
- Nahrendorf cas 4 - Castagnola
Unser gesellschaftspolitisches Ziel, heißt es im Grundsatzprogramm der CDU, ist es, dass die soziale Herkunft nicht über die Zukunftschancen entscheiden darf und Aufstieg durch Bildung ermöglicht werden muss. Der frühere CDU-Generalsekretär und heutige Kanzleramtsminister Ronald Pofalla, wie Ex-Kanzler Gerhard Schröder selbst ein sozialer Aufsteiger, hat erläutert, eine Chancengesellschaft verpflichte sich, die zu stärken, die weniger glücklich gestartet seien. Über das Ziel einer Chancengesellschaft besteht weitgehend Konsens unter den Parteien, wobei nur der Umfang der staatlichen Förderung sozial Benachteiligter und sie begünstigender staatlicher Regelungen unterschiedlich gesehen wird, aber das Leitbild des selbstverantwortlichen Menschen nicht in Frage gestellt wird. Jeder ist der Autor seiner eigenen Biografie, pflegte der ehemalige FDP-Generalsekretär Christian Lindner zu sagen.
Für faire Aufstiegschancen
Auch wenn die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles wie kürzlich auf einer Veranstaltung der Vodafone-Stiftung für eine gebührenfreie Bildung von der Kita bis zur Uni plädiert, für faire Aufstiegschancen setzen sich alle Parteien ein. Sie alle fordern Kitas für unter Dreijährige, die gezielte Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund und mehr Ganztagschulen, nur beim Betreuungsgeld für Eltern, die ihr Kleinkind selbst betreuen, steht die Union allein. Es ist in der Tat schwer zu rechtfertigen.
Ein Alleinstellungsmerkmal zu finden, gelingt der FDP auch nur, indem sie die politischen Kontrahenten bewusst karikiert, ihnen unterstellt, eine träge bevormundende Anspruchsgesellschaft zu propagieren. Wer für die soziale Erfüllung der Chancengleichheit eintritt, ficht jedoch nicht für Gleichheit im Ergebnis. Insofern treten auch die mit der FDP konkurrierenden Parteien für den Aufstieg durch Leistung und nicht durch Herkunft ein und kann ein Aufstieg für alle schlecht möglich sein.
Chancen auf dem dritten Bildungsweg
Der deutsche Traum oder die Erfüllung des Aufstiegsversprechens der Sozialen Marktwirtschaft erfordert eine Aufstiegskultur, den Aufstieg durch Bildung, Anstrengung und Leistung. Wer mit seinen Plänen und Ambitionen zunächst scheitert, darf nicht mitleidig belächelt oder gar verächtlich gemacht werden. Das Risiko des Scheiterns ist die Kehrseite des Erfolgs. Wer etwas gewagt hat, muss anerkannt und zu einem neuen Versuch ermuntert werden. Das gilt für die Berufspraktiker, die nun die Chance haben, nicht nur auf dem zweiten Bildungsweg schulische Abschlüsse nachzuholen, sondern auf dem dritten Bildungsweg fachgebunden oder, sofern sie Meister sind, fachungebunden zu studieren. Es tun schon mehr als 25 000.
Erst recht gilt es für die diejenigen die die Aufstiegsgesellschaft buchstäblich als unternehmerische Gesellschaft sehen und ein Unternehmen gründen. Zwischen 11 bis 18 Prozent aller Unternehmensgründer sind „Restarter“, versuchen es erneut. Sie sind nicht weniger erfolgreich als andere. Die statische Einstellung vieler Deutscher spiegelt sich darin, dass sie von einer „einmaligen Chance“ sprechen oder allenfalls für eine „Kultur der zweiten Chance“ eintreten. Die Chancengesellschaft begrenzt die Chancen nicht auf zwei oder drei, sondern ist eine Gesellschaft der wiederkehrenden Chancen in einem durchlässigen Bildungssystem, der lebenslangen Weiterbildung und aufstiegsoffenen Berufen, in denen Leistung und nicht Herkunft zählt.
Die Tugend der Beharrlichkeit
Wenn es aus den Erfolgsgeschichten vieler Erfinder und Unternehmer von Edison bis Artur Fischer eine Lehre zu ziehen gibt, ist es die Tugend der Beharrlichkeit. Geht, gibt es nicht, hat Fischer gesagt, und es wie Edison immer wieder versucht, bis ihnen ihre Erfindungen gelangen.
