Japan ist für die Europäer faszinierend und fremdartig. Nur die aufgehende Sonne weiß wahrscheinlich genau warum. Vielleicht ist es die Verbindung von fremder und gleichzeitig zivilisierter Kultur? Doch welcher Europäer kann schon wirklich die Begeisterung der Japaner für die unförmige Sumo-Ringer verstehen? Spannend sind in der Regel Menschen, die beide Kulturen kennen, wie die Konzertpianistin Kayoko Matsushita.
Kayoko Matsushita: In Tokio geboren, als Kind erster Klavierunterricht
1959 wurde Kayoko Matsushita in Tokio geboren. Der Name Kayoko setzt sich aus den drei japanischen Worten "Ka" (deutsch = anständig), "Yo" (deutsch = Generation) und "Ko" (deutsch = Kind) zusammen. Matsushita bedeutet "unter dem Kiefernbaum". Schon ihre Mutter war Musikerin, genauer war Mutter Sumie (deutsch = klarer Fluss) eine Koto-Meisterin. Ein Koto ist ein zwei Meter langes 13- bis 17-saitiges Zupfinstrument aus Holz. Es wird im Diamantensitz (also auf den eigenen Hacken sitzend), im Kimono und mit ledernen Fingerüberziehern, den deren Spitzen kleine Nägel befestigt sind, gespielt. Durch die Geburt der Tochter musste die Koto-Musikerin ihre Karriere allerdings beenden, da zu jener Zeit diese Erwartung an eine Mutter in Japan gestellt wurde. Zuhause spielte die Mutter selbst Klavier und so ging Kayoko als kleines Kind mit zum Klavierunterricht der Mutter. Schließlich wollte sie es selbst probieren. Sie hatte Talent und machte schnelle Fortschritte.
Vater von Kayoko Matsushita spielte in Freizeit gerne Kodo-Trommeln
Auch ihr Vater Toshio (deutsch = schneller Mann), eigentlich Bankkaufmann, machte in seiner Freizeit Musik. Er spielte Koko-Trommeln. Diese Trommelkunst geht mit viel Disziplin und bewundernswerter Körperbeherrschung einher. Seinen Ursprung hat Kodo auf der Insel Sado (ca. 350 km von Tokio, in der japanischen See gelegen). Kodo-Trommeln ist nicht einfach Musik, es ist eine rituelle Handlung und spirituelle Übung, dem Herzschlag der Trommeln nachempfunden.
Hochschulstudium und internationale Karriere von Kayoko Matsushita
Nach ihrem Hochschulstudium in Tokio startete Kayoko Matsushita eine internationale Karriere: Sie erhielt Unterricht bei Professoren der Musik in Köln, Stuttgart, New York und Saarbrücken, wo sie letztlich ihr Konzertexamen ablegte. Seit 1987 ist sie solo oder als Duo-Partnerin ihres Ehemannes, Thomas Beckmann, einem weltbekannten Cellisten, in Hunderten von Konzerten zu sehen. Sie spielt in der Kölner und Berliner Philharmonie, der Hamburger Musikhalle, dem Leipziger Gewandhaus und dem Kopenhagener Tivoli. Auch im deutschen Fernsehen hatte sie bereits mehr als 50 Auftritte. Das Repertoire der Pianistin spannt einen Bogen von Scaletti und Bach bis hin zu zeitgenössischen Werken europäischer und japanischer Komponisten. In Programmen wie "Japan und Impressionismus" spannt sie eine Brücke zwischen Ost und West und schafft die Verbindung der japanischen mit der europäischen Musik. Die impressionistische Stimmtechnik ist der japanischen sehr ähnlich. Die japanische Unterteilung der Töne nach Jahreszeiten und Monaten kommt der Stimmtechnik Werckmeisters, einem Schüler von Johann Sebastian Bach, sehr nahe, der jeder Tonleiter einen eigenen Charakter gab.
Kayoko Matsushitas Eindruck: Japan ist im Wandel, wird immer europäischer
Kayoko Matsushita hat den Eindruck, dass sich Japan verändert hat. Bei den Besuchen, die sie alle paar Jahre unternimmt, erlebt sie das Land immer europäischer. Vielleicht ist sie selbst japanischer geblieben als es die Menschen in Tokio sind? Sie versucht bestimmte Traditionen und Bräuche für sich zu erhalten, die in Japan mancherorts längst unmodern geworden sind. Achtung und Respekt gegenüber älteren Menschen und die japanische Art der Essenszubereitung oder die Art und Weise des Essens sind der Künstlerin sehr wichtig. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Japan und Europa ist der Wunsch nach Individualität. Die Japaner wirken sehr uniform, zwar gibt es auch Individualität, aber keiner darf sie zeigen. Das gemeinsame Schaffen und Erleben, Freunde und Familie stehen für Japaner im Vordergrund. Für Menschen, die zwei Kulturräume verbinden ist der Austausch über die Unterschiede, insbesondere mit dem Lebenspartner, sehr wichtig. Die beiden Musiker leben dies nicht nur durch musikalische Programme sondern auch im Privatleben vor.
