
- Porträt - Pia Helfferich
Das Schreiben eines Porträts beginnt mit einer gründlichen Recherche und einem oder mehrerer Treffen mit der Person, die im Mittelpunkt des Textes steht. Dann gelangt man an den Punkt, an dem das gesammelte Material gesichtet, sortiert und angeordnet werden muss.
Der Aufbau des Porträts
Für den Aufbau des Textes ist es hilfreich, wenn man das Thema des Porträts klar vor Augen hat. Es empfiehlt sich, nicht einfach über den Menschen XY zu schreiben, sondern einen speziellen Aspekt zu thematisieren, etwa seinen Beruf, sein caritatives Wirken, seine Einstellung zum Alter.
Dieser spezielle Zugriff hilft bereits, den Text zu strukturieren. Eine Möglichkeit für den Aufbau besteht darin, der Chronologie zu folgen, die das Treffen mit dieser Person vorgibt. Man kann auch eine bestimmte Metapher als roten Faden verwenden oder eine spezielle Sprechweise oder Eigenheit der Person und immer wieder darauf zurückkommen oder man nutzt eine ungewöhnliche Perspektive, um den Text zusammenzuhalten.
Ebenfalls möglich wäre es, Szenen, die etwas über diesen Menschen aussagen, collageartig zusammen zu fügen.
Den Porträtierten im Text zeigen
Um im Leser einen Eindruck von der porträtierten Person entstehen zu lassen, sollte man sie auch zeigen, also das Äußere sichtbar machen. Lange Beschreibungen sind jedoch langweilig. Besser ist es, im Text verstreut auf einige wenige typische Eigenheiten hinzuweisen. Darüber hinaus sagt auch die Sprechweise viel über einen Menschen aus. Sie kann man in den wörtlichen Zitaten aufscheinen lassen. Falls jemand aber Dialekt spricht oder eine auffallende sprachliche Angewohnheit hat, ist es besser, dies nur hin und wieder einfließen zu lassen, so erhöht man die Lesbarkeit.
Gesten und Haltungen sind ein wichtiger Punkt, um einen Menschen anschaulich darzustellen. Im Zeit-Magazin ist ein Porträt von Christoph Amend über Patti Smith zu finden. „Mir ging es unfassbar schlecht“, sagt sie und zieht ihre Beine hoch, winkelt sie an, sodass die Sohlen die Sitzfläche des Stuhls berühren. Die Haltung eines Embryos.
Die porträtierte Person achten
Bei allem, was man schreibt, ist es wichtig, die Würde und die Privatsphäre des Porträtierten zu achten. Man sollte so schreiben, dass man diesem Menschen und sich selbst noch in die Augen schauen kann. Manchmal erfährt man nebenbei etwas, dass eindeutig privat ist und nicht in die Öffentlichkeit gehört, hier heißt es, auf diese Information oder dieses Detail auf jeden Fall zu verzichten.
Menschen, die den Umgang mit den Medien nicht gewohnt sind, plaudern mitunter etwas aus, das besser nicht veröffentlicht werden sollte, etwa eindeutige Schmähungen ihrer Nachbarn. Hier muss der Autor verantwortungsvoll über diese Dinge hinweggehen und sie nicht in den Text aufnehmen.
Je lokal begrenzter das Medium ist, in dem das Porträt erscheint, desto freundlicher und unkritischer fällt die Darstellung aus. Wenn der älteste Bäcker einer Kleinstadt in der Tageszeitung mit einem Porträt gewürdigt wird, dann schreibt man nicht, dass alle Auszubildenden ihn nicht leiden können, stattdessen findet man höchstens eine diplomatische Umschreibung für diesen Umstand, wie „Seine Auszubildenden kennen ihn als strengen Lehrmeister.“
Das kalte Porträt
Bislang war immer die Rede davon, dass ein Porträt über jemanden geschrieben wird, den man zuvor persönlich kennengelernt hat. Schreibt man indessen eines über eine Person, die entweder tot ist oder zu berühmt oder zu weit weg, um sie zu treffen, spricht man von einem kalten Porträt. In diesem Fall muss man sich ganz auf die – sorgfältig betriebene – Recherche verlassen. Man kann darauf eingehen, wie andere auf eine Begegnung mit ihr reagierten, kann Fotos heranziehen, um zu schildern, welchen Eindruck man von ihr gewann und mithilfe von Zitaten ihre Sprechweise und ihre Persönlichkeit aufscheinen lassen. Manchmal ist eben nichts anderes möglich, doch wenn es irgendwie geht, sollte man sich um ein persönliches Treffen bemühen.
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