Sie ist eine Exotin unter Exoten, gehört zur Minderheit in der Minderheit: Leena Simon kümmert sich in der Piratenpartei um ein Thema, das dort sonst kaum jemanden interessiert: die Frauenfrage.

Sie fühle sich da wie auf einem Minenfeld, erzählte Simon am Dienstagabend (25. Oktober) im Hattinger DGB-Bildungszentrum. Schon der Titel ihres Vortrags brachte die Problematik auf den Punkt: „Die Piraten – eine Partei für weiße, männliche Computerspezialisten?“ fragte sie da. Nein, sie wolle niemanden persönlich angreifen, beteuerte die Gründerin der Piratinnen. Doch stellt sie den dort gepflegten Post-Feminismus, das Post-Gender-Denken in Frage und beharrt darauf: Die Frauenfrage ist längst nicht gelöst.

Piratinnen-Seite von Piraten gelöscht

Die Piraten verstehen sich als geschlechtsneutral, erläuterte Simon. Als sie eine Piratinnen-Seite ins Internet stellte, wurde diese zunächst gelöscht. Ihr wurde zu verstehen gegeben, dass es das Thema gar nicht gibt. Als sie Frauenbeauftragte werden wollte, bevorzugten die Mitpiraten eine Minderheitenbeauftragte. „Man wird immer wieder angemault“, beklagt sie, das Thema mache keinen Spaß. Von ihrem Berliner Landesverband wurde sie deswegen sogar abgemahnt, obwohl das Geschlechtergefälle dort gerade beim jüngsten überraschenden Wahlerfolg der neuen Partei besonders ins Auge sprang: Unter den 15 gewählten Abgeordneten findet sich gerade mal eine Frau. Zwei hatten sich vorher „aus persönlichen Gründen“ von der Liste streichen lassen.

Leena Simon nennt ihre Parteigenossen „die Jungs“. Die findet sie zwar nicht frauenfeindlich, aber auch nicht frauenfreundlich genug. Die Gründe dafür sieht sie in der Herkunft der meisten Piraten. Die würden den Feminismus höchstens mal aus einem Witz über Alice Schwarzer in ihren Mittelschichtfamilien kennen. „Die Jungs“ hielten die Frauenfrage für gelöst, was Leena Simon aufgrund von deren sozialer Zugehörigkeit sogar verstehen kann. Schwieriger wird es für die Politologin dann schon, wenn die eigenen Geschlechtsgenossinnen bei den Piraten die Sensibilität für das Thema vermissen lassen. Es waren Frauen, erinnert sich Simon, die sie wegen ihres politischen Engagements fragten: „Schaffst Du das denn neben dem Studium?“ Einem Mann würden solche Fragen nicht gestellt. Eine andere Frau erkundigte sich bei der Piratin, ob sie denn auch für männliche Bedürfnisse ein Ohr habe.

Der Sexismus kommt zurück

„Natürlich habe ich Zeit, sonst würde ich nicht kandidieren“, lautete ihre Antwort. Die Frauenfrage ist für die Philosophin eben nicht gelöst. Nur sind auch die meisten der wenigen jungen Frauen bei den Piraten noch nicht an die „gläserne Decke“ gestoßen, die den beruflichen Aufstieg von Frauen begrenzt, glaubt Simon. Sie hätten (noch) keine Kinder und nähmen die wieder zunehmende sexualisierte Werbung nicht wahr. Simon sieht alte Rollenbilder wieder aufleben, was ihr populäre Fernsehserien wie „Germany`s next Top-Model“ zeigen. Und auch beim Zentralthema der Piraten, dem Internet, sieht Simon Frauen allzu häufig in der Rolle des bloßen Nutzers. „Sie bestreiten es aber nicht“, ihr Interesse mitzugestalten und mitzubestimmen, findet die engagierte Piratin zu gering. Sie wünscht sich bei der Piratenpartei, bei der sie sonst so viele guten Ideen und Forderungen erkennt, „Feministinnen, mit denen man sich die Bälle zuwerfen kann“. Vielen Piraten sei nicht klar, dass sie wegen ihrer Bildung und ihres Geschlechts eine privilegierte Position haben.

Ein Zuhörer in Hattingen warf Simon in der anschließenden Diskussion eine „FDP-Perspektive“ vor. Männer hätten eben in ihrer Sozialisation gelernt, die Ellbogen einzusetzen. Es sei eben nicht nur deren Unkenntnis und Naivität in der Frauenfrage, die sie für das Thema unempfänglich machten. Und zu den Frauen merkte er an: „Frauen machen diese ganze Scheiße mit, weil sie Teil dieser Gesellschaft sein wollen und nicht einer anderen“. Simon antwortete darauf mit einem Bild: Als sie zum ersten mal mit dem Linksverkehr in England Bekanntschaft gemacht habe, sei sie in viele Fallen getappt. Weil dort sogar die Rolltreppen in die entgegengesetzte Richtung liefen, habe sie sich oft auf der Abwärts-Seite befunden, wenn sie eigentlich aufwärts wollte. Gesetzmäßigkeiten würden einem eben erst dann bewusst, wenn man damit konfrontiert wird. „Die Jungs“ bei den Piraten findet sie gar nicht boshaft, die seien mit diesen Gesetzen nur noch nicht in Konflikt geraten. Das gelte auch für die Piraten-Frauen. Simon will niemandem eine Schuld zuweisen. Ihr geht es darum, „zu erkennen, wo liegt das Problem und wie kann ich es ändern“. In der Politik drehe sich vieles um Macht, und Frauen würden zur Bescheidenheit erzogen.

"Nazis kommen nicht ins Haus"

Die Feministin setzte sich auch mit einem anderen Verdacht auseinander, dem sich die Piraten oft ausgesetzt sehen: Sie seien rechtslastig oder sogar von rechts unterwandert. „Gut ist, wenn jemand sagt, Nazis kommen nicht ins Haus“, beschreibt sie ihre Haltung dazu. Auf dem Land aufgewachsen kannte sie dort in ihrer Generation kaum jemanden, der nicht einmal mit dem Rechtsextremismus in Berührung gekommen sei, so Leena Simon. Sie bekennt sich aber zu dem Grundsatz: Jeder darf dazulernen. Wer sich also von rechter Ideologie abwende, könne auch bei den Piraten mitmachen.

Abgesehen von den Feminismus-Defiziten erkennt Simon viel Gutes bei den Piraten. Deren Betonung der Bürgerrechte und Transparenz, der „liquid democarcy“, sei richtig. Es gehe darum, Probleme mit einem verknöcherten System aufzubrechen, frischen Wind hineinzubringen. Bildung und Grundeinkommen nennt sie als weitere Schwerpunkte. „Die Piraten fischen in grünen Gewässern“, bekennt sie freimütig. Das Internet charakterisiert die Piratin als Methode, mit deren Hilfe Probleme gelöst werden könnten. Zugleich warnt sie aber auch davor, dass das Internet zu neuer Unfreiheit und Manipulation führen könnte.

Bei den Piraten siegten die "Vollies" über die "Kernies"

Oft wird den Piraten vorgeworfen, sie seien eine Ein-Punkt-Partei. Dazu Simon: In der Auseinandersetzung zwischen „Kernies“ (Verfechtern einer programmatischen Beschränkung) und Vollies“ (Verfechtern eines Vollprogramms) hätten sich letztere durchgesetzt. Auf Nachfrage bekennt sie aber auch, dass Systemveränderung und Kapitalismuskritik nicht Sache der Piraten seien. Alles muss seine Ordnung haben, meint die Rebellin unter den Piraten. Dabei ist es ihr wichtig, dass es transparent zugeht.

Quelle: Besuch der Informationsveranstaltung beim DGB-Bildungswerk Hattingen