
- Andreas Eschbach signiert seine Bücher - torstenigmi, flickr.com
New York, 1995. Der Pizzabote John Fontanelli hatte einen miserablen Tag. Seinen Job hat er verloren, sein Fahrrad in einem Unfall demoliert, und dann musste er durch Kälte und Regen nach Hause laufen, weil ihm das Geld für die U-Bahn fehlte. Dort findet er eine Visitenkarte vor: Ein Anwalt Vacchi aus Florenz möchte ihn sprechen ...
Florenz, 1525. Der Kaufmann Giacomo Fontanelli übergibt 300 Goldflorin an den Notar Michelangelo Vacchi, der das Geld gewinnbringend, aber sicher anlegen soll. Im Jahr 1995 soll der jüngste seiner dann lebenden Nachfahren das Geld erben - samt Zins und Zinseszins. Giacomo Fontanelli hat in einer Vision gesehen, dass dieser Nachfahre der Menschheit ihre verlorene Zukunft zurückgeben wird.
Durch Zins und Zinseszins zu einer Billion Dollar
Der Autor Andreas Eschbach rechnet es uns gewissenhaft vor: Bei vier Prozent Zinsen im Jahr hat sich ein Guthaben alle 18 Jahre verdoppelt. Das ursprüngliche Vermögen entsprach etwa 10.000 Dollar. Durch Zins und Zinseszins ist im Jahr 1995 daraus eine Billion geworden. In Zahlen: 1.000.000.000.000 Dollar. Die bekommt nun auf einen Schlag John Fontanelli, der gewesene Pizzabote.
Eine solche Zahl ist schwer vorstellbar. Andreas Eschbach gibt sich alle Mühe, sie zu irgend etwas in Beziehung zu setzen und uns dadurch näherzubringen. Diesbezüglich unschlagbar ist jedoch der Klassiker, zugeschrieben Volker Pispers, dem begnadeten Rechner unter den Kabarettisten. Als es in seinem Programm einmal um Staatsausgaben ging, habe er eine Milliarde erklärt mit den Worten: Dafür müssten Sie 20 Jahre lang jeden Samstag eine Million im Lotto gewinnen.
Bei einer Billion wären das 20.000 Jahre mit einem wöchentlichen Millionengewinn. Vor 20.000 Jahren befanden wir uns noch mitten in der Altsteinzeit. Nordeuropa lag unter hunderten Metern Eis. Das Mammut hatte noch 10.000 Jahre bis zu seinem Aussterben vor sich. Und etwas so Kultiviertes wie der Ötzi war noch viel fernere Zukunftsmusik, von einer staatlichen Lotteriegesellschaft ganz zu schweigen.
Die verlorene Zukunft der Menschheit
Eschbachs Roman bezieht seinen Reiz aus zwei verschiedenen Motiven. Zum einen ist da natürlich der arme Schlucker, der in die Welt der Reichen, Schönen und Schurken katapultiert wird. Das ist unterhaltsam und komödiantische Untertöne sind kaum zu umgehen, auch wenn Eschbach sich sehr zurücknimmt und es peinlich vermeidet, seine Protagonisten der Lächerlichkeit preiszugeben. Zum anderen aber wird John Fontanelli umgetrieben von der Vision seines Vorfahren, er werde der Menschheit die Zukunft zurückgeben.
Dass es einiges zu verbessern gebe, daran hat John keine Zweifel. Aber was kann man dagegen tun, dass natürliche Ressourcen dahinschwinden, Menschen verhungern, das Ökosystem überbeansprucht wird? Auch wenn man eine Billion Dollar zur Verfügung hat, die sich zudem minütlich weiter vermehrt? Wo genau liegen die Grenzen des Wachstums? Wieso hat das Schicksal ausgerechnet ihn bestimmt, der doch offenkundig nicht einmal sein eigenes Leben auf die Reihe bekommt?
Ein paar Milliarden Dollar
Manchmal sind es Details, die einen Leser in Entzücken versetzen. Bei diesem Buch sind die Seitenzahlen bemerkenswert. Eschbach zählt nämlich in Milliarden Dollar - und häufig sagt er dazu, wofür diese Zahl steht. Einige Beispiele:
- 4.000.000.000 $: Entschädigung von ExxonMobil für den Unfall der Exxon Valdez
- 7.000.000.000 $: Jahresgewinn aus Flüchtlings- und Sklavenhandel weltweit
- 50.000.000.000 $: Weltweiter Gesamtetat für Entwicklungshilfe
- 53.000.000.000 $: Bruttosozialprodukt von Venezuela 1991
- 65.000.000.000 $: Umsatz von IBM 1992
- 90.000.000.000 $: Vermögen von Bill Gates 1999
- 99.000.000.000 $: Verlust von AOL Time Warner 2002
- 101.000.000.000 $: Auslandsschulden Argentiniens 1998
- 110.000.000.000 $: Baukosten der Raumstation ISS
- 122.000.000.000 $: Bruttosozialprodukt von Dänemark 1991
- 132.000.000.000 $: Umsatz von General Motors 1992
- 158.000.000.000 $: Auslandsschulden Brasiliens 1998
- 215.000.000.000 $: Bruttosozialprodukt von Schweden 1991
- 211.000.000.000 $: Ausgaben der gesetzlichen Rentenversicherungen in Deutschland 1995
- 343.000.000.000 $: Verteidigungshaushalt der USA 2002
- 435.000.000.000 $: US-Außenhandelsdefizit 2002
- 451.000.000.000 $: Bruttosozialprodukt von Brasilien 1992
- 550.000.000.000 $: Bruttosozialprodukt von Kanada 1991
- 600.000.000.000 $: Weltweiter jährlicher Umsatz mit illegalen Drogen (mehr als Ernährung)
- 842.000.000.000 $: Globale Militärausgaben 1997
Durch Zins und Zinseszins ins Elend oder: Des einen Freud ist des andern Leid
Unauffällig verpackt in einen höchst unterhaltsamen Roman vermittelt uns Andreas Eschbach einen Überblick über aktuelle Probleme, über Entwicklungshilfe, gesellschaftliche und ökologische Fragen und Zusammenhänge, ebenso über Lösungsansätze und Vorschläge vom Club of Rome bis zur Tobin-Steuer. Der Leser bekommt das Leben der Reichen geschildert - die alten, behaglichen ebenso wie die neuen, schrillen - und das Leben der Verhungernden. Er bekommt einen Einblick in wirtschaftliche und politische Zusammenhänge und erfährt, warum Kofi Annan, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, machtlos ist und ob der Golfstrom versiegen kann.
Der Leser von "Eine Billion Dollar" verfolgt Johns Suche nach einer Lösung - und findet mit John heraus, dass er selbst das Problem ist. Sein Vermögen musste von jemandem erarbeitet werden. Geld arbeitet nicht, es vermehrt sich nicht von selbst. Um ihm seine vier Prozent Zinsen zu zahlen, mussten die Banken der Welt anderen Menschen Zinsen abnehmen, und die wiederum wälzten die Zinsen weiter ab, bis sie bei denen landeten, die mit dem Rücken zur Wand stehen. Bei denen, die ihre Kosten auf keinen Preis draufschlagen können, den sie von anderen bekommen, sondern die den Preis der anderen zahlen müssen - einschließlich Zins und Zinseszins. John Fontanelli hat Geld eingefordert, das es eigentlich nicht gab. Und Andreas Eschbach zeichnet beklemmende Bilder von einem philippinischen Fischerdorf und einem mexikanischen Müllhaldenslum, wo Menschen hungern, sich verschulden und noch mehr hungern, um ihre Kreditzinsen zahlen und zu Johns Vermögen beitragen zu können.
Ein Sachbuch im Romanpelz, und beide gelungen
Andreas Eschbach neigt dazu, nach Anfängen als reiner Science-Fiction-Autor, sich aktueller Probleme anzunehmen wie der Endlichkeit der Erdölvorräte oder der Manipulationsmöglichkeiten der Informationstechnologie. Dabei ist er für sorgfältige Recherche bekannt. Außergewöhnlich für einen Roman ist ein Anhang mit fünf Seiten Quellenangaben bei "Eine Billion Dollar". Als Inspiration für die Verelendung durch Zinsen wird der Aufsatz "Gib mir die Welt plus 5 %" angegeben. Zahlreiche Literaturangaben bieten weiterführenden Lesestoff. "Eine Billion Dollar" ist ein packender Roman und gleichzeitig eine Einführung in wichtige Themenfelder, ein wahres Kompendium, ein Nachschlagewerk für einführende Informationen.
Übrigens zählt Andreas Eschbach glücklicherweise zu den altmodischen Autoren, die es ganz gerne haben, wenn ihre Bücher irgendwie versöhnlich oder hoffnungsvoll enden. Der Leser hat also Grund zur Hoffnung, dass John Fontanelli doch noch auf eine Idee zur Rettung der Menschheit kommt, wie es die Vision seines Ahnen gezeigt hat. Den Slogan "We, the People", den er dafür geprägt hat, benutzt heute die Occupy-Bewegung.
Andreas Eschbach: Eine Billion Dollar. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 2001, 9,90 €
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