waren es, die am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts völlig unabhängig voneinander mit ihren Forschungen die Träume von einer Reise ins All in greifbare Nähe rücken ließen: der Russe Konstantin Ziolkowski, der Amerikaner Robert Goddard und der Deutsch-Rumäne Hermann Julius Oberth, die heute allgemein als die "Väter der Raumfahrt" gelten. Ihre bedeutendsten Erkenntnisse waren dabei die Idee der Flüssigkeitsrakete und die Aufstellung der sogenannten Raketengrundgleichung.
Der Inhalt eines Romans wird zum Lebenstraum
Hermann Julius Oberth wurde am 25. Juni 1894 als Sohn eines Arztes in Hermannstadt in Siebenbürgen geboren. Sein Interesse an der Raumfahrt wurde 1906 durch Jules Vernes Buch "Von der Erde zum Mond", ein Geschenk seiner Mutter, geweckt. Bereits ein Jahr später, mit 13 Jahren, begann er, die Machbarkeit der dort beschriebenen Raumfahrttechniken durch Experimente und Selbstversuche selbständig nachzuprüfen und für die entdeckten Fehler eigene Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Im Alter von 17 Jahren erkannte er dann, dass nur eine Flüssigkeitsrakete für einen Flug zum Mond leistungsfähig genug sein würde. Zwei Dinge waren es nun vor allem, die für Oberth bei seiner Frage, mit welchem Flugkörper ein Flug zum Mond möglich wäre, im Mittelpunkt standen: Der Antrieb des Flugkörpers musste auch im luftleeren Raum funktionieren, und seine Beschleunigung musste, anders als bei der von Jules Verne verwendeten bemannten "Kanonenkugel", tatsächlich für Menschen verträglich sein.
"Die Rakete zu den Planetenräumen"
1913 begann Oberth auf Wunsch seines Vaters ein Medizinstudium, das zunächst durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterbrochen wurde, das er aber auch später nicht zu Ende führte. Vielmehr begann er 1919 in Klausenburg ein Physikstudium, das er in München, Göttingen und Heidelberg fortsetzte. Seine Dissertation, die sich - natürlich - mit der Raumfahrt befasste, wurde allerdings in Heidelberg abgelehnt, da sich niemand fand, der sich ausreichend mit diesem Thema ausgekannt hätte. Schließlich wurde seine Arbeit als Diplomarbeit an der Technischen Universität in Klausenburg angenommen, wo er 1923 das Staatsexamen in Physik ablegte. Im gleichen Jahr veröffentlichte Oberth in München auf eigene Kosten sein Buch "Die Rakete zu den Planetenräumen", dessen Grundlage seine Diplomarbeit bildete. Der Erfolg seines Buches übertraf selbst Oberths kühnste Erwartungen und machte ihn weltberühmt. Mit einem Mal erschien es möglich, den Traum von der Raumfahrt, der durch die Werke von Jules Verne und seinen Nachfolgern entfacht worden war, zu verwirklichen. Die dritte Auflage des Buches erschien 1929 unter dem Titel "Die Wege zur Raumschifffahrt" und gilt bis heute als Basiswerk der Raumfahrttechnik.
Die "Frau im Mond"
Seit seiner Rückkehr 1923 nach Klausenburg arbeitete Oberth als Gymnasiallehrer für Physik und Mathematik in Siebenbürgen, 1928 jedoch wurde er von dem Regisseur Fritz Lang als Berater für seinen Film "Frau im Mond" nach Berlin geholt, um die technischen Details des Films möglichst wissenschaftlich korrekt darzustellen. Der zur Premiere am 15. Oktober 1929 geplante Start einer von Oberth gebauten Rakete konnte zwar nicht stattfinden, da diese nicht rechtzeitig fertiggestellt werden konnte, dennoch war die "Frau im Mond" auch für Oberth ein großer Erfolg. Denn bei den Arbeiten an der Rakete, die zwei Meter lang werden und eine Flughöhe von 40 Kilometern erreichen sollte, war Oberth durch eine Explosion schwer verletzt worden.
Die Konstruktion der "Kegeldüse"
Trotz Oberths Enttäuschung über die nicht fertiggestellte Rakete war ihm und seinen Mitarbeitern Rudolf Nebel und Borissowitsch Scherschewsky doch ein wichtiger Schritt geglückt: die Konstruktion des ersten Raketenofens, in dem die Treibstoffmischung aus Benzin und flüssigem Sauerstoff verbrannt werden konnte. Diese Brennkammer bezeichnete Oberth selbst aufgrund ihrer Form als "Kegeldüse". Sie ist der Vorläufer aller späteren Raketentriebwerke.
Die Kegeldüse, die bereits beim ersten Versuch am 25. September 1929 einwandfrei funktionierte, war für die Verbrennung von 280 Gramm flüssigem Sauerstoff und 80 Gramm Benzin pro Sekunde ausgelegt und sollte nach Oberths Berechnungen einen Schub von 80 Kilogramm erzeugen. Nach der Beendigung der Arbeiten zur "Frau im Mond" arbeitete Oberth im "Verein für Raumschifffahrt", dessen Vorsitzender er kurz zuvor geworden war, auf eigene Kosten weiter an der Konstruktion seiner Rakete. Als sein Geld aufgebraucht war, kehrte der Vater von vier Kindern in seine Heimat zurück, wo er 1935 seine erste Flüssigkeitsrakete startete.
Forschung und Karriere: Über Wien und Peenemünde in die USA
1938 erhielt Hermann Oberth einen zweijährigen Forschungsauftrag an der Technischen Hochschule in Wien, wo er sich für den Bau des Raketenversuchsplatzes in Felixdorf einsetzte. 1940 wurde er nach Dresden berufen und bereits ein Jahr später in die Heeresversuchsanstalt Peenemünde geholt, wo er an der Entwicklung der zweistufigen A-9/A-10-Rakete mitwirkte. Ende 1943 wurde er nach einer Kritik des V2-Programms zur Konstruktion einer ferngelenkten Feststoffrakete nach Reinsdorf versetzt.
Nach dem Krieg folgte Oberth seiner Familie nach Feucht bei Nürnberg, von wo aus ihn verschiedene Engagements in die Schweiz und zur italienischen Marine führten. 1955 holte ihn sein einstiger Schüler Wernher von Braun nach Huntsville in den USA, wo dieser inzwischen zum Leiter des amerikanischen Raketenprogramms aufgestiegen war. Doch bereits 1958 kehrte Oberth nach Deutschland zurück. Zu den theoretischen Werken, die er auch nach dem Krieg noch veröffentlichte, gehört u.a. das 1954 erschienene Buch "Menschen im Weltraum. Neue Projekte für Raketen- und Raumfahrt."
Hermann Oberth starb am 28. Dezember 1989 in Nürnberg.
Das Hermann-Oberth-Raumfahrt-Museum
1971 wurde von der Hermann-Oberth-Gesellschaft in Feucht das Hermann-Oberth-Raumfahrt-Museum gegründet, in dem neben zahlreichen Ausstellungsstücken zu seinem Leben auch diverse Exponate aus der russischen und amerikanischen Raumfahrtgeschichte zu sehen sind.Außerdem verfügt das Museum über eine riesige Auswahl an Filmmaterial von den Anfängen der Raumfahrt bis heute.
