Im Märchen lernen wir nicht nur Könige und Königinnen oder Prinzen und Prinzessinnen kennen: Die "Perspektive des Märchens" (Freund) wird vor allem durch das einfache Volk und seine Figuren, wie Handwerker, bestimmt. Unter ihnen finden sich überproportional viele Schneider: teils in weniger bekannten Märchen wie "Der Riese und der Schneider" oder "Der Schneider im Himmel", teils in populären Stücken wie "Tischchendeckdich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack" oder "Das tapfere Schneiderlein".

Da ist kaum zu glauben, dass das Schneider-Handwerk in der Geschichte eigentlich zu den "verfemten Berufsstände(n)" (Rölleke) zählt: Der Schneider war ein beruflicher Außenseiter und sah sich oftmals mit Vorurteilen konfrontiert. Da er Stoffe unkontrolliert und unbeobachtet – also in seiner eigenen Werkstatt – zu Kleidung nähte, wurde ihm vorgeworfen, er behalte mitunter etwas für sich selbst ein. So heißt es denn auch in einem alten Sprichwort: "Dem Schneider ist viel unter den Tisch gefallen."

Schneider-Beruf nur für schwächliche Männer

Keine attraktiven Begleitumstände für ein schlecht bezahltes Handwerk, das zudem als "weibisch" (Werfring) abgetan wird – weil das Schneidern bis ins Mittelalter zur "Hausarbeit der Frauen" (Neumann) gehört – und als ein Beruf für schwächliche Männer gilt, die aufgrund ihrer Konstitution kein anderes Handwerk erlernen können. So ist es letztlich kein Wunder, dass Schneider – mehr als andere männliche Handwerker – damals "der Kritik und dem Spott ihrer Mitmenschen ausgesetzt" (Neumann) sind.

Im Märchen finden sich diese Kritikpunkte wieder und prägen das Bild des Schneiders bei den Brüdern Grimm oder bei Ludwig Bechstein. Das lässt sich bereits im Titel des Schwankmärchens "Das tapfere Schneiderlein" (Grimm) oder "Vom tapfern Schneiderlein" (Bechstein) ablesen: Die Endung (Diminutiv) -lein verweist auf eine kleine Person. Zudem hat er bei den Grimms ein "zartes Haupt", ist "leicht und behend", aber "schwach". Bechstein beschreibt weniger seine Konstitution als sein Wesen: "faul", doch "gut".

Mit Mut und Witz das halbe Königreich gewinnen

Trotzdem: In beiden Versionen wird aus dem "lächerlichen Aufschneider" (van der Kooi) ein Held, dem die Herzen der Leser zufliegen: Er zeigt mit Mut und Witz, dass ein Schneider das halbe Königreich und die Königstochter zur Frau bekommen kann, auch wenn er sich mit "raffinierte(m) Lug und Trug gegen Wesen und Leute durchsetzt, die auch nicht besser sind als er (...)". (Rölleke) Doch wie adaptiert der Märchenfilm das "Tapfere Schneiderlein"? Greifen Drehbuchschreiber auf das historische Bild dieses Berufes zurück?

Oder setzen die Märchenfilme neue Aspekte in der Figurenzeichnung, die sich auch weit von den Brüdern Grimm und Bechstein entfernen? Als 1941 "Das tapfere Schneiderlein" erstmals als Tonfilm in die Kinos kommt, inszeniert Drehbuchschreiber und Regisseur Hubert Schonger von Anfang an seinen Protagonisten als Identifikationsfigur. Gleichzeitig zitiert er aber zum Teil die (historisch verbürgten) Vorstellungsmuster, wenn das Schneiderlein (Hans Hessling) anfangs von der Stadtbevölkerung verspottet wird.

"Schäbiger Ziegenbart! Schäbige Schneider-Seele!"

So ruft ihn eine Schar Kinder "Schneider, Schneider, meck, meck, meck!" und für eine Bauersfrau – die ihm Mus verkauft – ist er nicht nur ein "schäbiger Ziegenbart", sondern auch noch eine "schäbige Schneider-Seele", weil er ihre Ware für schlecht befindet. Als sich das Schneiderlein entschließt, gegen zwei Riesen zu kämpfen, die das Königreich bedrohen, trauen ihm die Bürger das nicht zu: "Spieß sie an der Nadel auf! Häng sie an dem Faden auf! Schlag sie mit der Elle!" singen sie ironisch in einem Lied und lachen ihn aus.

Mitunter schimmert hier noch die Außenseiter-Rolle des Schneiders durch, wenn die Figur auf der Tonebene – mittels Sprache und Musik – charakterisiert wird. Doch werden solche intertextuellen Bezüge (historische Quellen) hier nicht nur wiederholt, sondern vielmehr mit einer neuen zeitgemäßen Grundintention verbunden: "Dem Mutigen gehört die Welt", schreibt Schonger 1940 im Vorwort des Drehbuches von "Das tapfere Schneiderlein" – wer mag da noch an schwächliche Männer denken, die Frauen-Arbeit verrichten.

DDR-Schneiderlein rebelliert gegen den Meister

Ganz anders in der DEFA-Verfilmung "Das tapfere Schneiderlein" (1956, R: Helmut Spieß, DDR): Hier wird der Protagonist zum Schneidergesellen (Kurt Schmidtchen) herabgestuft und schuftet in der Werkstatt eines faulen Schneidermeister-Ehepaares, das ihn "Knirps" nennt und schlecht behandelt. Historische Vorstellungsmuster (Schneider als arme und schwächliche Außenseiter) werden in den Figuren des Ehepaares nicht zitiert. Im Gegenteil: Das Handwerker-Ehepaar ist gut genährt, beutet dafür seinen Gesellen ungeniert aus.

In der Figur des DDR-Schneiderleins finden sich die Muster wieder: klein, schwächlich, arm – und durchaus Außenseiter, wenn auch nur im Mikrokosmos der Schneider-Werkstatt. Spott und Anfeindungen muss er von den Angehörigen seiner sozialen (= werktätigen) Schicht nicht fürchten. Mehr noch: Nachdem das Schneiderlein zwei Riesen besiegt und ein Einhorn sowie ein Wildschwein gefangen hat, wird er zum "Volkshelden gegen feudale Unterdrücker" (Richter-de Vroe) stilisiert. König, Prinzessin und der Adel suchen das Weite.

Schneiderlein kämpft als David gegen Goliath

Auch der ARD-Märchenfilm "Das tapfere Schneiderlein" (2008, R: Christian Theede, D) zitiert bildlich den kleinen, schwächlichen, armen Protagonisten, der im Schneidersitz auf dem Tisch in seiner Werkstatt hockt und "aus Leibeskräften" (Grimm) näht. Doch im Gegensatz zu den anderen Adaptionen sieht sich das Schneiderlein (Kostja Ullmann) weder mit den Anfeindungen eines Schneidermeister-Ehepaares konfrontiert (er ist wieder selbstständig), noch wird es von seiner Außenwelt (z. B. in seiner Heimatstadt) verspottet oder diskriminiert.

Das heißt auch, dass historische Vorstellungsmuster über den Schneider (verfemter Beruf) heute nur noch eine geringe Rolle spielen – offenbar, weil diese intertextuellen Bezüge auf Vorwissen zurückgreifen würden, das bei den Zuschauern nicht mehr vorhanden ist. Das heißt nicht, dass originelle Einfälle keinen Platz haben. So haben die Drehbuchschreiber Leonie und Dieter Bongartz ihrem tapferen Schneiderlein den Vornamen David gegeben – gleich dem tapferen Hirtenjungen David aus der Bibel, der den Riesen Goliath besiegt …

Primärliteratur:

  • Bechstein, Ludwig: Deutsches Märchenbuch. Mit Illustrationen von Ludwig Richter. Frankfurt a. Main/Leipzig, 1993
  • Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Stuttgart, 2007

Sekundärliteratur:

  • Freund, Winfried: Märchen. Köln, 2005
  • Kooi, Jurjen van der: Tapferes Schneiderlein, in: Enzyklopädie des Märchens. Bd. 13. Berlin, New York, 2010
  • Neumann, Siegfried: Schneider, in: Enzyklopädie des Märchens. Bd. 12. Berlin, New York, 2007
  • Richter-de Vroe, Klaus: Zwischen Wirklichkeit und Ideal, in: Berger, Eberhard und Joachim Giera (Hrsg.): 77 Märchenfilme. Ein Filmführer für jung und alt. Berlin, 1990
  • Rölleke, Heinz: Außenseiter in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, in: Lox, Harlinda und Renate Vogt (Hrsg.): Abenteuer am Abgrund. Außenseiter im Märchen. Forschungsbeiträge aus der Welt der Märchen. Krummwisch, 2010
  • Wander, Karl Friedrich Wilhelm (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 4. Leipzig, 1876
  • Werfring, Johann: Museumsstücke. Schneider, Schneider, meck, meck meck …, in: Wiener Zeitung, Beilage: ProgrammPunkte, 10.6.2010

Filme:

  • "Das tapfere Schneiderlein" (1941, R: Hubert Schonger, D). Ist auf VHS erschienen.
  • "Das tapfere Schneiderlein" (1956, R: Helmut Spieß, DDR). Ist auf VHS/DVD erschienen.
  • "Das tapfere Schneiderlein" (2008, R: Christian Theede, BRD). Ist auf DVD erschienen.