Am 1. Oktober 1935 tauchte in Tel Aviv ein Din-A-4-Blatt in deutscher Sprache auf, das die Überschrift „Private Correspondenz – Übersetzung der neusten Tagesnachrichten aus den palästinensischen Tageszeitungen“ trug. Es sah völlig unspektakulär aus, zumindest optisch wies nichts darauf hin, dass dieses Blatt Geschichte schreiben sollte, dass das darin angekündigte Nachrichtenblatt für tausende Flüchtlinge aus Deutschland zur ersten Nachrichtenquelle werden würde – und dass es viele Jahrzehnte später noch immer existieren würde.
Ein Flugblatt als Ankündigung
Als „Correspondent“ war in dem Flugblatt „S. Blumenthal, 77a Achad Haam Street, Tel Aviv“ angegeben, darunter Preisangaben für Monatsabonnements „Tel Aviv“, „außerhalb“ sowie „Ausland“ und der Hinweis, die Zustellung erfolge täglich frei Haus. In einem darauf folgenden Text, mit „Prospekt“ überschrieben, versuchte der „Correspondent“, der deutsche Einwanderer Siegfried Blumenthal, seinen künftigen Kunden seine Idee anzupreisen. „Die `Private Correspondenz` (PC.) hat es sich zur Aufgaben gemacht”, hieß es dort, “alle diejenigen, welche die hiesige Tagespresse noch nicht lesen können, über die laufenden Ereignisse in deutscher Sprache zu orientieren.“
Den Lesern würden in der PC. Übersetzungen der wichtigsten Nachrichten aus den hebräischen Zeitung noch am selben Tag „um die Mittagsstunde“ nach Hause zugestellt. „Durch die Auswahl der Übersetzungen aus den verschiedenen Zeitungen und Richtungen soll erreicht werden, dass der Leser nicht einseitig unterrichtet wird, sondern in der Lage ist, zu allen Tagesfragen sich ein eigenes Urteil zu bilden“, was „bei den heutigen Weltereignissen einem vielfachen Bedürfnis“ entspreche.
Ein Blatt für die deutschen Flüchtlinge
Denn Blumenthal selbst war in der Situation, in der sich zu jener Zeit Tausende Menschen in Palästina befanden: Aus Deutschland vor dem beginnenden Nationalsozialismus geflüchtet, der hebräischen Sprache nicht oder nur dürftig mächtig – aber dennoch ausgesprochen interessiert an den Ereignissen in dem Land, das ihre neue Heimat geworden war und bleiben sollte.
Die schlicht gestaltete Ankündigung Blumenthals, gestenzelt, auf einer Schreibmaschine getippt und abgezogen und damit schon für die damalige Zeit nicht eben modern in der Aufmachung, war die erste Werbung für ein Blatt, das später zur größten – und heute einzigen - deutschsprachigen Tageszeitung Palästinas und Israels werden sollte. Für die Zeitung, die für viele Flüchtlinge aus Deutschland jahrzehntelang die wichtigste Informationsquelle wurde – zunächst unter dem Namen „PC.“, später „Blumenthals Neuste Nachrichten“, heute „Israel Nachrichten“.
Eine Zeitung, die zunächst keine sein wollte
Im Oktober 1935 jedoch gab sich Blumenthal noch äußerst bescheiden. „Die PC. Ist keine Zeitung, sondern nur eine durchaus private briefliche Mitteilung des Correspondenten an seine Abonnenten und ist daher nur im Abonnement und nicht m Straßenverkauf oder Zeitungshandel erhältlich“, hieß es in dem Werbeprospekt. Diese Zurückhaltung ist allerdings nicht als Erklärung Blumenthals zu verstehen, keine Zeitung herausgeben zu wollen – sie deutet eher darauf hin, dass er offenbar darauf bedacht war, am Anfang größeres Aufsehen zu vermeiden.
Dafür sind mehrere Gründe denkbar: Möglicherweise machte sich Blumenthal Sorgen wegen der bereit beginnenden Ablehnung der deutschen Sprache – immer mehr wurde sie in Palästina einerseits als „Sprache des Feindes“, andererseits als Konkurrenz für das wiederbelebte gesprochene Hebräisch gesehen. Vermutlich hatte Blumenthal die kurze Geschichte eines anderen deutschsprachigen Blattes kurz zuvor verfolgt und wusste, welche Vorsicht bei der Herausgabe eines deutschsprachigen Blattes angebracht war, auf welchen Widerstand er bei Gegnern der deutschen Sprache stoßen könnte.
Es kann aber auch sein, dass er sein Blatt nicht als „Zeitung“ deklarieren wollte, weil ihm bewusst war, dass er dann eine Zeitungslizenz benötigt hätte – die er aber nicht bekommen konnte, da die britischen Mandatsbehörden in jener Zeit nur an Akademiker herausgaben. Möglich ist auch, dass Siegfried Blumenthal sein Blatt möglichst vor den großen hebräischen Zeitungen versteckt halten wollte, deren Artikel und Nachrichten er – vermutlich ohne zu bezahlen - als Übersetzungen veröffentlichte.
Zumindest wenn Blumenthal die beiden ersten möglichen Probleme im Kopf hatte, als er betonte, die PC. sei „keine Zeitung“, sollte er Recht behalten: Sowohl wegen der fehlenden Lizenz als auch wegen der deutschen Sprache bekam er später zahlreiche Schwierigkeiten – die ihn aber nie aufgeben ließen: Seine erste Publikation erschien bereits zwei Tage nach der Ankündigung im „Prospekt“ – und hat bis heute überlebt. Unter einem anderen Namen – „Israel Nachrichten“, doch als direkter Nachfolger der „Privaten Correspondenz“.
