
- Porträt - Pia Helfferich
Ein Porträt ist ein Text, in dem ein Mensch vorgestellt wird. Der Autor hat die jeweilige Person getroffen, als Stellvertreter für seine Leser, und gibt nun so lebendig wie möglich den Eindruck wieder, den er von ihr gewonnen hat und die Fakten, die man von diesem Menschen wissen kann. Der Charakter dieser Person, ihr Lebenslauf, ihr Verstand und ihr Äußeres sollen im Text sichtbar werden. Das Porträt ist eine Momentaufnahme, denn man kann natürlich unmöglich „den ganzen Menschen“ komplett abbilden. Es stellt die jeweilige Annäherung des Autors an den Porträtierten dar und seine Auseinandersetzung mit diesem.
Die Recherche
Am Anfang der Arbeit steht die Recherche. Bevor man sich mit dem Menschen trifft, den man porträtieren möchte, sollte man so viel wie möglich über ihn und sein Lebensthema in Erfahrung bringen. Mit Lebensthema gemeint ist das, was für diesen Menschen und das Porträt im Mittelpunkt stehen wird: beispielsweise die Filme, die er dreht, seine Firma, die Medikamente herstellt oder das Leben mit einer bestimmten Krankheit. Als Autor des Porträts muss man sich dann auch mit diesen Filmen, der Medikamentenherstellung oder der Krankheit auskennen, um die richtigen Fragen zu stellen und um die Antworten einschätzen zu können.
Auch der Lebenslauf der zu porträtierenden Figur wird recherchiert. Je nachdem, um wen es sich handelt, kann man passende Archive konsultieren, im Internet recherchieren und Menschen aus dem Umfeld der Person befragen.
Man kann die Person zusätzlich um Material und Fotos bitten, was interessant ist, weil es Hinweise auf ihr Selbstbild gibt.
Das gesammelte Material sichtet man hinsichtlich der vollzogenen Entwicklungen, sucht nach Brüchen, Lücken und Widersprüchen – und schon hat man jede Menge Gesprächsthemen.
Der persönliche Kontakt
Für das persönliche Treffen sollte man von vornherein einen bestimmten Zeitrahmen festlegen, um nicht nach einer halben Stunde wieder hinauskomplimentiert zu werden. Zwei Stunden sind mindestens notwendig, da auch einige Zeit benötigt wird, um miteinander warm zu werden. Ein richtig intensives, ausführliches Porträt wird mehrere Treffen brauchen.
Als Ort für die Begegnung ist das persönliche Umfeld zu bevorzugen, die Wohnräume des Porträtierten, sein Büro; ein Kompromiss, falls ihm diese Orte zu privat sind, wären sein Lieblingsrestaurant oder eine bevorzugte Strecke zum Spazierengehen.
Ein offenes Gespräch
Grundlage des Porträts ist ein gleichberechtigtes Gespräch zwischen dem Autor und dem Porträtierten. Dieses Gespräch ist kein Interview, es wird nichts abgefragt und es werden am besten auch keine vorformulierten Fragen mitgebracht, sondern nur Themen, auf die man zu sprechen kommen möchte. Zu einem offenen Gespräch gehört, dass es sich frei entwickelt, man springt von diesem Thema zu jenem und gerade dieser natürliche Fluss kann interessante Dinge offenbaren. Damit der Autor jedem Themenwechsel folgen kann, ist eine gründliche Vorbereitung unerlässlich.
Zu einem offenen Gespräch gehört ebenfalls, dass der Autor das Gehörte nicht bloß abnickt, sondern darauf eingeht, gegebenenfalls auch widerspricht. Nur auf diese Weise kann ein Gespräch entstehen, das in die Tiefe führt.
Die Situation des Porträtierens abbilden
Ein Porträt kann niemals objektiv sein, denn der Autor kann ja nur seine Wahrnehmung von der Person widergeben, zudem wählt er aus, was er in das Porträt aufnimmt und das Gespräch kann er auch lenken. Als Autor sollte man sich darüber im Klaren sein, wie man zu der Person steht und wie sich das im Porträt widerspiegeln könnte. Um die Situation nicht von vornherein unfair zu machen, sollte man nur Menschen porträtieren, für die man Sympathie empfindet oder die man zumindest neutral betrachtet.
Für den Text kann es aus verschiedenen Gründen von Vorteil sein, die Entstehungssituation des Porträts hin und wieder transparent zu machen. Zum einen wird dadurch unterstrichen, dass hier ein Autor seinen persönlichen Eindruck wiedergibt und nicht die letzte Wahrheit verkündet. Zum anderen gewinnt man dadurch manchmal eine erhellende zusätzliche Perspektive auf den Porträtierten.
Für das Zeit-Magazin schrieb Marian Blasberg ein Porträt über den Gewichtheber Matthias Steiner. Darin geht er immer wieder auf die Telefongespräche ein, die er mit Steiner geführt hat, um sich mit ihm zu verabreden. Zunächst ist der Sportler gut erreichbar und nimmt sich viel Zeit, später ändert sich das.
Wenn man Steiner in den nächsten Wochen eine Nachricht auf der Mailbox hinterlässt, dann ruft er nicht zurück. Wenn man ihn durch Zufall in der Leitung hat, dann ist es schwer, einen Termin mit ihm zu finden. „Ich darf nicht überziehen“, sagt er. „Komm zur Buchmesse, da hab ich ein paar Minuten.“
Da diese Entwicklung auch etwas über Steiners persönliche Situation aussagt, die im Mittelpunkt des Porträts steht, sind diese Passagen ausdrucksstarke Bausteine für den Text.
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