Ein Riss geht durch Staufen bei Freiburg

Von Räubern und Königen im Breisgau

Die Burgruine oberhalb der Stadt - Nils Bräutigam
Die Burgruine oberhalb der Stadt - Nils Bräutigam
Im schönen und warmen Breisgau gelegen, bietet Staufen alles was das Touristenherz begehrt. Seit einiger Zeit aber bröckeln die Fassaden, denn der Erdboden hebt sich.

"Wer weiß, wie lange sie die Stadt noch bewundern können" sagt Anton Andergassen und lächelt süffissant. Weiß er doch mehr über die wunderschöne Fassaden vom Rathaus und der restlichen Altstadt. "Schauen Sie mal das Nachbarhaus an", gibt er einen Tipp und tatsächlich zeigt sich direkt neben der Häuserwand ein tiefer Riss. Der Grund dafür ist schnell gefunden, denn vor rund zwei Jahren wurde bei der Umsetzung einer an sich sehr löblichen Idee wohl die komplizierte Geologie der Gegend in und um Staufen nicht stark genug beachtet. Die Stadtväter und -mütter ließen eine fast 200 Meter tiefe Bohrung durchführen, um in der Zukunft Erdwärme für die Heizung des Rathauses zu nutzen. Dabei wurde eine dicke Kalkschicht übersehen, in die in der Folgezeit Wasser eindrang und die sich dadurch aufbläht wie ein Hefeteig. "Bis zum einen ganzen Zentimeter hebt sich der Boden jeden Monat, aber nicht gleichmäßig" erzählt Anton Andergassen weiter. Da kann sich jeder selbst ausdenken, was das für eine Innenstadt von rund einem Hektar Größe bedeutet. Dabei sind die schmucken Fachwerkhäser sämtlich renoviert, mit sauberen Fassaden und bunter Farbe ausgestattet. Da gibt ein verträumtes Café und das "Kornhaus", gegenüber das Rathauscafé, ganz in warmen Gelbton gehalten, neben dem Gasthof zum Löwen. Dort ziert, eingebettet in die Fenster des Hauses, ein Bild die Fassade, welches den Genickbruch des Dr. Faust durch einen der "Mephistoles" darstellt. Hier in diesem Haus soll der Sage nach eben jenes Schicksal dem wohl berühmtesten Einwohner der Stadt, wenn es ihn denn gab, beschieden gewesen sein. Genauso wenig erfreulich scheint auch der tiefe Riss an der südlichen Ecke das Gebäudes.

Fast jedes Haus der schmucken Altstadt ist betroffen

Entlang des kleinen Stadtbächleins findet der Gast alles Erdenkliche zum Stehenbleiben, Schauen und Kaufen. Ein unscheinbarer Laden mit handgefertigten Holzspielzeugen für die Kleinen und die Junggebliebenen. Ein Spezialitätenlädchen für regionalen Käse und Marmelade, deren Besitzer am Morgen gern auf der Straße steht und mit Bekannten plaudert, findet man als romantisches Kleinod im Hinterhof, genauso wie ein veträumtes Weinlokal. An der Promenade aber zeigen diverse noble Kleidungsgeschäfte von der Kaufkraft der Region inklusive der vielen Touristen. Allen Gebäuden gemein ist allerdings das dämonische Damoklesschwert, welches in diesem Fall tief unter ihnen liegt. Hebt sich der Boden noch weiter und reichen die bisherigen Maßnahmen wie z.B. das Hinweisschild am Eingang der Apotheke mit der Aufschrift "Vorsicht Bodenwellen" aus? Der Stadtrat ist in heller Aufregung, sogar der baden-württembergische Ministerpräsident und Landesvater Günther Oettinger war in den letzten Wochen vor Ort, um sich die Probleme direkt und konkret vortragen zu lassen, aber "was soll der schon anders tun, außer zuhören".

Dutzende Bahnübergänge, aber nur eine Zuglinie

Was wird nun aus diesem pittoresken Ort, der zwar nur eine Eisenbahnlinie besitzt, aber zwei Bahnhöfen und gut ein Dutzend Bahnübergänge? Selbst die Hauptstraße aus Freiburg kommend kreuzt auf dem Weg nach Münstertal gleich zwei Mal die Gleise mit dem gleichen Zielort. Das zweite Aufeinandertreffen erfolgt direkt an der Haltestelle einen Katzensprung von der örtlichen Schule entfernt. Nichts ungewöhnliches denkt man, stünde da nicht die alte kleine Rangierdampflok im alten grünen Farbton. Sie steht auf einem fünf Meter langem Stück Gleis, als hätte jemand vergessen, sie wegzufahren, als ihr befahrbarer Untergrund zurückgebaut wurde. Nun kommt sie nicht mehr weg und schaut täglich den Schülern bei ihren Pausenbeschäftigungen zu. In den Ferien aber ist der Schulhof verwaist, außer einem jungen Mädchen, dass unter Aufsicht ihrer Eltern mit dem neuen Rad fährt. Stolz zeigt sie ihr Können und dreht fleißig Runden. Gleich in der Nachbarschaft, dort außerhalb der Innenstadt sind sich die Eigentümer der teilweise noch nicht einmal fünf Jahre alten Häuser wie Anton Andergassen nicht sicher, wie lange sie die Idylle noch genießen und in Ruhe schlafen können. Bis jetzt ist einzig die Altstadt von den Bodenbewegungen betroffen, aber niemand weiß, wie sich die Gipsschicht in einigen hundert Metern Tiefe weiter mit Wasser aufschwämmt und das Erdreich noch oben drückt.

Die Touristen genießen das reichhaltige Angebot

Derweil sitzen an der gegenüberliegenden Peripherie des Zentrums, eine kleine Anhöhe hinauf, auffallend viele Eltern mit ihren noch jungen Kindern im Garten des "Auerbachs Kellertheater" und lauschen den Darstellungen von seltsam gekleideten Schauspielern. Da gibt es den "Räuber Hotzenplotz" und den "großen und Pösen Zauberer Persofilius Schwackelmann", die beide am Ende von der Listigkeit und dem Mut von "Kasper", "Seppl" und der guten Fee Amaryllis von der Erde verbannt werden. Die Zuschauer klatschen nach einer Stunde frenetisch Beifall und die Schauspieler lassen sich, und das zurecht, feiern. Mehrfach verbeugen sie sich vor ihren Gästen, so viel Zeit muss sein - am Sonntag Nachmittag in Staufen. Die Touristen kommen gern nach Staufen, nur wenige Ferienwohnungen und Zimmer sind nicht ausgebucht. Das liegt aber nicht an den Problemen mit dem Boden, sondern eher am interessanten Gesamtpaket der Gegend. Mit der Bezahlung einer Unterkunft erwirbt der Gast mehr als nur eine "Aufenthaltserlaubnis". Die Autofahrer sparen Zeit und natürlich auch das entsprechende Kleingeld, denn sie benötigen kein Parkticket auf den vier großen Parkplätzen rund um die Innenstadt. Der Weg für sie nach Frankreich ist auch nicht weit und die sanften Berge der Vogesen locken die Tagesausflügler.

Eine Bonus-Karte zahlt sich doppelt aus - für die Gäste und die Region

Als spezielles Bonbon gibt es zur Unterkunft die Konus-Karte, mit der jegliche Verkehrsmittel des ÖPNV im Süden des Bundeslandes kostenfrei werden. Ob nach Norden bis Offenburg, westlich bis Donaueschingen oder südlich bis Weil am Rhein, ja sogar bis Basel reicht der Bereich. Im Zug der regionalen Bahngesellschaft, die die Nebenstrecke ins Münstertal betreibt, treffen dann Touristen und Einheimische aufeinander im gut gefüllten Zug aufeinander. Nicht ganz einfach ist die Kommunikation, ob des für Fremde doch eher schwierig zu verstehenden südbadischen Dialekt. Dennoch werden die Eindrücke der Gegend genüsslich ausgetauscht und über das Wetter und die Berge geplaudert. Immer voller werden die Waggons an den wenigen Stationen auf dem Weg nach Bad Krozingen, wo die Triebwagen auf Gleis 12 einfahren, obwohl es nur insgesamt drei Gleise gibt. Die Passagiere strömen heraus und verteilen sich auf die beiden Anschlusszüge nach Basel und Freiburg. Auf dem Heimweg ein ähnliches Bild, Touristen und Einheimische in trauter Gemeinsamkeit in einem vollen Zug, der sich langsam leert. Zwei sich bis vor wenigen Minuten vollkommen fremde ältere Damen tauschen, bevor sie sich auf ihre Fahrräder setzen und in verschiedene Richtungen davonfahren, noch wichtige Informationen über die hiesigen Ärzte aus - so viel Zeit muss sein, am Sonntag Nachmittag.

Portrait Nils Bräutigam, Nils Bräutigam

Nils Bräutigam - Im Journalismus bin ich ein echter Quereinsteiger. Bis jetzt war das Schreiben eine Art Ablenkung oder ehrenamtliche Aufgabe, aber nun ...

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