Ein Reisetagebuch führen – einige Anregungen

Wie man eine Reise zum Schreiben nutzen kann

Ein Reisetagebuch ist nicht nur ein schöner Weg, Erinnerungen zu konservieren, sondern bietet auch die Möglichkeit literarische Experimente auszuprobieren.

Zu den schönsten Mitbringseln von unterwegs kann ein Reisetagebuch gehören. Es hält individuelle Eindrücke fest und erlaubt seinen Lesern noch nach langen Jahren, lebhafte Erinnerungen an die Urlaubszeit. Am besten wählt man ein unliniertes Notizheft im DIN-A5-Format aus, das noch bequem in die Tasche passt, und in sehr hübschen Versionen in Schreibwarenläden zu haben ist.

Das herkömmliche Reisetagebuch

Die einfachste Technik, um ein Reisetagebuch zu führen, sieht so aus, dass man abends Erlebnisberichte über den Tag verfasst. Was haben wir erlebt? Was haben wir gesehen? Wer hat etwas Erinnernswertes gesagt? Dazwischen kann man Quittungen, Tickets, Bilder und sogar Sand einkleben (auf eine dicke Schicht Kleber streuen, hört trotzdem niemals auf zu rieseln). So erhält man eine schöne Erinnerungsmappe.

Das gemeinsame Tagebuch

Man kann noch einen Schritt weitergehen und sämtliche Reisegefährten gemeinsam am Tagebuch arbeiten lassen. Die Kinder malen notfalls, was sie noch nicht schreiben können. Entweder wechselt man sich von Tag zu Tag ab oder jeder hält den Tag aus seiner Perspektive fest. Ob so oder so, es ist gut möglich, sich auf diese Weise sogar noch ein wenig besser kennenzulernen.

Das Skizzenbuch

Eine weitere Möglichkeit die Reise schriftlich zu begleiten besteht darin, keine Erlebnisberichte mehr anzufertigen, sondern kurze, zusammenhanglose Skizzen zu schreiben, die Beobachtungen und Eindrücke einfangen. Man beschreibt das entzückende Schloss, das man an der Loire gesehen hat, man hält den Kellner fest, der das Mittagessen serviert hat, und notiert den Eindruck, den die Touristen in der Schlange vor dem Ticketschalter hinterlassen haben. In wenigen Sätzen eine individuelle Beobachtung festzuhalten, das Besondere an einer Person oder einem Ort in einen Text zu fassen, daran wird man nicht nur später viel Freude haben, sondern es ist auch eine sehr gute literarische Übung.

Um die Beobachtungsgabe zu schulen, kann es sehr nützlich sein, zu zeichnen. Wenn man das Schloss an der Loire oder eine Szene am Strand zuerst zeichnet, egal wie das Resultat aussieht, gewöhnt man sich an, sehr genau hinzuschauen und Details wahrzunehmen.

Das literarische Tagebuch

Das literarische Reisetagebuch sieht vor, sich von Orten, Menschen, Gerüchen oder Geschmäckern zu literarischen Texten inspirieren zu lassen. Diese brauchen nichts von den realen Erlebnissen des Tages zu enthalten, sondern dürfen völlig abheben. Die Urlaubseindrücke dienen der Phantasie lediglich als Sprungbrett. Um für Abwechslung zu sorgen, kann man jeden Tag in einem anderen Stil schreiben, heute schwülstig, morgen lautmalerisch. In diesem Fall sollten die „Stilübungen" von Raymond Queneau nicht im Koffer fehlen.

Ich als Figur

Eine Mischung aus herkömmlichen und literarischem Tagebuch sieht so aus, dass man über die eigene Reise schreibt, als wäre man die Figur in einem Text. Dabei kann man mit den Perspektiven spielen, mal als Ich-Erzähler schreiben, mal auf sich selbst aus der Sicht eines personalen Erzählers blicken und mal die Szene als auktorialer Erzähler betrachten.

Meine Figur auf Reisen

Wer ein größeres Schreibprojekt plant oder auch mit der Arbeit schon begonnen hat, der kann seine Figur mit auf Reisen nehmen und im Tagebuch die Tageserlebnisse aus ihren Augen betrachten. Wie hätte sie auf diesen Preis für eine Kugel Eis reagiert? Hätte sie beim Tauchen Angst gehabt? Was hätte ihr in der Kirche am besten gefallen? Man schreibt es selbstverständlich so, als wäre die Figur dabei gewesen. Es gibt kaum einen besseren Weg, um eine Figur richtig kennenzulernen.

Pia Helfferich, Pia Helfferich

Pia Helfferich - Pia Helfferich ist Autorin und schreibt nebenher Rezensionen und Artikel für die Zeitschriften Federwelt, TextArt und Buchkultur. Sie ...

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