
- Eine Karavelle, ohne erfahrenen Steuerleuten - http://www.darpatia.de/DARPATIA/SEEFAHRT/BUIDL/KAR
Teil 2 der Rezension:
Die sprachliche Zugeknöpftheit und lakonische Redescheu schien ausgesegnet und räsoniert. Dafür nistete sich eine scharfäugige Redlichkeit in seinen Romanen „Geschichte der Belagerung von Lissabon“ und „Das Memorial“ ein, die eines moralischen Kirchenhaderers. Dennoch errichtete Saramago, der auch als Literaturkritiker in den Feuilletons erschien, keine falschen Elfenbeintürme und Babelstürme. Er beschmierte die Tabus und Embargos des portugiesischen Volksgewissens. Er hofierte sie nicht in einer schmeichelnden, untertänigen Reflektion, sondern entlarvte sie wie eine Selbstkasteiung oder überkommene Quarantäne: Ein Ende der stiefväterlichen, gedanklichen Missbilligung. Ja, er segnete die Armen im Schauplatz „Hoffnung im Alentejo“ und Außenseiter und Verzweifelten in der „Stadt der Blinden“, vor dem Estado Novo des Salazar und danach. Nach den Narben und Auswüchsen, die Saramago aufgriff, und Portugal 1974 schließlich in den demokratischen Zirkel der Europäer gelangte.
Im Märchen „Die Geschichte von der unbekannten Insel“ funktioniert die Reise nicht ohne der ehrlichen, tiefen Stimme des Mannes, die ihn nicht täuscht, sondern ein zurückgesetztes Verlangen zu einem verbesserten Leben hervorbringt. Die Wölbungen des Himmels, das harte Holz und Bug der Karavelle rufen, seine Pilgerstimme verrät ihn nicht. Auch wenn die Hafenleute nicht für das Schiff bürgen, weiß er um die Loyalität seiner inneren Bereitschaft, damit er die Meridiane des Meeres ersegelt und erfasst. Da gibt es das eigene, faszinierende Universum, die magische Mitte des Lebens, ahnt er.
Der Stil der Erzählung
Ein genauerer Blick auf die empfindsame und zaubergleiche Darstellung des Saramago: In expressionistischer Weise löst er die traditionelle Dialogdarstellung auf. Die direkte Rede wird nicht sofort erkennbar und aussortierbar. Das ist gut. Es sorgt dafür, dass sich der Leser nachdrücklicher mit den Figuren beschäftigt und nach anfänglicher Skepsis eine Begeisterung dafür wahrnimmt. Dagegen wird einem der substantivierte Stil etwas schwieriger fallen, der vielleicht auch durch die Übersetzung hineingetragen wurde. Die vielen Hauptwörter wirken ( beispielsweise auf Seite 28: „die ungewöhnliche Inbesitznahme“ ) manchmal wie übergroße Reliefs im Flussbett. Ein stärker bevorzugter Verbalstil hätte eine bessere Lesbarkeit verliehen. Alles andere überzeugt: Seine Reise bleibt gegen jedes Dilemma etwas seines ersten Rechts. Saramago erzählt eine Geschichte, die wenige Handlungsketten aufweist, da bäumt sich nicht die Eminenz und Unvergleichlichkeit seiner großen Romane auf, da findet man auch nicht deren Vielgestaltigkeit, dennoch, um sich der Genialität seiner großen Romanen zu nähern, wie dem Roman „Das steinerne Floß“ (1986), braucht sie sich nicht hinter einer trivialen Schreibe zu verbarrikadieren.
Der Leser zieht dann der rauen, stehlenden Einseitigkeit des Alltags die Bereitschaft des Steuermannes vor. Das Schlichte und Asketische auf der portugiesischen Karavelle. Als steige eine einzigartige Wohnstätte auf.
Der Erzähler reicht dem Leser eine Faszination und nüchterne Magie
„Die Geschichte von der unbekannten Insel“ hat genügend Weisheit und Geltung, um alle diktatorische Einfalt, spartanische Tatsächlichkeit und müde Gegebenheit des Lebens auszutrumpfen. Dafür weiß der Sohn aus dem Ribatejo viel zu sehr, dem Leser etwas der Faszination an die Hand zu geben. Etwas der existentiellen Allgegenwärtigkeit. Dann siegt das Magische über die aschefarbenen Brüche. Der Leser kann das Streben nach der Originalität des Lebens einverleiben und daraus eine herrliche, würdevolle Leichtigkeit schöpfen. Wer die 58. Seite umgeblättert hat, wird die Landkarte mit einer ehemals unbekannten Insel markieren und mehr aus der Welt des Saramago aufrollen wollen, wie einen schönen, außergewöhnlichen Anfang und ein Erstkapitel.
